Katholische Kirche

Protest-Postkarten an den „lieben Papst“

| Lesedauer: 5 Minuten
Edgar S. Hasse
Sie wünschen sich einen Aufbruch: Brigitte Jaschke, Ruth Prodöhl, Maria Kettmann und Ulli Meins (v. l.) mit den Postkarten vorm Mariendom.

Sie wünschen sich einen Aufbruch: Brigitte Jaschke, Ruth Prodöhl, Maria Kettmann und Ulli Meins (v. l.) mit den Postkarten vorm Mariendom.

Foto: Michael Rauhe / Funke Foto Services

Die Idee stammt von Hamburgerinnen: Die Bewegung Maria 2.0 schickt 20.000 Exemplare an die Vatikan-Adresse. Welche Reformen sie fordert.

Hamburg.  Die Poststelle im Vatikan bekommt in den nächsten Tagen mehr Arbeit auf den Tisch als sonst. Während täglich Briefe und Dokumente aus der ganzen Weltkirche eintreffen, manchmal auch persönliche Schreiben an den Papst aus seinem Heimatland Argentinien, wird nun eine Flut von Postkarten aus Deutschland erwartet. Keine Ansichtskarten mit „lieben Grüßen“ aus Rothenburg ob der Tauber oder dem Hamburger Hafen, sondern gelbe Postkarten – geschrieben aus Verzweiflung und Traurigkeit. Absender: die deutschlandweite Bewegung Maria 2.0. Empfänger: Seine Heiligkeit Papst Franziskus, Palazzo Apostolico Vaticano, 00120 Città del Vaticano Vatica.

20.000 solcher Postkarten wurden in der ersten Novemberwoche aus Deutschland nach Rom auf Initiative der Reformbewegung Maria 2.0 verschickt. Darin fordern die Absenderinnen Papst Franziskus unter anderem dazu auf, die „systemischen Ursachen sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche“ zu ändern, „hermetische Kleriker-Bünde aufzulösen“ – und endlich mehr Rechte und Gleichberechtigung für Frauen in der römisch-katholischen Kirche durchzusetzen.

Kritik an der katholischen Kirche: Papst bekommt Post von Maria 2.0

Frauen sollte der Zugang zum Weiheamt des Priesters nicht mehr verwehrt werden. „Wir wollen den Vatikan mit diesen Postkarten buchstäblich zumüllen, damit die Verantwortlichen dort endlich aufmerksam werden, dass es so nicht weitergehen kann“, sagte Maria-2.0-Sprecher Altfried Norpoth, der für die bundesweite Koordination der Aktion zuständig ist. Die Idee dazu stammt aus Hamburg.

Vor dem St.-Marien-Dom in St. Georg, der Kathedrale des Erzbistums Hamburg, sind vier Katholikinnen auf dem Weg zu einem Briefkasten. Sie wollen die vorgedruckte Karte an den „lieben Papst“ pünktlich abschicken, auf der es gleich am Anfang heißt: „Ich bin unendlich traurig.“ Die vier Frauen gehören zum Team Maria 2.0 in der Hansestadt. Die Hamburger Gruppe, deren engstes Netzwerk rund 200 Christinnen umfasst, hatte ursprünglich die Idee für diese ungewöhnliche Protestaktion. Schnell stieß sie bei Maria 2.0. auf Bundesebene auf Begeisterung. Die Bewegung von Frauen, die die katholische Kirche erneuern wollen, war 2019 in Münster gegründet worden.

Entsetzen über Missbrauch und Vertuschung

Brigitte Jaschke aus Volksdorf, eine von Hamburgs Maria-2.0-Sprecherinnen, Ulli Meins (Wandsbek), Maria Kettmann (Quickborn) und Ruth Prodöhl (Uhlenhorst) stehen an diesem Novembertag vor dem Mariendom im Regen. Das hat durchaus symbolischen Charakter, denn der ausschließlich männlich geprägte Klerus lässt die Frauen von Maria 2.0, wie sie finden, tatsächlich im Regen stehen. „Hört, hört, hört!“, bringt Maria Kettmann das Ziel der Postkartenaktion auf den Punkt. Sie hoffen, dass der Papst sie hört – und ein Gespräch mit ihnen ermöglicht. „Wir möchten gehört werden“, sagt auch Brigitte Jaschke. „Denn es ist fünf nach zwölf.“

Wer mit diesen Katholikinnen ins Gespräch kommt, spürt ihre innere Verzweiflung. Da ist das Entsetzen über die Fälle sexuellen Missbrauchs und die systemische Strategie der Vertuschung. Dabei geriet auch Hamburgs Erzbischof Stefan Heße in seiner früheren Funktion als Generalvikar und Personalchef des Erzbistums Köln in den Fokus. Im März 2021 wurde dazu ein Gutachten vorgelegt. Es hatte untersucht, wie Bistumsverantwortliche in der Vergangenheit mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester umgegangen waren. Das Gutachten wirft Heße insgesamt elf Pflichtverletzungen vor. Dabei handelte es sich unter anderem um Verstöße gegen die Melde- und Aufklärungspflicht.

Zeitgeist des 19. Jahrhunderts wehe in der katholischen Kirche

Stefan Heße hatte daraufhin dem Papst seinen Rücktritt angeboten. Nachdem das abgelehnt wurde, kehrte der Erzbischof wieder in sein Amt zurück. Sein erster öffentlicher Auftritt: ein Pontifikalamt im September vor dem Dom. Wie die vier Frauen sagen, habe die Bewegung Maria 2.0 bewusst auf eine Protestaktion an diesem Tag verzichtet. „Wir stören doch keinen Gottesdienst.“

Es sei aber klar erkennbar gewesen, dass viele Sitzplätze auf dem Domplatz frei geblieben waren – offenbar ein Zeichen dafür, dass zahlreiche Katholiken mit der Rückkehr dieses Erzbischofs nicht einverstanden seien. Jetzt wurde bekannt, dass Sascha-Philipp Geißler als Nachfolger von Ansgar Thim zum 1. Februar 2022 neuer Generalvikar und somit Stellvertreter von Heße wird.

Inzwischen greifen die vier Katholikinnen vor der Kirche mit den beiden hohen Türmen zum Regenschirm. Sie fühlen sich behütet für das, was sie fordern: endlich Demokratie in der Kirche und Wahl der Priester durch die Gemeinden vor Ort. Künftig sollten auch Laien aus den Bistümern bei den Vollversammlungen der Bischöfe vertreten sein. „Bislang ist das nicht möglich“, sagt Ruth Prodöhl. „Leider weht noch immer der Zeitgeist des 19. Jahrhunderts in der Kirche. Es fehlt die Weite nach vorne.“ Als Nächstes wartet Maria 2.0 auf ein direktes Gespräch mit Heße. Zwar sei jetzt ein Termin mit dem Frauenforum angesetzt. Da sei ein richtiger Schritt, sagen sie. Aber das Frauenforum repräsentiere nicht Maria 2.0.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg