Ruhestätte verfällt

Obdachlose erobern Historischen Friedhof Wandsbek

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Der Journalist und Dichter Matthias Claudius hat mit dem „Wandsbecker Bothen“, den er von 1771 bis 1775 herausgab, dem Ort ein literarisches Denkmal gesetzt. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Historischen Friedhof Wandsbek.

Der Journalist und Dichter Matthias Claudius hat mit dem „Wandsbecker Bothen“, den er von 1771 bis 1775 herausgab, dem Ort ein literarisches Denkmal gesetzt. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Historischen Friedhof Wandsbek.

Foto: HA

Das Erbe von Matthias Claudius, Schimmelmann und dem Widerstandskämpfer Moltke verkommt. Was mit der Ruhestätte los ist.

Hamburg. Der Historische Friedhof Wandsbek liegt gut versteckt hinter der Christuskirche am Wandsbeker Markt und ist von den großen Straßen aus kaum zu sehen. Zu Recht, sagen die einen und verweisen auf das jahrelange Siechtum der kleinen Anlage. Wege und Grün sind verkommen, die Gräber der Wandsbeker Granden aus vergangenen Tagen ungepflegt. Ein verlassenes Zelt hinter Büschen kündet von Wohnungslosen, die Freilufttoilette hinter dem vergilbten Prunkbau ist offenbar noch aktiv. Die Ruhestätte ist schon ein gutes Stück vorangekommen auf dem Weg alles Irdischen.

Andere ärgert der Niedergang des 1850 stillgelegten Friedhofs, der lange ein Identifikationspunkt der Wandsbeker blieb und die Bewohner des alten Guts mit Selbstvertrauen in die Kaufmannswelt hineinwirken ließ.

Friedhof in Wandsbek: Viele kommen wegen der alten Granden

„Wir würden Obdachlose gern anders unterbringen und dem Friedhof zu alter Bedeutung verhelfen“, sagt der CDU-Bezirksabgeordnete und Fachsprecher für Kultur, Jörg Meyer. „Er ist ein ganz hohes Kulturgut und braucht einen würdigen Rahmen.“ Meyer und auch seine Kollegen aus der rot-grünen Koalition verweisen auf die mit nur gut 1000 Quadratmetern große Übersichtlichkeit des „Parks“, was den gärtnerischen Aufwand in Grenzen hält. Außerdem auf die großen Persönlichkeiten, die im Wandsbeker Kern ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. „Viele Besucher kommen nur, um die Gräber unserer Ikonen zu sehen“, sagt Meyer.

Da ist Matthias Claudius (1740 – 1815), der als Erfinder des „Wandsbecker Bothen“ und des Abendliedes (Der Mond ist aufgegangen) in die Annalen des Journalismus und der Kinderliteratur eingegangen ist. Er verkehrte mit Lessing und Herder in Sachen Aufklärung, akquirierte Klopstock als Schreiber und war der einzige Redakteur der vierseitigen Tageszeitung, was moderne Zeiten irgendwie vorweg nimmt.

Schimmelmann begeistert nicht jeden

Am einst reichsten Mann Europas, Heinrich Carl von Schimmelmann (1724 – 1782) , scheiden sich die Wandsbeker Geister jüngerer Tage. Der große Sklavenhändler und -halter, Strippenzieher und Wirtschaftsmagnat im politischen Wandsbek des 18. Jahrhunderts bestimmte die Finanzpolitik der dänischen Krone und kaufte sich gleichsam in den Adelsstand ein. Er selbst plante sein Mausoleum, dessen Fertigstellung zeitweilig am Geiz seiner Nachfahren zu scheitern drohte.

Heute gilt es als ein Hauptwerk des Klassizismus in Norddeutschland. Sein zweites Denkmal, die 2006 aufgebaute Büste gegenüber dem Wandsbeker Rathaus freilich wurde nach Schmierereien und Protesten von Menschenrechtsgruppen 2008 wieder abgebaut.

Ein Moltke auf der richtigen Seite

Der königlich-dänische Krieger und Generalleutnant Friedrich Philipp Victor von Moltke (1768 – 1845) ruht im Historischen Wandsbeker Friedhof, ebenso der zumindest in letzter Instanz gleichnamige Helmuth James Graf von Moltke (1907 – 1945), der als Begründer des Kreisauer Kreises im Widerstand gegen den Nationalsozialismus stand und in Berlin Plötzensee hingerichtet wurde. Der Geschlechterproporz ist freilich nicht gewahrt. Als bedeutende weibliche Tote führen die Historiker nur Rebekka Claudius (1754 – 1832) und Caroline von Schimmelmann (1730–1795) an, und zwar in ihrer Funktion als Ehefrauen, also gleichsam reduziert auf Appendixe der größeren Herren.

Die Korrektur solcher Schieflagen ist allerdings Zukunftsmusik. Derzeit geht es ums Geld.

Streit um Gartenarbeit auf Wandsbeker Friedhof

7350 Euro für das Jahr 2021 wollte die Christuskirchengemeinde vom Bezirk haben, um nicht allein für die Pflege des gemeinsamen kulturellen Erbes aufkommen zu müssen. Sie beantragte entsprechende Sondermittel im Bezirk und – kassierte ein Nein der Politik. Sie war sich parteiübergreifend einig: Es sollte ein größerer Wurf werden als nur eine Zahlungsanweisung, die jährlich neu erbeten und genehmigt werden muss.

Ein Pflegevertrag mit der Kirche sollte her. Oder regelmäßig in den Haushalt eingestellte Mittel oder eine Vereinfachung der Eigentumsverhältnisse (ein Teil des Bodens gehört der Stadt, der andere der Kirche), oder alle drei Optionen zusammen sollten dem Niedergang des Trauerortes Einhalt gebieten und die Lage vereinfachen. Das war im April 2021.

Nach sieben Monaten Stillstand ein Prüfantrag

Jetzt, sieben Monate später, stellte die CDU einen Prüfantrag gleichen Inhalts in der Bezirksversammlung. In der Sache hatte es zwar diverse Gespräche, aber keinen Fortschritt gegeben, auf einen gemeinsamen Antrag konnten sich CDU, Grüne und SPD nicht einigen. Mit der CDU ging jetzt die Opposition voran.

Mit dem Ergebnis, dass der Prüfantrag an die Verwaltung nicht beschlossen, sondern zur weiteren Bearbeitung in den nächsten Ausschuss überwiesen wurde. Am 7. Dezember steht er nun auf der Tagesordnung des Haushalts- und Kulturausschusses, wo er nach allen Regeln der Kunst beraten und umformuliert werden soll.

Die Pflege 2021 hat sich erledigt

Das Geld für die Pflege 2021 dürfte eingespart sein, da sie sich durch Zeitablauf erübrigt hat. 2022 ist auch noch ein Jahr. In den historischen Dimensionen der Wandsbeker Granden gedacht sind ein paar Monate nicht der Rede wert. Mit dem Geld ist es anders. Schimmelmann hätte das Fehlen der 7350 Taler zwar kaum bemerkt, den oft klammen Claudius aber hätte es ins Verderben gestürzt.

( axö )

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