Schach-WM

Das Duell der Köpfe – die Fitness entscheidet

| Lesedauer: 7 Minuten
Rainer Grünberg
Sie spielen von Freitag an auf der Expo in Dubai 14 Schachpartien um zwei Millionen US-Dollar Preisgeld: der russische Herausforderer Jan Nepomnjaschtschi (l., 31) und der norwegische Weltmeister Magnus Carlsen (30).

Sie spielen von Freitag an auf der Expo in Dubai 14 Schachpartien um zwei Millionen US-Dollar Preisgeld: der russische Herausforderer Jan Nepomnjaschtschi (l., 31) und der norwegische Weltmeister Magnus Carlsen (30).

Foto: Giuseppe Cacace / AFP

Magnus Carlsen und Jan Nepomnjaschtschi ziehen in Dubai um den Titel – der Herausforderer nahm für den Wettkampf zehn Kilogramm ab.

Das schwarz-weiß gemusterte Brett ist aufgestellt, die Ledersessel stehen, vom heutigen Freitag an werden Magnus Carlsen und Jan Alexandrowitsch Nepomnjaschtschi in der Halle 2 Süd des Expo-2000-Geländes in Dubai Bauern und Figuren in Bewegung setzen. Das Motto der Weltausstellung, die wie die Schach-WM schon im vergangenen Jahr im Wüsten-Emirat hätte stattfinden sollen: „Connecting Minds“. Den norwegischen Weltmeister und seinen russischer Herausforderer, der in der ersten der 14 Partien die weißen Steine führt, verbindet in den nächsten drei Wochen jedoch nur ein Gedanke: das Duell der Köpfe und damit 1,2 Millionen US-Dollar (1,07 Millionen Euro) zu gewinnen. Der Verlierer erhält 800.000 Dollar.

Schach hat von der Corona-Pandemie profitiert (siehe Artikel unten), weil es nicht nur analog am Brett, sondern auch online gespielt und am heimischen Computer problemlos live verfolgt werden kann. Millionen neuer Fans konnten in den vergangenen zwei Jahren weltweit begeistert werden. Zudem trug die 2020 ausgestrahlte Netflix-Serie „The Queen’s Gambit“, die zum Teil in Berlin gedreht wurde, zum gesteigerten Interesse bei. Das WM-Match übertragen bekannte Portale wie chessbase.de (Hamburger Schachsoftwarefirma) und chess24.com.

Bei der Schach-WM in Dubai entscheidet die Fitness

Carlsen und seinen Sponsoren war es zu verdanken, dass der Schachbetrieb in Zeiten des Lockdowns und der Reisebeschränkungen nicht stillstand, die besten Großmeister der Welt weiter auf den 64 Feldern gutes Geld verdienen konnten. Gespielt wurden in dieser Zeit fast ausnahmslos Turniere mit verkürzter Zeit zum Nachdenken, Schnell- und Blitzpartien. Auch in diesen setzte der Weltmeister seine Kontrahenten, darunter Nepomnjaschtschi, meistens matt, gelegentliche Niederlagen nahm er mit Sportsgeist.

Carlsen ist seit zehn Jahren der beste Schachspieler der Welt, führt seit Juli 2011 die Weltrangliste an, ist seit 2013 Weltmeister, aktuell ebenfalls die Nummer eins in den Disziplinen mit kurzer Bedenkzeit (25 und fünf Minuten pro Partie). Zwischen Juli 2018 und Oktober 2020 blieb der Norweger in 125 Spielen in Folge (44 Siege, 81 Remis) mit langer Bedenkzeit (zwei Stunden für die ersten 40 Züge) ohne Niederlage. Das ist bis heute Weltrekord.

Nepomnjaschtschi als einziger Spieler positive Bilanz gegen Carlsen

Die Herausforderung könnte für Nepomnjaschtschi, Nummer fünf der Weltrangliste, also nicht größer sein. Dennoch gilt der 31-Jährige, der viereinhalb Monate älter als Carlsen ist, als einer der wenigen, die den Weltmeister entthronen könnten. Wie Carlsen verfügt er über herausragendes Stellungsgefühl, gepaart mit taktischer Raffinesse. Mit seiner Gabe, komplexe Positionen schnell zu erfassen, dann entsprechend zügig zu ziehen, will er den selbstbewussten Norweger unter Druck setzen.

Als einziger Weltklassespieler weist Nepomnjaschtschi in Turnierpartien eine positive Bilanz gegen den Titelverteidiger auf, gewann vier, verlor nur eine, sechs endeten remis. Zwei der Siege stammen aus der gemeinsamen Jugendzeit, als Nepomnjaschtschi U-12-Europameister, später U-12-Weltmeister wurde. Die beiden bisher letzten Duelle gingen im September im norwegischen Stavanger unentschieden aus. Beide Seiten vermieden größere Kampfhandlungen.

Carlsen schickte Mitarbeiter für den Zeitunterschied nach Thailand

Zu einer Schach-WM gehören indes mehr als die beiden Kontrahenten. Carlsen und Nepomnjaschtschi unterhalten einen größeren Stab Sekundanten, der ihnen bei der Partievor- und -Nachbereitung zuarbeitet. Zu Carlsens Team gesellt sich seit Jahren der Hamburger Großmeister, Schachkommentator und -entertainer Jan Gustafsson. Der 42-Jährige wird vom Weltmeister für sein tiefes Verständnis der Spieleröffnungen und für seine Ideen geschätzt. Auch geschäftlich, auf Schachplattformen, sind beide seit Längerem verbunden.

Beim WM-Duell 2018 in London gegen den Italo-Amerikaner Fabiano Caruana (29) schickte Carlsen seine Helfer nach Thailand. Während er schlief, konnten diese den Zeitunterschied nutzen, tagsüber in Asien ihre Erkenntnisse mithilfe spezieller Computerprogramme auswerten, sie dann ihrem Chef nach dem Frühstück per Videoschalte übermitteln.

Nepomn­jaschtschi setzt in Dubai auf ungarische Expertise

Wo sich Carlsens Crew diesmal aufhalten wird, bleibt vorerst geheim wie ihre Zusammensetzung. Alle Teammitglieder mussten sich in ihren Verträgen verpflichten, bis zum Ende des Wettkampfes zu schweigen; aus dem bestellten Personal könnten schließlich mögliche Spielstrategien abgeleitet werden.

2013 beim Sieg gegen den damaligen indischen Weltmeister Viswanathan Anand (51) zählte Nepomn­jaschtschi noch zu Carlsens Männern. In Dubai setzt der Russe auf die Expertise des ehemaligen ungarischen Vizeweltmeisters Peter Leko (42) und auf mehrere seiner Landsmänner, die den WM-Titel ins Mutterland des modernen Schachs zurückholen sollen. Seit Wladimir Kramnik (46) 2008 in Bonn gegen Anand verlor, warten die Russen auf einen neuen Champion. Zwischen 1927 und 2008 kamen die Weltmeister bis auf zwei kurze Unterbrechungen ausschließlich aus der Sowjetunion und später aus Russland.

In kritischen Stellungen steigt der Puls auf 155 Schläge

Schachweltmeisterschaften werden nicht nur im Kopf entschieden, immer wichtiger wird die körperliche Fitness, um bei klarem Verstand zu bleiben, um unter Stress die richtigen Entscheidungen zu treffen. Während Carlsen, Fan von Real Madrid und seines Landsmannes Erling Haaland, als leidenschaftlicher Fußballer und Basketballer gilt, beides regelmäßig spielt, hinkten Nepomn­jaschtschis Ausdauerwerte bislang hinterher.

Seit seinem Sieg im Kandidatenturnier Ende April im russischen Jekaterinburg, mit dem sich der Anhänger von Spartak Moskau für den WM-Kampf qualifizierte, hat er zehn Kilo abgenommen. Im Juli gastierte er bei den Bundesliga-Basketballern des FC Bayern München, ließ sich sportmedizinisch durchchecken, trainierte mit Athletikcoach Marcus Lindner im Kraftraum des Audi Domes. „Für einen energieraubenden Prozess wie das Schachspielen sind Durchhaltevermögen, Stabilität die notwendige Basis“, hat Nepomnja­schtschi inzwischen erkannt. Von den Bayern erhielt er ein Trikot mit der Rückennummer 90, seinem Geburtsjahrgang.

Erstes Schach-Medizin-Turnier 1981

Schon die alten Römer sahen in Kopf und Körper eine Einheit, postulierten, ein gesunder Geist möge in einem gesunden Körper stecken. Welche körperlichen Belastungen ein vier- bis fünfstündiges Schachmatch auslöst, hat der Münchner Großmeister, Arzt, Psychologe und ehemalige TV-Moderator Helmut Pfleger (78) vor 42 Jahren zu erforschen begonnen.

Erste Erkenntnisse gewann er bei einem Weltklasseturnier 1979 in München, an dem unter anderen der damalige Weltmeister Anatoli Karpow, der ehemalige Champion Boris Spassky und die deutsche Nummer eins, Robert Hübner, teilnahmen. Vertiefen konnte er seine Ergebnisse bei einem von ihm organisierten Schach-Medizin-Turnier 1981 in der Sportschule Grünwald bei München, bei dem zehn Spieler des deutschen Junioren-Nationalkaders mitwirkten.

Schach: Körperliche Belastung wie beim Sportschießen

Dabei wurden während der Partien fortlaufend EKG, Blutdruck, Atem­frequenz, Hautwiderstand, Blutgase, Katecholamine und sämtliche Laborwerte gemessen sowie Ergometrien durchgeführt. „Es zeigte sich, dass Schach in Bezug auf die körperliche Belastung und Leistungsfähigkeit durchaus mit anderen (Leicht-)Sportarten (wie zum Beispiel Sportschießen, die Red.) vergleichbar ist“, berichtete Pfleger. In kritischen Stellungen, etwa in Zeitnot gegen Ende der Partie, lag die Herzfrequenz bei bis zu 155 Schlägen pro Minute, der systolische Blutdruck stieg auf 200 mmHg.

Seine Schlussfolgerung: Ohne körperliche Fitness lässt sich auf Dauer kaum der richtige Zug finden.

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