„Dewi Saraswati"

Wie eine starke Hamburgerin Bildung in Indien unterstützt

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Vanessa Seifert
Annie Wojczewski an ihrem Schreibtisch im früheren Kinderzimmer ihres Sohnes.

Annie Wojczewski an ihrem Schreibtisch im früheren Kinderzimmer ihres Sohnes.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Annie Wojczewski hat ein Kinderdorf im Süden des Landes aufgebaut. Jetzt wird ihr Verein mit der Goldenen Bild der Frau ausgezeichnet.

Hamburg.  Doch, man kann die Welt verändern. Gerade als starke Frau. Es braucht dazu nur einen winzigen Schreibtisch im ehemaligen Kinderzimmer des längst erwachsenen Sohnes. Und natürlich Mut, Engagement und Geduld. „Es wird nicht alles sofort besser, das ist klar“, sagt Annie Wojczewski. „Aber jedes einzelne Kind, dem wir durch Bildung einen Weg aus der Armut ebnen, ist die Mühen wert.“

Und dann erzählt die 72-Jährige, die mit ihrem Verein „Dewi Saraswati“, was übersetzt so viel bedeutet wie „Göttin des Lernens“, im Süden Indiens ein Kinderdorf mit angeschlossener Kita und Schule aufgebaut hat, dass es ihr besonders am Herzen liege, die Mädchen zu stärken. Insbesondere in einem Land, das in einer aktuellen Umfrage der Stiftung Thomson Reuters erneut zum weltweit gefährlichsten für Frauen erklärt wurde.

Dewi Saraswati“ mit Preis ausgezeichnet

„Als ich vor zehn Jahren die damaligen Schülerinnen gefragt habe, wovon sie träumten, dann war die häufigste Antwort: von einem netten Ehemann, der hoffentlich nicht schlägt oder trinkt.“ Bei ihrem letzten Besuch vor der Corona-Pandemie habe sie diese Frage wieder gestellt und die neue Generation der Mädchen habe anders geantwortet. „Eine wollte Ärztin werden, die andere Lehrerin und die dritte Bauingenieurin. Das hat mich sehr berührt“, sagt die gebürtige Hamburgerin.

Aber auch Annie Wojczewskis Einsatz berührt. So sehr, dass ihr Verein am kommenden Mittwoch bei einer von Kai Pflaume moderierten Gala vor 400 Gästen in der Neuen Flora (ab 20 Uhr live auf www.bildderfrau.de) als eines von insgesamt fünf Projekten mit der „Goldenen Bild der Frau“ ausgezeichnet wird. 10.000 Euro vergibt die Bild der Frau, Europas größte wöchentliche Frauenzeitschrift, die wie das Hamburger Abendblatt zur Funke Mediengruppe gehört, an jede Preisträgerin.

Schule könnte mit Preisgeld vergrößert werden

Zusätzlich ist noch der Leserpreis ausgelobt: 30.000 Euro, gestiftet von der Deutschen Postcode Lotterie, erhält das Projekt, für das bis Dienstagabend, 20 Uhr, die meisten Anrufe eingehen/die meisten Klicks gezählt werden. „Der Preis an sich ist für unseren kleinen Verein, der komplett ehrenamtlich arbeitet und noch nie einen Cent in Werbung oder Marketing gesteckt hat, schon eine ganz große Ehre“, sagt Annie Wojczewski. „Würden wir jetzt noch die Abstimmung gewinnen, wäre das unglaublich.“

Vor allem, weil damit die Schule, in der derzeit rund 400 Kinder aus der gesamten Umgebung bis zur zehnten Klasse unterrichtet werden, vergrößert werden könnte. „Das Grundstück ist vorhanden, wir könnten bauen und dann auch eine elfte und zwölfte Klasse anbieten.“ Wer für den Hamburger Verein seine Stimme abgeben möchte, kann dies unter der Telefonnummer 01375/10 03 54 (* 0,14 €/Anruf aus dem deutschen Festnetz) tun oder unter www.goldene bildderfrau.de abstimmen.

Hamburger seit 1993 Mitglied bei „Dewi Saraswati“

Drei Schulbusse hat der Verein mithilfe der Bijou Brigitte Stiftung in den vergangenen Jahren schon angeschafft. „Die Kinder haben ja teilweise eine Anfahrt von mehr als einer Stunde über schlechte bis gar nicht ausgebaute Straßen“, sagt die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin, die mehr als 20 Jahre lang ihre kranke Mutter gepflegt hat.

Seit 1993 ist sie Mitglied beim Verein „Dewi Saraswati“, der ein Jahr zuvor von einem Freund der Familie gegründet worden war. „Mit Indien hatte ich bis dahin gar nichts am Hut“, sagt Annie Wojczewski und lacht. „Ich wollte mir die Sache nur mal anschauen. Und bin dann mit ganzem Herzen hängengeblieben.“

50 indische Mitarbeiter beschäftigt der Verein vor Ort

Seit 2011 ist sie nun Vorsitzende und korrespondiert täglich aus dem früheren Kinderzimmer ihres Sohnes Thorsten, der in Großbritannien lebt und in der Nähe von Oxford an einer Universität lehrt, mit dem anderen Ende der Welt. „Zu tun gibt es immer etwas“, sagt sie.

Mal müssen die Brunnen saniert, mal die Klassenräume neu gestrichen werden, dann wird Gerät für die zugehörigen Reisfelder und die Mini-Molkerei mit 18 Kühen benötigt. 50 Mitarbeiter, allesamt Inder, beschäftigt der Verein vor Ort. „Wir sind sehr stolz darauf, dass wir ihnen während der Coronazeit weiterhin ihre Gehälter auszahlen konnten.“

„Dewi Saraswati“ arbeitet ehrenamtlich

Für Annie Wojczewski und ihren Verein, der komplett ehrenamtlich arbeitet, ist es wichtig, den Spendern transparent Auskunft geben zu können. „Bei uns gibt es keine Verwaltung, kein großes Büro. Bei mir kann jeder zu Hause anrufen und fragen, ob sein Geld angekommen ist. 95 Prozent der Gesamtspendensumme kommt vor Ort an, darauf sind wir stolz.“

Spenden in jeder Höhe seien willkommen, auch ganz kleine. Eine Patenschaft für ein indisches Kind kostet im Jahr 300 Euro. Für eine Spende dieser Höhe könne man aber auch „Projekt-Pate“ werden und eine konkrete Baumaßnahme oder Sanierung unterstützen.

Annie Wojczewski will 2022 nach Indien reisen

Im Frühjahr 2022 möchte Annie Wojczewski endlich wieder nach Indien reisen. Am liebsten mit ihrem Sohn und ihrer indischen Schwiegertochter. „Da habe ich nichts arrangiert“, sagt sie lachend. „Die beiden haben sich in England kennengelernt. Und ich könnte keine bessere Schwiegertochter haben!“

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