Pflegemisere

Lohn-Plus bei Pflegen & Wohnen macht Druck auf andere Heime

| Lesedauer: 4 Minuten
Die Situation von Ärzten und Pflegekräften ist durch die Corona-Pandemie weiter angespannt. Krankenhäuser wie die von Asklepios oder das UKE in Hamburg (hier ein Archivbild) suchen verzweifelt Pflegekräfte.

Die Situation von Ärzten und Pflegekräften ist durch die Corona-Pandemie weiter angespannt. Krankenhäuser wie die von Asklepios oder das UKE in Hamburg (hier ein Archivbild) suchen verzweifelt Pflegekräfte.

Foto: dpa

4000 Euro nach zehn Berufsjahren, bis zu 42 Tage Urlaub: Dennoch sind Fachkräfte rar – in Hamburgs Kliniken und sogar den Praxen.

Hamburg. Es klingt nach einer üppigen Lohnerhöhung und besseren Arbeitsbedingungen. Doch der Tarifabschluss zwischen Hamburgs größtem Heimbetreiber Pflegen & Wohnen und der Gewerkschaft Ver.di macht eine dramatische Entwicklung im Gesundheitswesen deutlich, die durch die Corona-Pandemie noch befeuert wurde. In der alternden Gesellschaft fehlen Hunderttausende Pflegekräfte. Viele sind körperlich und seelisch belastet, reduzieren ihre Arbeitszeit oder fliehen aus dem Job.

Die 2000 vom Tarifabschluss betroffenen Heim-Pflegekräfte von Pflegen & Wohnen erhalten zum 1. Januar 2022 vier Prozent mehr Lohn und 2023 ein Plus von 3,6 Prozent . Nach zehn Berufsjahren kann das Monatsgehalt rund 4000 Euro betragen. Durch eine neue Nachtdienstregelung kann rund die Hälfte der Pflegekräfte den Standard-Urlaubsanspruch von 30 Tagen auf 42 Tage erhöhen, so Ver.di.

Hamburg: Pflegen & Wohnen mit sattem Gehalts-Plus

Das setzt weitere Heimbetreiber unter Druck. Der Sprecher der Geschäftsführung von Pflegen & Wohnen, Thomas Flotow, sagte: Es sei gelungen, mehr Geld zu zahlen und „den Gesundheitsschutz für unsere im Schichtdienst tätigen Beschäftigten tariflich fortzuentwickeln“. Für Ver.di sagte Verhandlungsführer Arnold Rekittke: „Das Ergebnis kann sich sehen lassen, vor allem der Zusatzurlaub stellt eine wirkliche Entlastung für die Beschäftigten dar.“ Wie Rekittke dem Abendblatt sagte, gehe es vor allem auch darum, die Chancen zu erhöhen, dass Pflegekräfte bis zur Rente im Job bleiben können.

Beim Krankenhausbetreiber Asklepios, der wie das UKE nach Tarif bezahlt und zahlreiche Anreize bietet, ist die Liste der offenen Stellen für Pflegekräfte ellenlang. Man habe in den vergangenen Jahren 500 Pflegemitarbeiter neu eingestellt, sei der größte Ausbildungsbetrieb und akquiriere auch im Ausland, sagte ein Sprecher. Asklepios fordert als Schnellmaßnahme eine einjährige Ausbildung von Pflegehilfskräften, die Pflegende entlaste. Außerdem müsse die Zeitarbeit zurückgedrängt werden, da diese den Pflegekräftemangel unnötig verstärke.

Asklepios: Gehälter stiegen in zehn Jahren um ein Drittel

In Krankenhäusern verdienen Pflegekräfte gut. Daran sieht man, dass offenbar nicht das Geld allein den Ausschlag gibt. Außerdem können sie besser bezahlt werden, ohne dass die einzelnen Häuser stärker belastet werden. Ihr Gehalt wurde aus den DRGs (Diagnosis-Related Groups) herausgenommen, den Fallpauschalen, nach denen abgerechnet wird.

Nach Asklepios-Angaben sind die Gehälter in der Pflege in den vergangenen zehn Jahren um ein Drittel gestiegen. Sie lägen laut Statistischem Bundesamt in diesem Jahr erstmals über dem durchschnittlichen Bruttoverdienst von Fachkräften. Eine Berufseinsteigerin verdiene im ersten Jahr mit Zulagen 43.891 Euro, später 49.625 Euro, als Leiterin Intensivpflege 70.378 Euro.

Dennoch hat Hamburgs größter Krankenhausbetreiber wie alle Häuser Schwierigkeiten, noch mehr Pflegepersonal zu akquirieren. Für die Beschäftigten sind die Dokumentationspflichten neben den körperlichen und psychischen Belastungen Gründe für Frustration im Job. Wer aussteigt oder die Arbeitszeit reduziert, büßt allerdings auch Rentenansprüche ein.

Ärzte: In den Praxen fehlen MFAs

In den Arztpraxen zeigte sich ein ähnliches Bild. Die Medizinischen Fachangestellten (MFA) mussten zunächst wegen der Corona-Patienten, dann wegen der Impfungen Praxen umorganisieren, ihre Arbeitszeiten ändern, Überstunden machen und waren „Puffer“ für den Ärger der Patienten, weil die Terminvergabe in der Impfkampagne aufgrund zunächst fehlender Impfstoffe chaotisch wirkte.

Heime, Krankenhäuser und Praxen buhlen um qualifiziertes Personal. Der Vorsitzende der Vertreterversammlung der Hamburger Kassenärzte, Dr. Dirk Heinrich, der auch Vorsitzender des Virchowbundes der Niedergelassenen ist, sagte: „Die unterschiedliche Refinanzierungssystematik in Klinik und Praxis führt zu einer Wett-bewerbsverzerrung zulasten der Praxisärzte und wird diese personell auf lange Sicht ausbluten.“ Von den 430.000 MFAs in Deutschland arbeite die Hälfte in Teilzeit.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg