Kampnagel-Kontroverse

Nach Vorwürfen: Klaus Püschel sieht von Lesung ab

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Klaus Püschel vor dem Institut für Rechtsmedizin am UKE in Hamburg. Er leitete das Institut fast 30 Jahre.

Klaus Püschel vor dem Institut für Rechtsmedizin am UKE in Hamburg. Er leitete das Institut fast 30 Jahre.

Foto: Roland Magunia / HA

In der Kontroverse um Rassismusvorwürfe verzichtet der pensionierte Rechtsmediziner auf den Besuch bei einer schlagenden Verbindung.

Hamburg. In die Kontroverse zwischen Klaus Püschel und dem Kulturzentrum Kampnagel kommt kurz vor der geplanten Lesung Püschels am Donnerstag auf Kampnagel neue Bewegung. Der Rechtsmediziner bestätigte dem Abendblatt, dass ein später im November geplanter Termin bei der schlagenden Verbindung "Mecklenburgia", bei dem Püschel ebenfalls aus seinen Büchern lesen sollte, nicht stattfinden werde: "Wir haben es besprochen und gemeinsam entschieden, die Veranstaltung nicht stattfinden zu lassen."

Zuvor hatte die Distanzierung Kampnagels von Püschel, der am 4. November im Rahmen des (unter anderem vom Hamburger Abendblatt veranstalteten) Krimifestivals für Diskussionen gesorgt. Während vielfach die unreflektierte Übernahme von Vorwürfen der Roten Flora durch Kampnagel kritisiert wurde, gab es für den Schritt auch Zuspruch.

Kampnagel gegen Püschel: "fehlende Berührungsangst gegenüber der extremen Rechten"?

So erklärte die Linke in der Bürgerschaft, Püschel sei "Steigbügelhalter einer repressiven Innenpolitik" gewesen, und nahm den nun abgesagten Termin bei der Burschenschaft zum Anlass, ihm fehlende "Berührungsängste gegenüber der extremen Rechten" vorzuwerfen, sagten Deniz Celik und Cansu Özdemir.

Auf der Webseite der "Mecklenburgia" nennt die Verbindung als Gäste unter anderem den ehemaligen "Spiegel"-Kulturchef Matthias Matussek, der kurz nach seinem Besuch dort auf einer Demonstration der vom Verfassungsschutz beobachteten "Merkel muss weg"-Bewegung gesprochen hatte, sowie den der sächsischen AfD nahestehenden Publizisten Andreas Lombard.

Rassismus-Vorwürfe gegen Klaus Püschel – so reagieren Abendblatt-Leser

In Bezug auf die Kontroverse um Kampnagel und Klaus Püschel erreichten das Hamburger Abendblatt viele Zuschriften von Lesern. Wir dokumentieren sie an dieser Stelle.

Ein unglaublicher Vorgang

Angesichts dieses jüngsten hanebüchenen Vorfalls auf Kampnagel dürften einige Menschen ihr kulturelles und sicher auch politisches Statement neu überdenken, denn die ungerechtfertigte Stigmatisierung eines Menschen hin in die dunkle Ecke von Antisemitismus, Rassismus und Gewalt dürfte fatale Folgen haben! Rechtsmediziner Püschel – und an dieser Stelle breche ich die berühmte Lanze für ihn – in einen solchen Hexenkessel von Rufschädigung und Diskriminierung seiner Person zu werfen – ist ein unglaublicher Vorgang seitens der Kampnagel-Chefin Deuflhard und dürfte wohl der hiesigen Kulturstätte mehr schaden als Herrn Püschel. Sich vor den Karren von irgendwelchen oftmals fragwürdigen Gruppierungen spannen zu lassen, war noch nie sinnvoll. Menschen, die in unserem (noch) demokratischen Land ihr Recht auf Wort- und Meinungsfreiheit in Anspruch nehmen, sind mir tausendmal lieber als die opportunen Arschkriecher und Ja-Sager! Sollten Deuflhard & Co. die Vorstellung fehlen, was sie mit dieser Aktion losgetreten haben, so verweise ich gern auf die Worte von Marie von Ebner-Eschenbach „Ein Urteil lässt sich widerlegen, aber niemals ein Vorurteil“. Silvia Böker

Die Demokratie braucht Sie!

Vielen Dank für das brillante Essay und vielen Dank auch an Frau Deuflhard: Sie haben (unfreiwillig) dafür gesorgt, dass die teils im Verborgenen schwelenden Züge von Intoleranz, Gleichschaltung und Gesinnungsüberwachung („cancel culture“) nun endlich in der Mitte der Gesellschaft diskutiert werden müssen. Sehr geehrter Herr Professor Püschel, bleiben Sie standhaft, Menschen wie Sie braucht unsere Demokratie, Ihre Verdienste – auch in der Corona-Forschung und -Debatte – sind außergewöhnlich und kommen nur zustande, wenn kluge Menschen weiterhin frei abseits des vermeintlichen „Mainstreams“ ihre Meinung äußern dürfen. Dr. Martin Schwager

Kehren Sie zur Kunst zurück!

Unglaublich, was sich Frau Deuflhard unter dem Deckmantel einer Kultureinrichtung leistet. Als Steuerzahler erwarte ich die Rückkehr zur Kunst und nicht die einseitige politische Aktivität mit der Verunglimpfung von Menschen, selbst wenn diese wirklich anders denken und handeln. Andere Institutionen haben sich auch auf dem Boden des Grundgesetzes zu verhalten, Kultureinrichtungen sind keine Ausnahme. Manfred Stöckling

Eine integre Person

Wie schnell es heute möglich ist, eine durch und durch integre Person in ihrem Ansehen zu beschädigen, zeigt Ihre Berichterstattung. Da wird aus dem Orchestergraben Kampnagels mal eben souffliert, dass der ehemalige Leiter des Institutes für Rechtsmedizin eventuell „rassistische Methoden“ bei der Untersuchung von farbigen Straftätern angewandt habe … Nachgeschoben wird dann noch dezent der Hinweis auf eine geplante Lesung Püschels vor dem Podium einer schlagenden Studentenverbindung. Es mag Corona geschuldet sein, dass Kampnagel angesichts leerer Stühle einmal für Theater außerhalb der Jarrestadt sorgen wollte, aber eine gelungene Aufführung wird es dadurch nicht. Ich habe Püschel in endlosen Stunden, tagsüber und nachts erlebt. Niemals habe ich auch nur eine einzige Äußerung Püschels gehört, die auch nur im weitesten Sinne verächtlich war, geschweige denn auch nur im Ansatz rassistisch! Neben mir stand stets ein hochinteressierter Arzt und Wissenschaftler, absolut fachkundig und investigativ. Trotz aller Routine stets voller Hochachtung, und durfte es auch nur posthum sein. In all den Jahren, von denen ich berichten kann, ohne eine einzige Ausnahme. Diesem Mann, dessen Arbeit durchgängig von Achtung und Ethik geprägt war, auch nur Tendenzen einer rassistischen Denkweise unterstellen zu wollen, macht mich fassungslos! Wilhelm Baack, Norderstedt

Eine Wohltat, der Artikel

Die heutige Streit- und Diskussionskultur lässt leider arg zu wünschen übrig. Das zeigt sich auch im Fall „Joshua Kimmich“. Da ist es eine Wohltat, so einen Artikel im Hamburger Abendblatt zu lesen. Vielen Dank! Andreas Purtzel

Schwarz-Weiß-Schema

Der Aktivismus von Kampnagel läuft Gefahr, Personen schablonenhaft in Lager einzuteilen. Mit der Wirklichkeit hat dieses Schwarz-Weiß-Schema oft wenig zu tun. Ohne gesicherte Erkenntnisse – eine Twittermeldung der roten Flora ist meines Erachtens kein ausreichender Grund für eine Ausladung – wird hier der Rechtsmediziner Püschel an den medialen Pranger gestellt. Ein solches Vorgehen verknüpfe ich mit autoritären Regimen, die hoffentlich kein Vorbild für das Kulturzentrum Kampnagel sind. Katrinka Delattre

Ausdruck von Hysterie?

Die Debatte um Herrn Dr. Püschel zeigt einmal mehr, welch hysterische Formen die Auseinandersetzung um Rassismus mittlerweile angenommen hat. Einmal abgesehen von den vehement geforderten Sprachverrenkungen, kann es leicht vorkommen als Rassist verdächtigt zu werden. Was die u.a. von Herrn Püschel angewendeten Methoden gegenüber den als Drogendealer Verdächtigen anbelangt, so hat er im Rahmen der zu der Zeit gültigen Rechtsauffassung gehandelt. Und dass die Beschuldigten eine schwarze Hautfarbe hatten, liegt daran, dass der Drogenhandel zu der Zeit fast ausschließlich in Händen dieser Personen war. Drogenhandel ist eine schwere Straftat, erst recht, wenn man sich die Biografien der Drogenopfer ansieht. Aber sollte jemand mit schwarzer Hautfarbe einen besonderen Schutz genießen, nur weil das Vorgehen gegen ihn als Rassismus gedeutet werden könnte? Straftäter und solche, die einer Straftat verdächtigt werden, sind vor dem Gesetz gleich zu behandeln. Es wird sicher Fälle gegeben haben und noch geben, wo gegenüber Migranten die Schwelle zu polizeilicher Ermittlung niedriger liegt. Das ist zu verurteilen. Aber jedes Vorgehen gegen Personen mit schwarzer Hautfarbe gleich als Diskriminierung zu werten, ist vollkommen überzogen, und eben Ausdruck der sich ausbreitenden Hysterie. Und dass die Vorwürfe gegen Herrn Püschel aus der Roten Flora kommen, wo man es mit Recht und Gesetz eher locker nimmt, hätte Frau Deuflhard eigentlich misstrauisch machen sollen. Peter Westendorf

Wir brauchen offene Debatten

Im Konfliktfall das Gespräch zu verweigern, ist das beste Mittel den Konflikt noch weiter anzuheizen. Diese Verweigerungsstrategie ist strukturelle Gewalt, deren Opfer nicht nur Professor Püschel ist, sondern die gesamte Gesellschaft. Wenn jetzt der identitäre Wahn in Deutschland so wütet wie in den USA, dann wird auch die rechte Gegenreaktion á la Trump nicht lange auf sich warten lassen. Wollen wir diese wahnsinnige Spaltung der Gesellschaft wirklich? Will sich die Stadt wirklich von einer autonomen Szene um die rote Flora in Geiselhaft nehmen lassen? Oder brauchen wir nicht vielmehr gerade jetzt eine offene, respektvolle und kritische Debatte? Professor Püschel hat durch seine Obduktionen in der Corona-Pandemie große Verdienste erworben. Seine Schlussfolgerungen und Kritiken, die ich zu einem großen Teil nicht teile, standen oftmals der offiziellen Sichtweise entgegen. Dafür muss man dankbar sein. Denn die Debatte um den besten Weg benötigt kritische Positionen. Wer die vernünftigen Kritiker „verfolgt“, wie die Kampnagelleitung ihr eigenes Vorgehen nennt, stärkt damit die unvernünftigen. Dem geht es ums Recht haben, nicht um die Suche nach der besten Lösung. Dr. med. Matthias Soyka, Bergedorf

( josi )

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