Zu viel Corona-Hygiene?

Hamburger Kinderärzte besorgt wegen gefährlicher RS-Viren

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Prof. Philippe Stock am Mittwoch (06.02.2019) in einem Untersuchungsraum des Altonaer Kinderkrankenhaus AKK in Hamburg Foto: Roland Magunia

Prof. Philippe Stock am Mittwoch (06.02.2019) in einem Untersuchungsraum des Altonaer Kinderkrankenhaus AKK in Hamburg Foto: Roland Magunia

Foto: Roland Magunia / HA

Die Lage in Praxen und Notaufnahmen ist angespannt. Was man über die RS-Viren und Corona bei Kindern jetzt wissen muss.

Hamburg. In Hamburg tauchen verstärkt Infektionen mit einem bekannten, aber gefährlichen Virus auf. Das führt dazu, dass Kinderarztpraxen und auch die entsprechenden Stationen von Krankenhäusern von einem dramatischen Zulauf sprechen. Prof. Jun Oh von der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin im UKE sagte dem Abendblatt: „Auch im Kinder-UKE verzeichnen wir zurzeit eine erhöhte Anzahl von kleinen Kindern mit Atemwegsinfektionen. Vor allem Infektionen mit dem Respiratorischen Syncytial-Virus (RS-Virus) haben zugenommen. In den vergangenen Wochen wurden im Schnitt acht bis 14 Kinder pro Tag mit dem RS-Virus oder anderen viralen Infektion der oberen Luftwege im Kinder-UKE stationär behandelt.“

Von einer Notsituation will er nicht reden. Die Versorgung der Erkrankten sei sichergestellt. Aber die 2021-er Zahlen lägen „deutlich“ über denen des Vorjahreszeitraums. „Vor allem Neugeborene, Kleinkinder und Kinder mit Vorerkrankungen der Lunge oder mit anderen chronischen Erkrankungen haben ein erhöhtes Risiko zu erkranken.“

RS-Virus in Hamburg: Was Kinderärzte sagen

Von einer RSV-Welle sprechen einige niedergelassene Ärzte. Betroffene Kinder haben einen trockenen Husten und röcheln zum Teil, weil sie keine Luft bekommen. Die Corona-Schutzmaßnahmen mit Abstand und Masken im vergangenen Jahr haben vermutlich dazu geführt, dass die Zahl der RSV-Erkrankten sehr gering war. Viele Kinder konnten ihr Immunsystem, das sie sonst durch kleine, häufig unbemerkte Infekte „trainieren“, nicht aktivieren.

Kinderarzt Dr. Stefan Renz sagte, die Praxen arbeiteten „am Limit“. Das betreffe vor allem auch die Medizinischen Fachangestellten. Sie litten unter extrem hoher Arbeitsbelastung und hätten gerade von der Politik deutlich mehr Wertschätzung verdient. Gegen das RS-Virus gebe es kein wirklich gutes Medikament. „Je kleiner die Kinder sind, umso gefährdeter sind sie.“ Man habe die Welle der Erkrankungen kommen sehen und eine Taskforce aufgestellt. Wie bei der Grippe kann man an den Verläufen im August in Australien sehen, was sich im Herbst/Winter auf Deutschland zubewegt.

Bronchiolitis für einige Kinder besonders gefährlich

Seine Kollegin Dr. Annette Lingenauber sagte, wenn Kinder mit einem trockenen Husten nicht mehr trinken wollten, sollten sie in die Praxis kommen. Vor allem Kinder mit Vorerkrankungen und Frühgeborene hätten ein größeres Risiko, wenn sie an einer Bronchiolitis erkranken. Sie könnten durch eine passive Impfung geschützt werden, bei der man monatlich monoklonale Antikörper verabreiche.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Prof. Philippe Stock vom Altonaer Kinderkrankenhaus sagte, ein großer Teil der Atemwegsinfektionen, die er sehe, seien RS-Viren. "Es gibt Kinder, die zusätzlichen Sauerstoff benötigen, überwacht werden müssen oder nicht ausreichend trinken – das geht natürlich nicht zu Hause und daher müssen viele Kinder im Krankenhaus bleiben." Einen weiteren Anstieg der Zahlen erwarte er nicht. "Aber auch die steigenden Corona-Zahlen insbesondere im Kindesalter beobachten wir mit großer Sorge. Ich fürchte, wir müssen uns auf einen harten Winter einstellen."

( ryb/hpmj )

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