Herzinfarkt

Stau im Herz? So hilft ein Bypass den Betroffenen

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Vanessa Seifert
Prof. Dr. Michael Schmoeckel ist Chefarzt an der Asklepios Klinik St. Georg.

Prof. Dr. Michael Schmoeckel ist Chefarzt an der Asklepios Klinik St. Georg.

Foto: Mark Sandten / FUNKE FOTO SERVICES / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Asklepios-Chefarzt erklärt, wie der Eingriff funktioniert. Vorsorge sei wichtig, um einen Herzinfarkt zu verhindern.

Hamburg. Von einer koronaren Herzerkrankung, also einer Verengung der Herzkranzgefäße durch Kalk- und Fettablagerungen, ist in Deutschland schon jede fünfte Frau und ein Viertel aller Männer über 65 Jahre betroffen. Das Tückische: Viele von ihnen wissen davon gar nichts. „Etwa die Hälfte aller Herzinfarkte, die im schlimmsten Fall ja tödlich verlaufen können, passieren aus heiterem Himmel. Die Patienten hatten also nie irgendwelche Symptome“, sagt Professor Dr. Michael Schmoeckel.

Umso wichtiger sei es, Vorsorgetermine wahrzunehmen, damit potenzielle Risikofaktoren wie ein erhöhter Cholesterinspiegel oder Bluthochdruck erkannt und medikamentös behandelt werden könnten, so der Chefarzt der Klinik für Herzchirurgie am Zentrum für Herz- und Gefäßmedizin an der Asklepios Klinik St. Georg. „Rauchen und Übergewicht begünstigen die Entstehung einer koronaren Verengung, das heißt eine Veränderung des Lebensstils ist wichtig. Bei manchen Patienten spielt allerdings auch eine erbliche Komponente eine Rolle. Sie haben womöglich schlicht das Pech, aus einer Herzinfarkt-Familie zu kommen“, sagt der habilitierte Mediziner, der in der aktuellen Podcast-Folge zu Gast ist.

Herzinfarkt: Der Bypass sei wie „eine Umgehung über Land“

Sei die Verengung bereits vorhanden, gebe es zwei Konzepte, um diese zu beheben: „Die Verengung kann mit einem Ballon zunächst aufgedehnt werden, ehe der Kardiologe einen sogenannten Stent, also eine Gefäßstütze aus Metall, setzt. Im Prinzip funktioniert das wie ein kleiner Maschendrahtzaun“, sagt der Chefarzt, der mit einer Ärztin verheiratet ist und zwei erwachsene Kinder hat, von denen der Sohn auch Medizin studiert. „Den Stent zu setzen, das ist ein relativ kleiner und für den Patienten sehr schonender Eingriff“, sagt der gebürtige Schwabe.

Gebe es jedoch bereits mehrere Engstellen, so sei eine Bypass-Operation das Mittel der Wahl. „Der Bypass ist nichts anderes als eine Umleitung“, erklärt der Experte, der mit seinem Team in St. Georg jedes Jahr etwa 400 reine Bypass-Operationen durchführt und rund 250 Bypass-OPs in Verbindung mit anderen Eingriffen. „Es ist so, als umfahre man über die Landstraße den Stau auf der Autobahn. Man kommt dann entspannt hinter der Verengung wieder raus“, sagt der Herzchirurg.

Ein großer Vorteil sei, dass der Körper das Baumaterial für diese Umgehung schon bereithalte. „Wir präparieren die Brustwandarterien ab und bilden aus ihnen die Umleitung.“ Früher – der erste Eingriff dieser Art wurde bereits 1967 vorgenommen – habe man Beinvenen verwendet. „Das funktioniert auch, aber diese Venen bleiben nicht ganz so lange offen.“ Deutlich nachhaltiger helfe man den Patienten eben mit dem arteriellen Konzept: „Studien haben belegt, dass zehn Jahre nach dem Eingriff noch 95 Prozent der Arterien geöffnet sind. Das heißt, der Eingriff hilft dem Patienten anhaltend.“

Diabetiker profitieren von einer Bypass-Operation

Gerade auch Diabetiker, die wegen der Begleiterscheinungen der Zuckerkrankheit ein erhöhtes Risiko für eine koronare Herzerkrankung hätten, aber eben oft noch recht jung seien, würden von einer Bypass-Operation profitieren. „Aber es ist natürlich immer eine individuelle Entscheidung, welcher Patient für diesen Eingriff geeignet ist und für wen aufgrund von hohem Alter und Vorerkrankungen vielleicht doch eher der Stent eine Option ist“, sagt der Chefarzt, der seit 2009 in Hamburg tätig ist.

Doch wie riskant ist so ein Eingriff, der im Schnitt vier bis fünf Stunden dauert? „Jeder Eingriff birgt ein Risiko“, sagt der Mediziner. „Aber es ist in diesem Fall sehr gering, weil es sich um ein etabliertes Verfahren handelt, das es seit mehr als 50 Jahren gibt.“ Das Risiko bei dem Eingriff zu sterben, liege bei ein bis zwei Prozent. „Wobei in dieser Statistik natürlich auch Notfälle mitgezählt werden. Also Menschen, die ganz akut operiert werden müssen.“

Nach dem Eingriff verbleibe der Patient in der Regel eine Nacht auf der Intensivstation und werde von der künstlichen Beatmung entwöhnt. Anschließend werde er noch ein bis zwei Wochen überwacht, ehe er für etwa eine Woche auf die Normalstation verlegt werde. „Daran schließt sich dann eine etwa dreiwöchige Heilbehandlung an, die von der Krankenkasse übernommen wird“, sagt der Opernfan, der gerade im Sommer die Bayreuther Festspiele besucht hat und in Hamburg mit seiner Frau auch ein Abo fürs Schauspielhaus hat. „In der Reha lernen die Patienten zunächst, ihr Brustbein, das für den Eingriff durchtrennt werden musste, zu schonen. Aber es geht auch um einen gesünderen Lebensstil. Denn die OP allein ist nicht alles.“

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