Hamburg

"Schütteln tötet!" Drastische Kampagne für den Kinderschutz

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„Eltern sollen früh ein Bewusstsein dafür bekommen, dass Schütteln tötet“, sagt Imme Adler von der API Kinder- und Jugendstiftung.

„Eltern sollen früh ein Bewusstsein dafür bekommen, dass Schütteln tötet“, sagt Imme Adler von der API Kinder- und Jugendstiftung.

Foto: Imago/Elmar Gubisch

Rechtsmediziner des UKE, Kinderärzte und die API-Stiftung verankern Aufklärung in der U3-Untersuchung. Erschütternder neuer Fall.

Hamburg. Sie hießen Tayler, Jessica, Lara Mia oder Yagmur: Nach aufsehenerregenden Fällen von Kindesmisshandlungen und zum Verhindern bleibender Schäden bei Kleinkindern werden Eltern in Hamburg in Zukunft mit der ersten Untersuchung ihres Neugeborenen beim Kinderarzt (U3) über die Folgen des Schüttelns aufgeklärt.

Ein breites Bündnis von Kinderärzten, Rechtsmedizinern des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) und der Stadt trägt die Kampagne der API-Jugendstiftung. An alle rund 160 Kinderärzte Hamburgs gehen in diesen Tagen die Flyer mit einem Aufkleber. Der rote Sticker mit der Aufschrift „Schütteln tötet“ und der Info-Hotline 0152 228 952 61 soll künftig in das Untersuchungsheft jedes Kleinkindes kommen.

Die Stiftungsverantwortliche Imme Adler sagte dem Abendblatt: „Eltern sollen früh ein Bewusstsein dafür bekommen, dass Schütteln tötet, weil sie möglicherweise noch in der Euphorie über die Geburt sind, aber nicht ahnen, dass sie vielleicht einmal überfordert sein können und falsch reagieren.“ Mit drastischen Slogans geht die Kampagne in die Öffentlichkeit. Auf Plakaten sind demolierte elektronische Geräte und zerbrochenes Spielzeug zu sehen, dazu Sprüche wie: „Toll, Marc! Flipp aus, aber schüttle nie dein Baby!“

Kindesmisshandlung: Was Rechtsmediziner sagen

Der Leiter der UKE-Rechtsmedizin, Prof. Benjamin Ondruschka, sagte: „Wir sehen immer wieder schwerwiegende Folgen von Schüttel-Traumata. Im Gericht werden wir als Gutachter gefragt: Kann so etwas auch zufällig geschehen?“ Die Antwort sei: Im Moment des Schüttelns sei klar, dass die Handlung gewaltsam sei. „Innerhalb von Sekunden wird aus einem Kind ein Pflegefall oder ein Sterbefall.“

Häufig, so Ondruschka, seien es überforderte männliche Partner, die zu Tätern würden. Wenn schon nicht im Gespräch mit einem Kinderarzt oder anderen Experten könnten Eltern sich über die neue Hotline Hilfe zur Frage holen, wie man aus solchen Situationen herauskomme, in denen Kleinkinder exzessiv schreien. Die U3-Untersuchung sei so besonders, weil sie oft in der vierten, fünften Lebenswoche eines Kindes stattfinde, wenn Vater und Mutter oft gemeinsam kommen.

Vorbild: Fälle von plötzlichem Kindstod fast auf null reduziert

Kinderarzt Dr. Stefan Renz wies außerdem darauf hin, dass Kinder in der Corona-Pandemie gerade die „höchste Last“ trügen. Er habe sich auch bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung dafür ausgesprochen, dass der Kinderschutz in der medizinischen Fortbildung fest institutionalisiert werde.

Schon beim unerklärlichen plötzlichen Kindstod habe eine gelungene Prävention dazu geführt, dass man praktisch keine Fälle mehr habe. Die Eltern werden dafür sensibilisiert, dass die Rückenlage ihrer Babys wichtig sei, dass es spezielle Schlafsäcke gebe. Er hoffe, dass die „Schütteln tötet“-Kampagne einen ähnlichen Erfolg habe.

Hamburg: Neuer Fall von Kindesmisshandlung mit Todesfolge

Unterdessen beschäftigt ein neuer, aktueller Fall von Schütteltrauma die Strafjustiz. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen einen 29 Jahre alten Hamburger erhoben, dem Totschlag an seiner kleinen Tochter vorgeworfen wird, sagte eine Sprecherin dem Abendblatt auf Anfrage. Laut Ermittlungen hat der Mann das drei Monate alte Mädchen geschüttelt und geschlagen.

Die Tat hat sich, so die Vorwürfe gegen den Mann, am 15. Mai dieses Jahres zugetragen. Der Vater des Opfers hatte an jenem Tag selber über den Notruf Polizei und Rettungskräfte benachrichtigt und geschildert, dass es seinem Kind schlecht gehe. Im Zuge der Untersuchungen wurden von Medizinern massive Schädelverletzungen des kleinen Mädchens festgestellt. Wenige Tage später starb das Kind.

Die Art der Kopfverletzungen passten laut Ermittlungen nicht zu der Darstellung des Vaters, was bei ihm zu Hause in der Wandsbeker Wohnung mit der Tochter geschehen sei. Laut Gutachten von Sachverständigen ist der Säugling geschlagen, geschüttelt und mit dem Kopf gegen einen Gegenstand gestoßen worden. Schließlich kam der Mann in Untersuchungshaft. Der Fall ist mittlerweile beim Schwurgericht angeklagt. Ein Verhandlungstermin steht noch nicht fest. Da der Verdächtige seit Juni in Untersuchungshaft ist, wäre mit einem Prozessbeginn Anfang Dezember zu rechnen.

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