Hamburg historisch

Mit der Bahn von Berlin nach Hamburg in neun Stunden

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Matthias Schmoock
Der 1857 fertig gestellte Berliner Bahnhof auf einem undatierten Foto. Er befand sich am Deichtorplatz zwischen Amsinck- und Banksstraße.

Der 1857 fertig gestellte Berliner Bahnhof auf einem undatierten Foto. Er befand sich am Deichtorplatz zwischen Amsinck- und Banksstraße.

Foto: Getty Images / ullstein bild/Getty Images

Vor 175 Jahren fuhr erstmals eine Eisenbahn zwischen den beiden größten deutschen Städten. Nach aufwendigen Planungen.

Hamburg. Heutzutage geht es ganz schnell. Wer mit der Bahn von Hamburg nach Berlin reist, muss nur knapp unter zwei Stunden einplanen, um die Hauptstadt zu erreichen – wenn alles glatt geht. Vor 175 Jahren dauerte die Fahrt rund neun Stunden, aber die Menschen empfanden diese Art der Reise trotzdem als eine deutliche Steigerung gegenüber der rumpeligen Kutschfahrt von anno Dazumal. Am 12. Dezember 1846 fuhr erstmals eine Eisenbahn zwischen den beiden größten deutschen Städten – ein aufregender Tag. Ein Anfang war gemacht, und danach ging es bei Leistungsstärke, Komfort und Geschwindigkeit der Züge permanent bergauf.

Bahnstrecke Berlin-Hamburg: Erste Überlegungen in den 1830ern

Die vergleichsweise lange Fahrzeit der Anfangsjahre passt irgendwie zu der schier unendlichen Planungsphase davor. Erste Überlegungen für eine Verbindung per Bahn stammen schon aus den 1830er-Jahren. Bereits 1835 hatte der zu Unrecht weitgehend vergessene Eisenbahn-Pionier Friedrich List (1789-1846) die Konzession für eine Linie Hamburg/Berlin beantragt – erfolglos. Erster wichtiger Schritt war dann die Fertigstellung der Hamburg-Bergedorfer Bahn, die im Mai 1842 in Betrieb genommen worden war und als erstes Teilstück der späteren Strecke gesehen werden kann.

Eigentlich sollte sie schon Anfang des Monats mit einem großen Fest eröffnet werden, aber der verheerende Hamburger Brand, der am 5. Mai ausbrach, machte die Planung zunichte. Die Bahn überstand im wahrsten Sinne des Wortes ihre Feuertaufe, indem sie in den dramatischen Tagen für den Transport von Löschgerät und Feuerwehrleuten nach Hamburg und für den Transport obdachlos Gewordener nach auswärts eingesetzt wurde. Auf eine große Feier verzichtete man schließlich, und die offizielle Einweihung am 17. Mai war deutlich unspektakulärer als geplant.

Der genaue Streckenverlauf war lange unklar

Nun also das Großprojekt: Die Strecke Richtung Berlin sollte verlängert werden – aber wie? In der Jubiläums-Ausgabe des Magazins „Eisenbahn Kurier“, hat Autor Robin Garn die einzelnen Punkte der aufwendige Planung noch einmal zusammengefasst. Dabei ging es vor allem darum die Partikularinteressen aller Beteiligten soweit wie möglich zu berücksichtigen – ein schönes Beispiel dafür, wie die Kleinstaaterei jener Zeit derartige Vorhaben verkomplizierte.

Nach langen Vorverhandlungen schlossen die diversen Regierungen am 8. November 1841 den „Vertrag zwischen Preußen, Dänemark, Mecklenburg-Schwerin und den Senaten der freien und Hansestädte Lübeck und Hamburg, die Herstellung einer Eisenbahn-Verbindung zwischen Berlin und Hamburg betreffend“. Zur Sicherung der Finanzierung übernahm Hamburg ein großes Aktienpaket, und das, obwohl die Finanzlage der Stadt nach dem Brand sehr angespannt war. Der genaue Streckenverlauf war da aber noch keineswegs endgültig festgelegt.

Detailberatungen zogen sich bis 1845 hin

Aus der Fülle an Zurückweisungen und Zugeständnissen nur zwei Beispiele: Der dänische König Christian VIII forderte, dass die Bahn über Lauenburg fahren müsse. Als sich das als nicht umsetzbar erwies, wurde von Büchen aus eine Zweigstrecke nach Süden bis Lauenburg gelegt, welche den Einwohnern der Stadt fortan kostenlos zur Verfügung stand. Dieses „Lauenburger Privileg“ bestand noch bis 1937. Und als der mecklenburgische Herzog Friedrich Franz murrte, verschob man die Trasse westlich von Wittenberge nach Norden, um die Residenzstadt Schwerin über eine Verbindungsstrecke mit Hagenow näher an die Hauptbahn zu ziehen.

Letzte Detail-Beratungen sollten sich unglaublicher Weise noch bis ins Frühjahr 1845 hinziehen. Aber dann. „Von den ersten Spatenstichen, am 6. Mai 1844 in der Nähe von Karstädt und Ludwigslust, bis zur Eröffnung der Gesamtstrecke vergingen zwei Jahre, neun Monate und sechs Tage“, schreibt Autor Garn. „Bis zu 10.000 Menschen waren in Spitzenzeiten mit dem Bau beschäftigt, darunter an den Hochbauten alleine 1200 Maurer und Zimmerer.“

12. Dezember 1846: Der erste Zug fährt von Berlin nach Hamburg

Am 7. Oktober 1846 fuhr der erste Probezug von Berlin nach Boizenburg, und am 12. Dezember war es endlich soweit: Erstmals dampfte ein Zug der Berlin-Hamburger Eisenbahn (BHE) auf der Gesamtstrecke. Mit an Bord waren Angehörige der Direktion, Investoren und Honoratioren der beteiligten Staaten. Nach der Ankunft in Hamburg schloss sich ein Festmahl im Hotel d’ Europe an der Binnenalster an. Die Gäste dürften sehr erleichtert gewesen sein. Drei Tage später nahm die BHE ihren Regelverkehr auf.

Westlichster Endpunkt war der Berliner Bahnhof in Hamburg. Er entstand aus der Erweiterung des zuvor an dieser Stelle von Alexis de Chateauneuf erbauten Bahnhofs für die Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn von 1842. Der Berliner Bahnhof wurde 1857 fertiggestellt und 1903 stillgelegt.

Berlin-Hamburg: Fahrt dauert in den 1870ern noch 5,5 Stunden

Schon in den 1870er Jahren betrug die Fahrzeit dann nur noch fünfeinhalb Stunden, wie Eisenbahn-Kenner schätzen. Und so ging es simmer weiter bergauf. Eine Randnotiz: An der Berliner Peripherie entstanden innerhalb von nur acht Jahren (1838 bis 1846) fünf Kopfbahnhöfe inklusive der dazu gehörenden Anlagen. Robin Garn dazu: „Verkneifen Sie sich bitte, an den neuen Berliner Flughafen zu denken.“

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