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Streit eskaliert: 48-Stunden-Streik auf Finkenwerder

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Die IG-Metall ruft die Mitarbeiter von Airbus zum Warnstreik auf (Archivbild).

Die IG-Metall ruft die Mitarbeiter von Airbus zum Warnstreik auf (Archivbild).

Foto: dpa

Gewerkschaft wirft Airbus vor, die Eskalation zu suchen. Airbus-Chef Faury attackiert IG Metall: „unangemessen und respektlos“.

Hamburg. Ein Stück Garn rückte Daniel Friedrich am Mittwoch zu Beginn seiner Ausführungen in den Mittelpunkt. „Der Geduldsfaden wird sehr stark strapaziert“, bei vielen Kollegen sei er bereits gerissen, sagte der Bezirksleiter der IG Metall Küste in einer Videoschalte mit Journalisten. Und bei ihm als Verhandlungsführer der Arbeitnehmerseite im Konflikt mit Airbus sei er auch „nicht mehr sehr dick“.

Ein Schritt vor und zwei zurück sei bei Standardtänzen vielleicht eine gute Idee, bei Tarifverhandlungen bringe dies einen mehr in die Eskalation als zur Lösung. Das Management habe gemachte Zusagen wiederholt kassiert und meine allein am besten zu wissen, wie der geplante Konzernumbau aussehen solle. Das sei nicht zu akzeptieren. Bisher seien beim Flugzeugbauer solche Entscheidungen stets im Dialog erfolgt.

48-Stunden-Streik bei Airbus in Hamburg

Daher ruft die Gewerkschaft nun erneut zu Warnstreiks auf, und zwar von Donnerstag bis Sonntag an den Standorten von Airbus und der Tochter Premium Aerotec Group (PAG). „Die Warnstreiks werden eine unterschiedliche Länge je nach Schicht, Auslastung und Betroffenheit haben“, so Friedrich. Auf Finkenwerder sollen die rund 14.000 Beschäftigten von Freitag 6 Uhr bis Sonntag 6 Uhr für 48 Stunden die Arbeit niederlegen. Am besonders stark betroffenen Werk in Augsburg ist sogar ein 57 Stunden dauernder Ausstand geplant.

Das Management reagierte mit einer Rundmail an die Beschäftigten. Es gebe „keinen gravierenden Grund, der diesen Aufruf zum Streik rechtfertigen würde“, schrieben Vorstandschef Guillaume Faury und Michael Schöllhorn, der Aufsichtsratsvorsitzende der Airbus Operations GmbH, bei der die 14.000 Hamburger Mitarbeiter angestellt sind.

Positiv hervor hob Faury das Engagement der Mitarbeiter, um das Unternehmen durch die Corona-Krise zu manovrieren. „Dass diese enorme Gemeinschaftsleistung nun infrage gestellt wird, indem Aktivitäten blockiert werden, finden wir unangemessen und respektlos gegenüber all jenen, die Tag für Tag so viel für Airbus geben“, schrieb der Chef.

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Airbus-Streik in Hamburg: Demo um 8.30 Uhr

Schöllhorn, der am heutigen Donnerstag zu einer Aufsichtsratssitzung in der Hansestadt ist, wird eine Protestaktion erleben. Um 8.30 Uhr wollen sich 100 bis 150 Delegierte aller Standorte am Werkstor treffen und in einer Demo über das Gelände ziehen. Am Freitag soll dann eine Onlinekundgebung stattfinden. Wegen Corona verzichtet die Gewerkschaft auf eine Massenmobilisierung.

Wie es zum Streik bei Airbus kam

Darum geht es im Konflikt: Das Unternehmen möchte seine Flugzeugfertigung neu aufstellen, denn es sieht den Rumpf künftig wieder als Kernaktivität an. Hintergrund: Airbus möchte 2035 einen „grünen“ Flieger in die Luft bringen, der mit Wasserstoff angetrieben wird. Da die benötigten Mengen davon sehr voluminös sind, dürfte dies erhebliche Veränderungen der Flugzeugstruktur nach sich ziehen.

Die Tochter PAG fertigt Rumpfschalen, die dann in Hamburg zu Rumpfsektionen montiert werden. Diese sogenannte Strukturmontage soll ebenso wie die Ausrüstungsmontage – in der Kabel und Leitungen verlegt werden – in eine neue sogenannte Aerostructure-Tochter (ASA genannt) ausgelagert werden. In Hamburg sollen rund 4000 Beschäftigte von Airbus Operations in die ASA wechseln.

Damit haben sich die Arbeitnehmer im Prinzip abgefunden – sie fordern aber Absicherungen für die wechselnden Beschäftigten, falls sie doch den Job verlieren. Es ist der Punkt, an dem sie eingreifen können. Denn den Umbau kann der Konzern im Alleingang beschließen. Bei zwölf Jahren Laufzeit wird beispielsweise eine Abfindung von drei Bruttomonatsgehältern je Beschäftigungsjahr mit einem Sockelbetrag von 25.000 Euro verlangt.

Wie der Airbus-Streik eskalierte

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die sogenannte Einzelteilefertigung. Diese erfolgt bei PAG in Varel sowie im Augsburger Werk IV. Airbus hält diesen Bereich für ein Verlustgeschäft, will ihn in einer zweiten, neu zu gründenden Tochter bündeln und die Mehrheit an einen Investor abgeben. Man habe zugesagt, mit einem Anteil von 25,1 Prozent an der neuen Firma zu beteiligt zu bleiben, verweist ein Sprecher auf Zugeständnisse des Unternehmens.

Zudem wolle man sich für den Erhalt der von Airbus gewöhnten sozialen Standards engagieren und den Investor nach strengen Kriterien auswählen, die zusammen mit der Arbeitnehmerseite festgelegt würden. Doch die IG Metall kontert. „Wir haben große Zweifel, dass die Investorenlösung funktionieren kann“, sagte Daniel Friedrich. Einen Investor mit einer starken industriellen Perspektive, der Aufträge mitbringe und soziale Standards erfüllen werde, sehe man nicht. Betriebsräte in Augsburg befürchten, dass der Standort von der Luftfahrtlandkarte verschwinden soll, und sprachen von einem „Sterben auf Raten“.

Airbus-Mitarbeiter bangen um ihre Jobs

Konfliktpotenzial birgt aber auch die Situation bei der ASA. Man garantiere bis Ende 2025 sowohl eine Mindestauslastung der Standorte als auch den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen, sagte ein Firmensprecher. Zudem wolle man bis dahin nahezu zwei Milliarden Euro für die Standorte der Strukturmontage und Airbus Operations investieren. „Das reicht – und ist trotzdem unzureichend“, sagte Friedrich und nannte 1,5 Milliarden Euro als vom Konzern zugesagte Summe. „Aber man muss auch deutlich sagen: Sie sichert maßgeblich den Hochlauf ab.“

Airbus fährt die Produktion der A320-Flieger nach der Corona-Krise wieder hoch und will von im Sommer gefertigten konzernweit 40 Maschinen pro Monat wieder auf 60 Exem­plare Ende nächsten Jahres kommen. Für die nächste Flugzeuggeneration – Stichwort Wasserstoffantrieb – bleibe nichts übrig. „Deswegen müssen wir die Frage stellen: Wie beteiligen wir die Standorte an dieser Zukunft? Und dazu sind zu wenig Fragen beantwortet.“

Airbus-Konzernbetriebsratschef Holger Junge hielt die Zusagen bis 2025 für zu wenig. „Soll dann die nächste Keule kommen?“, fragte er. Die Mitarbeiter seien seit Corona-Beginn im Krisenmodus und bangten um ihre Jobs. Mit dem Vorgehen gefährde der Arbeitgeber den Hochlauf der Produktion und das Auslieferungsziel von 600 Jets 2021. „Wir sind keine Blockierer. Wir sind auch keine Hasardeure, die Airbus gefährden wollen“, sagte Junge: „Wir wollen unsere Rechte in Anspruch nehmen und unsere Arbeitsanteile dauerhaft sichern.“

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