Prozess in Hamburg

Maskenstreit: Messerstecher muss knapp fünf Jahre in Haft

| Lesedauer: 4 Minuten
Bettina Mittelacher
Weil er nach einem eskalierten Streit um das Tragen einer Maske auf einen Kraftfahrer eingestochen haben soll, steht ein 27-Jähriger nun in Hamburg vor Gericht.

Weil er nach einem eskalierten Streit um das Tragen einer Maske auf einen Kraftfahrer eingestochen haben soll, steht ein 27-Jähriger nun in Hamburg vor Gericht.

Foto: dpa

Der 27-Jährige hatte Lkw-Fahrer angegriffen und durch mehrere Messerstiche schwer verletzt. Auch dessen Tochter hatte er bedroht.

Hamburg. Die Angst blieb bis zum Schluss. Da war immer noch das Messer und der Mann, der aggressiv war und ohne Maß. Ein Fremder, der zugestochen hatte und sich auch weiterhin kaum bändigen ließ. Zwei Stiche hatte Tayfun T. in den Oberkörper abbekommen, und der 51-Jährige fürchtete nicht nur um sein Leben, sondern auch um das seiner Tochter, die ihm zu Hilfe geeilt war und sich zwischen ihren Vater und den Angreifer gestellt hatte. Was würde noch passieren? Wie weit würde der Täter gehen?

Tayfun T. ist bis heute, sechseinhalb Monate nach der Attacke durch einen Fremden vom 8. Mai dieses Jahres, erschüttert von der Gewalt und der Gefährlichkeit, mit der gegen ihn vorgegangen wurde. Der 51-Jährige hatte in jener Nacht einen Mann, der ihn angesprochen hatte und dicht an seinen Lieferwagen und ihn herangetreten war, aufgefordert, Abstand zu halten — und eine Corona-Maske aufzusetzen. Doch ob diese Mahnung der Grund gewesen ist, dass sein Gegenüber Kevin H. vollkommen ausrastete und den dreifachen Vater schwer verletzte, ist nicht geklärt.

Messerstiche nach Maskenstreit: Angeklagter hatte "Filmriss"

Im Grunde genommen weiß niemand, warum Kevin H. wirklich zustach und damit ein Menschenleben gefährdet hat. Am Donnerstag erging gegen den 27-Jährigen, der sich wegen des Angriffs auf Tayfun T. vor dem Schwurgericht verantworten musste, das Urteil. Vier Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verhängte die Kammer gegen den jungen Hamburger.

Der Angeklagte hatte im Prozess angegeben, nach dem Konsum einer Flasche Wodka einen Filmriss zu haben und sich an die Tat nicht erinnern zu können. Doch er leugnete das Geschehen nicht und bat das Opfer mehrfach um Entschuldigung. Allerdings beteuerte Kevin H., kein Maskenverweigerer zu sein. Dies bestätigte auch sein Arbeitgeber, der als Zeuge ausgesagt hatte, dass es in Sachen Masken-Tragen nie Probleme mit diesem Mitarbeiter gegeben habe.

Angeklagter stach dem 51-Jährigen in den Rücken

Der nächtliche Überfall vom 8. Mai habe das Opfer „aus heiterem Himmel getroffen“, sagte der Vorsitzende Richter Matthias Steinmann in der Urteilsbegründung. „Er musste nicht damit rechnen, derartig aggressiv angegangen zu werden.“ Eigentlich habe seinerzeit wegen Corona eine Ausgangssperre zwecks Kontaktvermeidung geherrscht. Was Kevin H. von dem Mann wollte, der dabei war, sein Auto für eine Fahrt zum Großmarkt zu beladen, konnte im Prozess nicht aufgeklärt werden. Jedenfalls schlug der 27-Jährige, nachdem Tayfun T. um Abstand gebeten hatte, unvermittelt die Autotür zu und verletzte das Opfer damit am Bein.

Anschließend entstand ein Gerangel, bei dem beide zu Boden gingen. Plötzlich hatte Kevin H. ein Messer in der Hand. Tayfun T. floh und rief um Hilfe, der Täter holte ihn ein und versetzte ihm zwei Stiche in den Rücken. Die Tochter des 51-Jährigen, die die Schreie hörte, alarmierte die Polizei und rannte dann auf die Straße, um ihrem Vater zu helfen. Da drohte Kevin H., er werde die Tochter „auch noch abstechen“.

Einer der Messerstiche war potenziell lebensgefährlich

Einer der Messerstiche gegen Tayfun T. war sieben Zentimeter in den Körper eingedrungen und war laut Rechtsmediziner potenziell lebensgefährlich. „Wer einen derartig kraftvollen Stich führt“, sagte der Vorsitzende Richter, „weiß um die Lebensgefährlichkeit seines Tuns und nimmt den Tod des anderen billigend in Kauf.“ Das Gravierende an dem Geschehen sei auch, dass sich der Angriff gewissermaßen direkt vor der Wohnung des Opfers abgespielt hat. Damit werde nicht nur Tayfun T. sondern ebenso dessen Familie „jeden Tag an das erinnert , was sich abgespielt hat“.

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