Umstrittene Ausstellung

Warum ein Fußball-Weltmeister Hagenbecks Tierpark anklagt

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Der Fußball-Weltmeister Christian Karembeu erhebt schwere Vorwürfe gegen Hagenbecks Tierpark (Archivbild).

Der Fußball-Weltmeister Christian Karembeu erhebt schwere Vorwürfe gegen Hagenbecks Tierpark (Archivbild).

Foto: Imago

Ex-Fußballer Christian Karembeu erhebt schwere Vorwürfe. Der Tierpark muss nun eine dunkle Seite seiner Geschichte aufarbeiten.

Hamburg. Es ist eine dunklere Seite in der Geschichte des Tierparks Hagenbeck, die nun erneut für Schlagzeilen sorgt: die umstrittenen Völkerschauen, mit denen Hagenbeck bis in die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts Zuschauer anlockte. Dabei wurden meist Menschen aus „exotischen Ländern“ präsentiert, die zum Vergnügen der Zuschauer tanzen, singen oder handwerklich arbeiten sollten.

Wie der NDR berichtet, war ein Teilnehmer solcher Schauen der Ur-Großvater eines Fußball-Weltmeisters: Christian Karembeu, der 1998 den Titel mit Frankreich gewann und unter anderem für Real Madrid spielte.

Hagenbeck stellte Karambeus Vorfahr als Kannibale zur Schau

Er sagte dem Magazin „Panorama“, dass sein Vorfahr Willy Karembeu 1931 in Neu-Kaledonien – einer Inselgruppe im Süd-Pazifik – angeworben worden sei. Gemeinsam mit rund 100 Frauen, Männern und Kindern vom Volk der Kanak sollten sie angeblich, so schildert es Karembeu, ihre Heimat bei einer Kolonialausstellung in Paris repräsentieren. „Sie dachten, sie sollten dort Vertreter der Regierung treffen“, zitiert der NDR Christian Karembeu.

Doch stattdessen seien sie in einem Pariser Zoo als Kannibalen zur Schau gestellt worden – um kurz danach nach Hamburg gebracht zu werden. Dort präsentierte sie Hagenbeck als „Die letzten Kannibalen der Südsee“.

Tierpark Hagenbeck verspricht Aufarbeitung

Hagenbeck teilte auf Anfrage des Abendblatts mit, dass der Tierpark sich seit „seit längerer Zeit und umfassend mit seiner historischen Vergangenheit“ befasse. Fachkundige Unterstützung erhalte man „durch verschiedene Hamburger Museen sowie das Museumsreferat der Bildungsbehörde“. Dies sei ein fortlaufender Prozess, der noch nicht abgeschlossen sei.

Karembeu, heute Sportdirektor des griechischen Spitzenclubs Olympiakos Piräus, berichtete den Hamburger Journalisten, dass sein Ur-Großvater und die anderen in Hamburg jeden Tag viele Stunden lang tanzen, Speere schwingen und singen mussten – spärlich bekleidet, auch bei Kälte und Regen.

„Sie fühlten sich wie Sklaven“, sagte Karembeu dem NDR. Erst als sie sich in einem Schreiben an den französischen Kolonialminister gewandt hätten, sei ihnen die Abreise ermöglicht worden. „Wir können erst unseren Frieden finden, wenn wir alle Informationen haben, die ganze Geschichte erzählen“, so Karembeu laut NDR weiter.

Völkerschauen waren sehr populär

Völkerschauen waren in weiten Teilen Europas seit dem späten 19. Jahrhundert sehr populär. Zuvor waren einzelne „exotische“ Menschen wie Tiere ausgestellt worden, allerdings ließ das Publikumsinteresse bald nach. Daher wurden teil sehr aufwendig inszenierte Völkerschauen konzipiert, in denen die Zuschauer die Menschen in vermeintlich typischen Lebenssituationen beobachten konnten.

Dabei entsprachen die Darstellungen den gängigen Klischees, etwa des „wilden und stolzen Kämpfers“ aus Afrika, oder des paradiesisch im Müßiggang lebenden Südseeinsulaners, umgeben von halbnackten Frauen.

1939 gab es die letzte Völkerschau bei Hagenbeck

Carl Hagenbeck gehörte zu den Vorreitern. Schon 1874 zeigte er eine Schau mit Lappländern, die unerwartet großen Erfolg hatte, so dass bald weitere folgten. Ab 1907, mit der Eröffnung des Tierparks in Stellingen, stand ein eigenes Ausstellungsgelände zur Verfügung. In der Regel wurden die Darsteller angeworben und Verträge mit ihnen abgeschlossen, in denen festgelegt war, was sie zu tun hatten.

1939 gab es die letzte Völkerschau bei Hagenbeck, die bald darauf von der NSDAP verboten wurden, aber auch nicht mehr sehr populär waren, seit man in Filmen sehr viel einfacher, billiger und authentischer das Leben in „exotischen Ländern“ darstellen konnte.

Hagenbeck sah sich am Dienstag außerstande, einen Fragenkatalog des Abendblatts zu beantworten – unter anderem, ob Historiker die Geschichte aufarbeiten werden und wann dies abgeschlossen werde. In einer Stellungnahme heißt es über die Protagonisten: „Sie arbeiteten als Darsteller mit Verträgen und Gage für Hagenbeck, heute vergleichbar mit Artisten im Zirkus oder im Varieté.“ Und: „Die Völkerschauen sind ein Bestandteil der Hagenbeck-Historie, den wir nicht verleugnen.“

Wissenswertes zum Tierpark Hagenbeck:

  • Hagenbecks Tierpark wurde im Mai 1907 eröffnet
  • Er liegt im Hamburger Stadtteil Stellingen und umfasst eine Fläche von 19 Hektar
  • Im Tierpark gibt es mehr als 1850 Tiere aller Kontinente, darunter eine der größten Elefantenherden Europas
  • Alle Bereiche im Tropen-Aquarium und der Rundweg im Tierpark Hagenbeck sind behindertengerecht
  • Die Mitnahme von Hunden ist nicht erlaubt
( kum )

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