Stadtentwicklung

Zwei echte Hamburgensien durch Pläne der Stadt bedroht

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Friederike Ulrich
Christian Butzke ist der Betreiber der Veddeler Fischgaststätte, die längst Kultcharakter hat.

Christian Butzke ist der Betreiber der Veddeler Fischgaststätte, die längst Kultcharakter hat.

Foto: Christian Butzke

Veddeler Fischgaststätte und Oldtimer-Tankstelle Rothenburgsort wehren sich gegen die Pläne für den „Stadteingang Elbbrücken“.

Veddel. Hinter dem schweren Wollvorhang gleich hinter der Eingangstür fühlt man sich unvermittelt in die Vergangenheit versetzt: Fischernetz an der Wand, altes Holzmobiliar, vergilbte Reedereiflaggen hinter einer Eckbank und eine helle Astra-Leuchte über dem Tresen. In der 1932 gegründeten Veddeler Fischgaststätte scheint sich kaum etwas verändert zu haben.

Das Kultgasthaus ist viel älter als sein Nachbar, das in den 50er-Jahren erbaute Zollamt Veddel. Doch anders als diese ist es nicht denkmalgeschützt. Jetzt ist es durch die Pläne für den „Stadteingang Elbbrücken“ bedroht. Das Areal zwischen Bahngleisen und Autobahn soll umgestaltet, die Fischgaststätte umgesiedelt werden.

Im Zweiten Weltkrieg zerbombt, wurde sie 1943 wieder aufgebaut und ist seitdem bekannt für große Backfisch-portionen und Salate nach Geheimrezepten von anno dazumal. Bislang war die Hamburgensie in der Hand von nur zwei Eigentümern: der Familie von Gründer Louis Matthes, der die Zubereitung von Fisch beim Großhändler Daniel Wischer gelernt hatte, und der Familie von Marion Göttsche.

Veddeler Fischgaststätte: Notlösung im Gespräch

Sie war mit ihrem Mann Wolfgang Stammgast in der Fischgaststätte und hat diese vor 16 Jahren, als sich Louis Matthes’ Sohn Gerd und seine Frau zur Ruhe setzen wollten, von ihnen übernommen. Seit April dieses Jahres führt Göttsches Sohn Christian Butzke das Geschäft. Er sorgt sich jetzt um den Erhalt des Lokals – das vom Bund Heimat und Umwelt als „historisches Wirtshaus“ ausgezeichnet wurde.

„Wir stehen in regelmäßigem Austausch mit dem Bauamt“, sagt Butzke, der hofft, am jetzigen Standort bleiben zu können. Die Alternative, die im Gespräch ist, bezeichnet er als „Notlösung“: Die Behörde möchte die Fischgaststätte in einer der beiden Hallen unterbringen, die durch die Umgestaltung der Zollanlage entstehen, oder gar in einem Neubau. Ein Umzug würde aber das Aus für den Fischbratofen bedeuten, den Louis Matthes 1947 von Daniel Wischer gekauft hat. „Er wird gut 200 Grad heiß, das schafft keine Fritteuse“, sagt Butzke. Normalerweise ist das auch nicht mehr erlaubt. Doch für den Ofen gilt eine Art Bestandsschutz – allerdings nur an seinem jetzigen Platz.

Chef ruft Online-Petition ins Leben

Die Behörde hält eine Verlegung der Fischbratküche bei den derzeitigen Plänen für unumgänglich. Butzke will dagegen kämpfen – und hat eine Online-Petition ins Leben gerufen, die innerhalb kürzester Zeit von mehr als 1500 Menschen unterzeichnet wurde. Unterstützer sind unter anderen die Block-House-Gründer Eugen und Christa Block.

Auch die AfD-Fraktion fordert in einem Antrag für die Bürgerschaft, die Fischgaststätte zu erhalten und inklusive Interieur in die Denkmalliste aufzunehmen. „Die Veddeler Fischgaststätte muss als Hamburgensie unbedingt erhalten bleiben. Das Kleinod darf nicht plattgemacht werden, sondern muss Bestandteil der Rahmenplanung um den Stadteingang Elbbrücken bleiben“, so der stadtentwicklungspolitische Sprecher Alexander Wolf.

Der Denkmalverein bezeichnet die Fischgaststätte als „sozialgeschichtliches Dokument“ und „überregionalen Anziehungspunkt“ mit großer Bedeutung für den Stadtteil. Und auch das Denkmalschutzamt ist für einen Erhalt. Die Gaststätte sei 2009 umfassend geprüft worden, doch wegen diverser Umbaumaßnahmen seien die Kriterien für eine Unterschutzstellung nicht erfüllt, so Sprecherin Marianne Kurzer. „Da es sich jedoch um ein Hamburger Unikat handelt, würden wir die Fortführung der Kultgaststätte begrüßen.“

Auch Oldtimer-Tankstelle betroffen

Neben der Veddeler Fischgaststätte gefährden die Pläne für den neuen Stadteingang eine weitere Institution mit Kultstatus, die sogar unter Denkmalschutz steht: die Oldtimer-Tankstelle Brandshof, dieses 50er-Jahre-Relikt zu Füßen der mächtigen Pfeiler einer S-Bahn-Brücke. 1953 an dem damals noch stark befahrenen Billhorner Röhrendamm errichtet, der durch den Bau des Großmarkts die Funktion als Ein- und Ausfallstraße verlor, wurde sie noch bis 1989 als Tankstelle geführt, später nur noch als Werkstatt.

Vor zehn Jahren wurde das Gebäude von Jann de Boer und Alex Piatscheck mit viel Liebe zum Detail saniert. Mit der umlaufenden Neonröhre, deren Licht nachts die geschwungene Dachform betont, dem „Erfrischungsraum“ und den Werkstätten, in denen noch historische Zapf- und Ölsäulen stehen, ist die Oldtimer-Tankstelle ein beliebter Treffpunkt für Besitzer historischer Autos. „Mehrmals im Jahr locken Veranstaltungen Besucher aus ganz Europa an“, berichten die Geschäftsführer. Trotz eines noch lange gültigen Pachtvertrags fürchten sie jetzt um den Fortbestand der Kultstätte.

Denkmalverein setzt sich für Tankstelle ein

Die Behörde will ringsherum einen Park anlegen, sogar auf dem Hof der Tankstelle sollen 17 Bäume gepflanzt werden. De Boer und Piatscheck können sich nicht vorstellen, wie sich die Begrünung des Areals mit dessen Nutzung vertragen soll. Seit den allerersten Planungen 2019 weisen sie auf diese Diskrepanz hin. Bislang ohne Resonanz. „Was uns wahnsinnig ärgert, ist, dass niemand mit uns gesprochen hat“, sagt de Boer. Verantwortlich ist die HafenCity GmbH. „Man merkt“, sagt Piatschek, „dass die bislang immer auf der grünen Wiese und nicht mit Bestand geplant haben.“

Der Denkmalverein fordert, die historische Tankstelle zu sichern und seinen Charakter zu erhalten. Dafür müssten die Freiflächen in der bisherigen Form als Zufahrt und für Veranstaltungen zur Verfügung stehen.

( mit HA )

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