Johannes Wimmer

TV-Arzt: "Den Sarg auszusuchen, war sehr schmerzhaft"

| Lesedauer: 12 Minuten
Elisabeth Jessen
Der Hamburger TV-Arzt Johannes Wimmer verlor seine Tochter vergangenes Jahr an einen aggressiven Tumor (Archivbild).

Der Hamburger TV-Arzt Johannes Wimmer verlor seine Tochter vergangenes Jahr an einen aggressiven Tumor (Archivbild).

Foto: Klaus Bodig / HA

Nach dem Tod seiner Tochter wurde der Hamburger wieder Vater. Nun erzählte er, wie es ihm geht. Das Abendblatt war exklusiv dabei.

Hamburg. Sein großes Glück sitzt mit im Saal, als Dr. Johannes Wimmer im Foyer des Mehr!Theaters Platz nimmt. Dunkle Augenringe oder sonstige Anzeichen von Erschöpfung, wie sie Eltern von kleinen Babys sonst haben: Fehlanzeige.

„Das meiste macht ja meine Frau“, sagt der bekannte Hamburger TV-Arzt. Und die Kleine schlafe nachts sieben Stunden. „Ich gehe nur morgens eine Stunde mit dem Hund und unserer kleinen Tochter spazieren.“

Johannes Wimmer – Schicksalsschlag im vergangenen Jahr

Seine erst sieben Wochen alte Tochter und seine Frau Clara sitzen hinten, das kleine Mädchen verschläft den Auftritt ihres Vaters. Johannes Wimmer ist zur Mitgliederversammlung der Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum Hamburg e.V. gekommen, um mit dem langjährigen Fördermitglied Pastor Johann Hinrich Claussen über den Umgang mit Krisen zu sprechen.

Ein schwerer Schicksalsschlag hatte das Leben von Johannes Wimmer und seiner Frau Clara im vergangenen Jahr auf den Kopf gestellt. Nur wenige Monate nach der Geburt erkrankte ihre kleine Tochter Maximilia an einem Hirntumor. Im November 2020 starb das kleine Mädchen.

Johannes Wimmer engagiert sich für krebskranke Kinder

Seit Anfang 2021 ist Wimmer Mitglied der Fördergemeinschaft. Er engagiert sich als privater Spender und als öffentlichkeitswirksamer Fürsprecher. Ihm ist es ein großer Herzenswunsch, die Gesellschaft nachhaltig für das Thema Krebs bei Kindern zu sensibilisieren und auf den Spendenbedarf hinzuweisen.

„Während unserer Zeit am Kinderkrebs-Zentrum Hamburg haben wir erlebt, wie wichtig die spendenfinanzierten Förderprojekte der Fördergemeinschaft sind. Ohne Spenden würden viele wichtige Angebote im Rahmen der Patientenversorgung, Psychosozialen Hilfen und der Kinderkrebsforschung fehlen“, sagt der Arzt. Dank seiner Social-Media-Aktivitäten, in denen der 38-Jährige für Unterstützung der Fördergemeinschaft warb, hat diese inzwischen mehr als 1000 Mitglieder und zahlreiche Spender. Dafür dankte ihm Holger Iversen, der ehrenamtliche Vorsitzende der Fördergemeinschaft, ausdrücklich: „Es ist etwas sehr Besonderes, in einer so schweren Zeit auch noch an andere zu denken.“

Johannes Wimmer spricht offen über Tod seiner kleinen Maxi

Auch Pastor Claussen unterstützt die Fördergemeinschaft seit vielen Jahren, weil ihn der dortige Einsatz von Freunden und Bekannten sehr beeindruckt: „Die Fördergemeinschaft steht den jungen Patienten und ihren Familien in der belastenden Zeit der Erkrankung zur Seite und verbessert durch ihre Förderprojekte die Lebenssituation entscheidend“. Als Theologe, Autor, Honorarprofessor an der Humboldt Universität und Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland begleitet er seit vielen Jahren Menschen auf ihrem Glaubensweg.

Johannes Wimmer spricht sehr offen über die Krankheit und den Tod seiner kleinen Maxi. Er habe darüber sehr früh entscheiden müssen, sagt er, weil sein Management diesbezüglich Fragen bekommen habe. Er übt Kritik an der mangelnden Verschwiegenheit deutscher Krankenhäuser, es bleibe nichts lange geheim. Gemeinsam mit seiner Frau habe er nach langem Überlegen entschieden, über das Schicksal ihres Kindes zu sprechen, „weil ich sonst nicht mehr in den Medien tätig wäre. Das schaffe ich nicht, so zu sein wie vorher, das Leid für mich allein zu tragen. Ich bin ja kein Schauspieler, der eine Rolle spielt“.

Wimmer erfuhr nach Tod der Tochter viel Anteilnahme

Jeder Mensch gehe mit Leid und Herausforderungen unterschiedlich um, sagt der Hamburger, der sehr viel Anteilnahme erfahren und sehr viel Post von Betroffenen bekommen hat: „Viele Eltern schreiben, dass die Beziehung das nicht ausgehalten hat. Dann ist es auch sehr schwer, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich zu engagieren. Ich kann das sehr gut nachvollziehen.“ Er und seine Frau hätten die Situation als nicht änderbar akzeptiert. Das schafften viele Eltern nicht.

In seinem Buch „Wenn die Faust des Universums zuschlägt“ lässt Wimmer die Leser daran teilhaben, wie er gemeinsam mit Clara die Krankheit und den Tod ihrer gemeinsamen Tochter erlebt und durchgestanden hat. „Die Menschen, die Ihnen schreiben, finden die das gut?“, fragt Claussen. „Man macht sich angreifbar“, sagt Wimmer, „aber das Buch ist für mich und Clara wichtig. Es ist kein Verarbeiten, sondern ein Teilen. Es ist auch ein ganz großer Dank an die Menschen, die Anteil genommen haben, ohne dass man sie kennt.“

Wimmer sieht sich als Fürsprecher anderer Betroffener

Es sei auch ganz viel Dank zurückgekommen. Tenor: Endlich habe es mal jemand so geschrieben, wie es ist. Wir selber hätten die Worte nicht gefunden. Jetzt können wir mal sagen, so wie dem geht es uns auch. Wimmer sieht sich in einer Stellvertreterrolle, wie ein Fürsprecher für Menschen, die das gleiche haben, sich aber nicht so gut artikulieren können. Er habe auch das Hörbuch selbst eingesprochen, dabei sei es ihm nicht gut gegangen. „Das Schreiben war auch schmerzhaft, aber beim Sprechen habe ich oft mit der Stimme gekämpft.“

In der ganzen schwierigen Zeit hätten sie viel Unterstützung bekommen, sagt Wimmer. Von Ärzten, der Seelsorgerin, der Bestatterin: Es sei enorm, wie sehr manche Menschen für einen da sind. "Meine Mutter hat da sehr geglänzt, sie hat uns immer wieder herzhaftes Essen auf den Tisch gestellt.“ Genau solche Dinge seien so wichtig, betont er. Wenn man im eigenen Umfeld jemanden habe, der betroffen sei, solle man den Menschen konkret Hilfe anbieten, rät er, beispielsweise fragen, ob der Kühlschrank voll sei, ob man etwas zu essen habe, ob man mal putzen solle.

Wimmer rät anderen betroffenen Eltern zum offenen Wort

Die öffentliche Anteilnahme habe sich irgendwann angefühlt, als sei jede kleine Nachricht, jeder Kommentar wie ein Rosenblatt, das ihnen auf den Weg gelegt wird: „Ein Rosenblatt sehen Sie im Garten gar nicht, aber es wird daraus ein Teppich, wenn Ihnen Tausende Menschen schreiben. Man merkt, die fühlen mit, das macht es nicht besser, aber es hilft doch irgendwie.“

Gibt es Dinge, die er anderen weitergeben will? Wimmer rät anderen betroffenen Eltern mit schwerst kranken Kindern zum offenen Wort: „Man muss sagen, wie es einem geht. Manchmal muss man auch aushalten, dass es der andere schlecht drauf ist, wenn man sich selbst grade gefangen hat. Es sind ja beide völlig am Boden, manchmal hilft auch ein bisschen Humor.“

Der frühe Tod seines Vaters setzte Wimmer zu

Claussen fragt nach, ob es von Vorteil sei, Arzt zu sein, wenn man ein so schwer krankes Kind hat. „Die Fachexpertise ist wie eine starke Taschenlampe. Ich will wissen, was ich wissen kann“, antwortet Wimmer. Medizinisch sei die Krankheit seiner Tochter ein unheimlich frustrierender Fall gewesen. Aber durch sein Wissen als Mediziner hätten er und seine Frau die richtige Entscheidung getroffen, nämlich ihre Maxi nicht noch einer Chemotherapie auszusetzen, sondern sie nach Hause zu holen und dort zu betreuen.

Wimmer spricht auch über seine Kindheit. Sein Vater sei noch vor seinem fünften Geburtstag gestorben. „Ich habe als Kind nicht verstanden, was da passiert ist. Auch das war ein Grund, Medizin zu studieren.“ Der Tod seines Vater schwinge heute noch bei ihm nach, sagt er. Damals sei man mit dem Tod nicht offen umgegangen, er sei nicht einmal auf der Beerdigung gewesen.

Wimmer: "Den Sarg auszusuchen, war sehr schmerzhaft"

Er und seine Frau hätten die Trauerfeier für Maxi dagegen schon früh geplant, auch wenn das sehr schmerzhaft gewesen sei, den Sarg auszusuchen. „Ich konnte dieses Wort noch nicht mal denken. Währenddessen lag Maxi im Kinderwagen und hat geschlafen. Da muss man über viele Schatten springen. Aber es ist wie so oft im Leben – das Unausweichliche ist unausweichlich. Dann lieber sich früher und bewusst damit auseinandersetzen.“

Wimmer, der bis Mitte 2020 als Stabsarzt der Bundeswehr in Berlin mit traumatisierten Soldatinnen und Soldaten arbeitete, arbeitet neben seinen Fernsehauftritten (vorwiegend im NDR) derzeit an vielen neuen Projekten. So plant er 100 Videos, in denen er wie in einem Lexikon Medizin erklären will, beispielsweise: „Was ist eine Chemo.“

Johannes Wimmer schreibt an einem neuen Buch

Zurzeit schreibt er auch an einem neuen Buch mit dem Titel „Stark durch die Krise. Mein 30-Tage-Kurs.“, das im Dezember erscheinen wird. Auf seiner Internetplattform www.doktorwimmer.de wird es dazu Videos geben, an jedem Tag wird ein neues Thema angesprochen, beispielsweise, wie man mehr Selbstbewusstsein entwicklelt oder besser schläft.

Noch nicht ganz spruchreif ist sein Projekt eines täglichen Nachmittagstalks im Fernsehen. Die Idee habe es schon vor der Pandemie gegeben, „aber dann kam Corona dazwischen.“ Nun greife er das Thema wieder auf. Bei der Mitgliederversammlung wurde auch der Rudolf-Hellebrandt-Preis an den Fotografen Henning Heide und die teilnehmenden Familien für ein Fotoprojekt mit Aufnahmen aus dem Stationsalltag verliehen.

Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum Hamburg e.V.

Die Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum Hamburg e.V. unterstützt seit über 45 Jahren die Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), kurz das Kinderkrebs-Zentrum Hamburg. Der gemeinnützige Verein wurde 1975 von betroffenen Eltern krebskranker Kinder gegründet.

Die Spenden werden nach Angaben des Vereins verwendet, um eine optimale Patientenversorgung zu erreichen, psychosoziale Hilfen für betroffene Familien zu leisten und das Forschungsinstitut Kinderkrebs-Zentrum Hamburg zu fördern. Unter dem Slogan „Knack den Krebs“ sensibilisiert die Fördergemeinschaft die Öffentlichkeit für das Thema Krebs bei Kindern.

Kinderkrebs-Zentrum Hamburg behandelt pro Jahr 600 Kinder

Pro Jahr erkranken in Deutschland etwa 2000 Kinder bis zu ihrem 18. Lebensjahr an Krebs, davon etwa 140 in Hamburg und Umgebung. Das Kinderkrebs-Zentrum Hamburg ist eines der größten seiner Art in Deutschland, pro Jahr werden dort etwa 600 Kinder stationär und ambulant behandelt. Die Krebstherapie kann Wochen oder Monate dauern und macht meist eine Vielzahl von Klinikaufenthalten nötig – die Station wird für die Familien dabei zu einem Zuhause auf Zeit.

Dank verbesserter Behandlungsmöglichkeiten können heute etwa 80 Prozent der Kinder geheilt werden. Aber auch wenn sich die Überlebenschancen gebessert haben, ist und bleibt die Erkrankung eine extreme Belastung für das Kind und seine Familie. Neben den teilweise starken Nebenwirkungen unter der Therapie und der Sorge vor Spätfolgen kommen psychosoziale Probleme auf die Familien zu, die ohne Unterstützung nur schwer zu stemmen sind. Das Ziel der Fördergemeinschaft ist es, den Kindern und ihren Familien in dieser belastenden Zeit zur Seite zu stehen und mithilfe der Förderprojekte die Lebenssituation entscheidend zu verbessern.

Kinderkrebs Hamburg – so können Sie helfen

Der Verein hilft dort, wo Lücken bleiben und entscheidet jeweils über die Förderung von Projekten, zum Beispiel zusätzliche Arztstellen und Pflegepersonal, die Anschaffung von medizinischen Geräten, eine neue Ausstattung für Spiel- und Aufenthaltsräume oder die Förderung von Pilotprojekten, wie etwa die Nachsorgesprechstunde TIDE für Kinder und Jugendliche nach einer Krebserkrankung. Seit 2012 wird zudem die ambulante, palliative Versorgung unheilbar erkrankter Kinder im Großraum Hamburg unterstützt

Weitere Informationen: kinderkrebs-hamburg.de, kinderkrebs-forschung.de. Spendenkonto: Hamburger Sparkasse, IBAN: DE03 2005 0550 1241 1333 11, BIC: HASPDEHHXXX

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