Hamburger Stadtpark

Gruppenvergewaltigung: Warum dauert die Anklage so lange?

| Lesedauer: 5 Minuten
Bettina Mittelacher und André Zand-Vakili
Hamburgs Generalstaatsanwalt Jörg Fröhlich

Hamburgs Generalstaatsanwalt Jörg Fröhlich

Foto: Michael Rauhe

Nach dem Missbrauch einer 15-Jährigen wurden zwölf Verdächtige ermittelt, alle sind frei. Einer arbeitet mit behinderten Menschen.

Hamburg. Eine dem Erziehungsgedanken geschuldete Jugendstrafe sollte idealerweise „auf dem Fuße“ folgen, um Jugendlichen und Heranwachsenden die Konsequenzen ihres Tuns zu vergegenwärtigen.

Doch im Fall des mutmaßlich von drei Gruppen Jugendlicher und junger Männer im Hamburger Stadtpark vergewaltigten 15 Jahre alten Mädchens hat die Staatsanwaltschaft noch nicht einmal Anklage erhoben – dabei liegt die Tat länger als ein Jahr zurück. Neun Beschuldigten konnten bereits DNA-Spuren zugeordnet werden. Warum dauert das so lange?

Gruppenvergewaltigung: Gutachten kosten Zeit

Die Ermittlungen im Zusammenhang mit der Vergewaltigung seien besonders aufwendig und langwierig, betonte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. So habe eine besonders umfangreiche Befragung von etlichen Zeugen durchgeführt werden müssen. Darüber hinaus hätten sowohl Faser- als auch DNA-Gutachten in Auftrag gegeben und erstellt werden müssen. Dies koste ebenfalls viel Zeit.

Mittlerweile hätten die Verteidiger aller Verdächtigen Akteneinsicht; mit einer Stellungnahme der Anwälte sei bald zu rechnen. Dann werde der Fall von Seiten der Staatsanwaltschaft abschließend bewertet und entschieden, ob und gegen welche Tatverdächtigen Anklage erhoben werde.

Weißer Ring: Opfer stehen weitere Ängste aus

Auch müsse differenziert werden, wem konkret welche Taten vorzuwerfen seien. Für ein Opfer einer so schweren Straftat, insbesondere bei einem Sexualdelikt mit mehreren Tätern, bedeute ein solches Verbrechen immer „ein schweres Trauma. So ein Opfer und auch seine Angehörigen haben tatsächlich lebenslänglich“, sagt Kristina Erichsen-Kruse, stellvertretende Landesvorsitzende der Opferschutzorganisation Weißer Ring.

„Es ist immer so: Wenn ein Sexualdelikt passiert, wenn Tatverdächtige vorhanden, aber nicht überführt sind, haben die Opfer Befürchtungen, der Täter könnte sie bedrohen. Oder er könnte versuchen, sie einzuschüchtern. Das sind die Vorstellungen und Ängste, die die Opfer haben.“

Vergewaltigung: Immer neue Traumatisierungen

Es sei für die Opfer vor allem dann schlimm, wenn die Tatverdächtigen auf freiem Fuß sind „und sie denjenigen, der ihnen das angetan hat, auf der Straße begegnen könnten“, so Erichsen-Kruse. „Das führt zu immer neuen Traumatisierungen. Das kann man nur mit professioneller Hilfe minimieren oder beseitigen.“

Eine Jugendliche, die eine Vergewaltigung erlebt, werde „Jahre und Jahre und Jahre brauchen, um sich auch nur einigermaßen davon zu erholen. Das Trauma wird schlimmstenfalls das zukünftige Leben nachhaltig beeinflussen.“

„Die Hamburger Polizei ist sehr, sehr sorgfältig“

Wenn Ermittlungen sehr lange dauern, sei das auch der notwendigen Sorgfaltspflicht geschuldet, betont die Opferschützerin.

„Und die Hamburger Polizei ist sehr, sehr sorgfältig. Hier gibt es viele Tatverdächtige, und die Polizei muss denjenigen nachweisen, was sie begangen haben sollen. Und das kostet Zeit. Das, was Angehörige zum Beispiel eines minderjährigen Opfers tun können, ist, sich Hilfe zu holen, um für sich ein Entlastungsszenario zu haben. Sprich: Hilfe durch Betreuung und Begleitung durch eine Opferschutzorganisation zu holen und stabilisierende therapeutische Maßnahmen einzuleiten.“

Verdächtige sollen sich erst äußern dürfen

Ein weiter Grund dafür, dass sich die Ermittlungen auch bei der Polizei hingezogen haben, liegt an der Komplexität des Falls. Schon die Untersuchung von DNA in diesem Umfang, aber auch die Auswertung von bei Durchsuchungen sichergestellter Handys, nimmt viel Zeit in Anspruch.

Dazu dürfte den zwölf Beschuldigten die Gelegenheit eingeräumt worden sein, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Von der Geständigkeit der Beschuldigten hängt auch ab, ob das 15 Jahre alte Opfer sein Martyrium vor Gericht noch einmal durchleben muss. Gerade bei Sexualdelikten wird, sofern das möglich ist, auf eine gerichtliche Zeugenvernehmung des Opfers verzichtet. Was voraussetzt, dass die Täter geständig sind.

Ein Verdächtiger arbeit mit Behinderten

Einige der Verdächtigen hatten bereits vor der Vergewaltigung Straftaten begangen, und stehen in Verdacht, weitere nach dem Missbrauch der 15-Jährigen begangen zu haben. So liefen gegen einen 19-Jährigen Ermittlungen wegen Körperverletzung und Beleidigung sowie Fahrraddiebstahl.

Gegen einen der beiden beschuldigten Zwillingsbrüder wurde wegen Raubes ermittelt. Ein Zwilling arbeitet in einer sozialen Einrichtung, die sich um die Betreuung von allein lebenden Behinderten kümmert.

Sexualisierte Gewalt: Fallzahl in Hamburg steigt

Die Zahl der Fälle von sogenannter „sexualisierter Gewalt“ stieg in Hamburg im vergangenen Jahr um 3,9 Prozent auf 907 Fälle an. 651 Fälle wurden aufgeklärt und 633 Tatverdächtige ermittelt. Der Ausländeranteil bei den Tätern war mit 50,6 Prozent überdurchschnittlich hoch.

Die Zahl der besonders schweren Fälle stieg von 217 in 2019 auf 296 im vergangenen Jahr. Das ist ein Anstieg von 35,9 Prozent. Allerdings waren 2020 viele Fälle angezeigt worden, die sich im Jahr zuvor oder sogar noch früher ereignet hatten. Der Anteil liegt bei 45 Prozent.

Gruppenvergewaltigungen sind die Ausnahme und nicht immer trifft der Vorwurf zu. So leitete die Polizei ein Verfahren ein, nachdem eine Frau angezeigt hatte, dass sie von drei Männern missbraucht worden war. Sie war mit allen gleichzeitig intim, wurde schwanger, kannte aber von keinem der drei möglichen Väter den Namen – und entschloss sich daraufhin, zur Polizei zu gehen.

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