Corona Hamburg

Barclays-Arena-Chef: „Neuer Lockdown wäre eine Katastrophe“

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Tobias Grieß (l.) vom Sponsor Barclays und Steve Schwenkglenks, Chef der Barclays Arena, in der Halle im Volkspark.

Tobias Grieß (l.) vom Sponsor Barclays und Steve Schwenkglenks, Chef der Barclays Arena, in der Halle im Volkspark.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Geschäftsführer Steve Schwenkglenks und Tobias Grieß von Barclays sprechen über die Folgen der Pandemie und die Erwartungen für 2022.

Hamburg. Dort anpacken, wo es notwendig ist – das zeichnet einen guten Chef aus. Steve Schwenkglenks (49), seit 2019 Geschäftsführer der Barclays Arena im Volkspark, führt vor dem Interview, zu dem er das Abendblatt und Tobias Grieß (53), Chef des Barclays-Privatkundengeschäfts in Europa, in der Loge des Namenssponsors empfängt, sogar die Corona-Antigentests persönlich durch. Nach dem negativen Ergebnis sprechen die Herren über Lehren aus der Pandemiezeit, die Herausforderungen der kommenden Wochen und die Erwartungen für das kommende Jahr.

Hamburger Abendblatt: Herr Schwenkglenks, Corona schien überwunden, auch Sie waren in der Arena auf dem Weg in die neue Normalität. Hätten Sie sich vorstellen können, dass wir Ende November wieder über Lockdowns reden?

Steve Schwenkglenks: Hätten Sie mich das im Sommer gefragt, wäre die Antwort ein klares Nein gewesen. Nun sehen wir seit Wochen einen Anstieg der Zahlen, der sich dramatisch entwickelt. Dennoch hätte ich vermutet, dass wir angesichts der Impfungen und auch des Lerneffekts die Lage deutlich besser im Griff haben müssten, als es jetzt der Fall ist. Positiv ist, dass die hohen Inzidenzen nicht im selben Maße auf die Hospitalisierungsrate durchschlagen. Die Inzidenzen, die wir jetzt haben, hätten im vergangenen Winter zum harten Lockdown geführt.

Sie haben bislang für die Veranstaltungen in der Arena ein Optionsmodell mit 3G und Maskenpflicht oder 2G ohne Maske angeboten. Wann stellen Sie auf 2G plus um?

Schwenkglenks: Solange es keine bundeseinheitliche Regelung gibt, entscheiden nicht wir über das Modell, sondern der jeweilige Veranstalter. Wir haben bislang nur unter 2G-Regeln veranstaltet, weil es unter 3G aufgrund der Begrenzung der Zuschauerzahl kaum wirtschaftlich sinnvoll ist. Aber 2G plus wird wahrscheinlich kommen, wenn die neuen Maßnahmen nicht ausreichen. Die Frage ist, in welchen Bereichen es gelten soll. Die meisten Künstlerinnen und Künstler verlangen im Backstage-Bereich längst 2G plus Tests, denn die müssen alles tun, um ihre Touren nicht zu gefährden. Wichtig ist, dass alle Regeln nachvollziehbar sind und konsistent überall gelten, nur dann tragen es alle mit.

Wie halten Sie es denn mit Ihrem Personal und den Dienstleistern?

Schwenkglenks: Bei uns gilt 2G für alle, das ist die Einstellung, die wir auch nach außen tragen wollen. Aber ich weiß, dass das viele Dienstleister vor enorme Herausforderungen stellt, denn Personal ist in allen Bereichen knapp, zudem gibt es keine Pflicht, Auskunft über den Impfstatus zu geben. Ich habe alle Mitarbeitenden zunächst gefragt, ob ich sie fragen darf. Die Bereitschaft lag bei 100 Prozent.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Maskenpflicht gemacht?

Schwenkglenks: Unterschiedliche, das ist ein wenig zielgruppenabhängig. Aber wir hatten nie Ärger damit, denn unsere Erfahrung ist, dass die Menschen einfach froh sind, dass wieder Veranstaltungen möglich sind, und auch bereit sind, alles dafür zu tun, dass das so bleibt. Ich selbst trage die Maske auch bei 2G-Veranstaltungen immer, und ich denke, dass die sicherste Alternative das 2G-Modell mit Maske bis zum Platz ist. Schon jetzt steht ja jedem frei, die Maske zu tragen. Zuletzt lag die Quote bei rund einem Drittel, ich denke, das wird sich jetzt auch ohne entsprechende Pflicht erhöhen. Ob eine Maskenpflicht Menschen vom Besuch abhalten würde, weiß ich nicht. Die No-Show-Rate, also die Zahl derer, die trotz gekauften Tickets nicht kommen, ist in der Pandemie mit bis zu 20 Prozent deutlich höher als davor, als sie zwischen fünf und sechs Prozent lag. Die Gründe dafür erfragen wir aber nicht.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie in den kommenden Wochen Ihr geplantes Programm werden durchziehen können?

Schwenkglenks: Ich will es mal so sagen: Ich hoffe sehr, dass es so kommt. Wir haben vor 14 Tagen 9000 Menschen bei „Let’s dance“ zu Gast gehabt und bewiesen, dass wir in der Lage sind, solche Events professionell und verantwortungsvoll durchzuführen. Es gibt dank der wissenschaftlichen Untersuchungen durch das Fraunhofer-Institut valide Studien darüber, dass das Risiko einer Ansteckung in unserer Arena mit modernen Belüftungssystemen gen null tendiert. Dazu kommt, dass die vergangenen Wochen gezeigt haben, wie schnell die Menschen neue Begebenheiten adaptieren. Zum Beispiel wird das bargeldlose Bezahlen deutlich stärker nachgefragt als vor der Pandemie. Dem tragen wir Rechnung.

Hielten Sie einen erneuten Lockdown, der als Ultima Ratio diskutiert und in Bayern teils praktiziert wird, für umsetzbar?

Schwenkglenks: Ich hielte ihn für das falsche Zeichen, weil die Politik stets betont hat, dass die Impfung das Mittel darstellt, um in ein normales Leben zurückzukehren, auch wenn es nicht mehr so sein wird wie vor der Pandemie. Auch sehe ich die Rechtsgrundlage für Grundrechtseinschränkungen dieser Art nicht mehr gegeben. Das richtige Zeichen wäre, dass Geimpfte sich selbst und andere schützen und deshalb unter Wahrung aller Vorsichtsmaßnahmen am sozialen Leben teilhaben können sollten. Dazu kommt, dass das, was wir anbieten, wichtig für das soziale Gefüge ist. Wir wollen dazu beitragen, dass Menschen für ein paar Stunden die Sorgen des Alltags hinter sich lassen und damit emotionalen Schwung nehmen können. Das ist der Grund, warum wir all das auf uns nehmen.

Ein zweiter Grund ist, dass Sie Geld verdienen müssen. Wie hart träfe Sie ein erneuter Lockdown wirtschaftlich?

Schwenkglenks: Er wäre eine Katastrophe. Wir haben eineinhalb Jahre keine Einnahmen erzielt, deshalb ist es für unsere Branche überlebenswichtig, dass wir geöffnet bleiben. Viel verheerender aber wäre ein erneuter Lockdown für die vielen Selbstständigen, die in der Unterhaltungsbranche tätig sind. Für die greifen nicht einmal staatliche Hilfen wie die Kurzarbeit, die uns ermöglicht hat, alle Arbeitsplätze zu erhalten. So etwas hält man einmal durch, aber kein zweites Mal.

Herr Grieß, als Namenssponsor der Arena traten Sie während der Pandemie auch deutlich seltener in Erscheinung. Haben Sie wie viele andere Geldgeber in der Veranstaltungsbranche auch darüber nachgedacht, Ihr Engagement zurückzufahren?

Tobias Grieß: Das war für uns überhaupt kein Thema, weil unser Engagement langfristig angelegt ist. Noch dazu lief unser Geschäft als weltweit tätige Bank ja weiter, während die Arena durch schwierige Zeiten geht. Daher war es für uns selbstverständlich, an unserer Partnerschaft festzuhalten.

Mitten in die Pandemie fiel auch die Änderung des Arenanamens von Barclaycard zu Barclays. Hat es einen negativen Effekt, in so einer Zeit nicht präsent zu sein?

Grieß: Natürlich ist die Arena lokal, also für Hamburg und den norddeutschen Raum, ein wichtiger Faktor für uns, um unserer Marke ein Gesicht zu geben und sie erlebbar zu machen. Ohne die Pandemie hätte es sicherlich mehr Aufmerksamkeit und mehr mediale Präsenz für die Umbenennung gegeben. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir im nächsten Jahr wieder die Gelegenheit bekommen, den Besuchern der Arena unsere Marke zu präsentieren und damit auch an die Präsenz vor der Pandemie anzuknüpfen.

Herr Schwenkglenks, welchen Wert hat ein Sponsor wie Barclays in Zeiten wie diesen?

Schwenkglenks: Jeder muss verstehen, dass eine Arena wie unsere ohne solche Partner nicht mehr realisierbar wäre. Den meisten Besuchern reicht es heute nicht mehr, dass sich ein Künstler auf einen roten Teppich stellt und sein Programm abspult. Die wollen eine professionelle Ton- und Lichtshow. Wenn wir Weltstars nach Hamburg holen wollen, und in dieser Liga wollen wir mitspielen, dann müssen wir uns entsprechend aufstellen. Insofern bin ich von Herzen dankbar für die Unterstützung. Im Übrigen gilt das für alle unsere Partner und auch für die Kooperation mit den meisten Veranstaltern. Alle sind in dieser Krise enger zusammengewachsen, weil wir verstanden haben, dass wir die Last teilen müssen. Die Beziehungen untereinander sind deutlich besser geworden.

Gilt das auch für die Beziehung zur Politik? Reichen die Staatshilfen?

Schwenkglenks: Jein. Sie stehen nicht unbedingt in einem vernünftigen Verhältnis zu den Verlusten. Dennoch sind wir sehr dankbar für das, was wir bekommen haben, weil wir auch das beileibe nicht als selbstverständlich betrachten.

Das nächste Problem kommt in Gestalt höherer Energiepreise auf Sie zu. Werden Sie das nur über höhere Ticketpreise ausgleichen können?

Schwenkglenks: Auf die Ticketpreise haben wir so gut wie keinen Einfluss, die sind Sache der Veranstalter. Die Herausforderung ist, dass manche über mehrere Jahre im Voraus einen Termin buchen und wir dafür einen Preis nennen müssen. Wenn dann die Kosten explodieren, hat man keine Möglichkeit mehr, den Preis anzupassen, zumal dann nicht, wenn wie jetzt Tickets schon 2020 verkauft wurden, aber die Veranstaltung erst 2022 stattfinden kann. Aber auch da hoffe ich, dass wir diese Themen gemeinschaftlich lösen werden. Was die Energiekosten angeht: Natürlich besorgt uns die Entwicklung. Umso wichtiger ist es, dass wir das Thema Nachhaltigkeit schon vor Jahren angegangen sind. Wir nutzen zu 100 Prozent grünen Strom, speisen unser gesamtes Abwassersystem mit Regenwasser. Dennoch steigen die Kosten in allen Bereichen.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Umso wichtiger, dass 2022 ein halbwegs normales Jahr wird. Was erhoffen Sie sich?

Schwenkglenks: Wenn alles so läuft wie geplant, dann wird 2022 hinsichtlich der Zahl an Veranstaltungen ein Rekordjahr für uns. Anstelle der normalen 150 Events stehen bislang rund 210 in meinem Kalender. Einige fragen zwar bereits nach einer Möglichkeit, vom ersten Quartal in den Sommer oder Herbst zu verlegen, aber ich rechne mit einer sehr guten Auslastung. Deshalb haben wir zum 1. November zwölf neue Mitarbeitende eingestellt, um den gestiegenen Herausforderungen gerecht werden zu können.

Wann rechnen Sie damit, die Verluste der Pandemie aufgefangen zu haben?

Schwenkglenks: Das wird mehrere Jahre dauern. Aber das ist auch nicht das wichtigste Ziel. Viel wichtiger ist, dass wir eine neue Normalität erreichen und unseren Beitrag leisten wollen, das soziale Gefüge zu stabilisieren. Wir haben einige gute Dinge angeschoben und wollen nun gemeinsam mit unseren Partnern und unserer Kundschaft daran arbeiten, die Pandemie hinter uns zu lassen.

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