2G-Regel

Hamburger Gastronomen fehlen Tausende Arbeitskräfte

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Ulrich Gaßdorf
Gastronom Tim Lang (r.) betreibt die Botanic District Bar in Eppendorf und setzt künftig auf 2G, aber nicht an jedem Tag, weil einige Mitarbeiter wie Konstantin Petersen noch nicht durchgeimpft sind.

Gastronom Tim Lang (r.) betreibt die Botanic District Bar in Eppendorf und setzt künftig auf 2G, aber nicht an jedem Tag, weil einige Mitarbeiter wie Konstantin Petersen noch nicht durchgeimpft sind.

Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Dehoga fordert eine Impfpflicht für Mitarbeitende. Die Personalknappheit wird derweil auch in der Hotellerie immer dramatischer.

Hamburg. Die Botanic District Bar gehört zu den angesagtesten Treffpunkten in Eppendorf. Für die Gäste gibt es vom 14. Oktober an eine Änderung. Denn die Chefs Johannes Schröder und Tim Lang setzen künftig auf einen Mix aus dem 2G – nur Geimpfte und Genesene ­– und dem 3G-Modell – Geimpfte, Getestete und Genesene.

Von Montag bis Mittwoch gilt weiterhin die 3G-Regel und von Donnerstag bis Sonnabend die 2G-Regel – für die sich die Betriebe seit Ende August bei der Stadt anmelden können. Bislang wurden mehr als 1300 Lokale nach Abendblatt-Informationen registriert und haben entsprechende Vorteile.

2G stellt Gastronomen in Hamburg vor Herausforderungen

„Mit 2G werden wir wieder Öffnungszeiten bis 2 Uhr anbieten, und wir können auch die Tische dichter stellen und mehr Gäste bewirten“, sagt Tim Lang beim Ortstermin mit dem Abendblatt im Botanic District an der Hegestraße. Zudem falle bei 2G die Maskenpflicht im Lokal. Wenn Lang an allen seiner sechs Öffnungstage 2G anwenden würde, würde sich das für ihn wirtschaftlich lohnen.

Aber er hat ein Problem: „Wir haben nicht genügend durchgeimpfte Mitarbeiter, um sechs Tage lang 2G anzubieten. Deshalb haben wir zunächst einmal diese Lösung gewählt. Die Mitarbeiter von uns, die noch nicht geimpft sind, werden dann weiterhin an den 3G-Tagen eingesetzt. Das ist natürlich ein Mehraufwand, weil wir die Dienstpläne entsprechend anpassen müssen.“ Denn wenn das Personal Kontakt mit den Gästen hat, muss es auch geimpft sein.

Gastronom zur Impfung: „Wir können keinen zwingen“

Natürlich würde der Gastronom sich wünschen, dass „sich alle unsere Mitarbeiter impfen lassen, aber wir können keinen zwingen. Dazu kommt, dass wir, wie alle in der Branche, eh auf jeden einzelnen Mitarbeiter angewiesen sind.“ Botanic-District-Restaurantleiter Konstantin Petersen wird ab dem 14. Oktober zunächst nur von Montag bis Mittwoch hier arbeiten.

Bei dem gelernten Hotelfachmann steht die zweite Impfung noch an, und erst danach wird Petersen auch an den 2G-Tagen zum Einsatz kommen. „Ich hatte mir vorher gar keine großen Gedanken über die Impfung gemacht. Deshalb bin ich ein bisschen spät dran“, sagt Petersen. Dirk Kowalke, Chef vom Fischereihafen Restaurant, sagt: „Sicherlich ist 2G auch für unser Restaurant eine interessante Option. Aber da bei uns einige Mitarbeiter im Service noch nicht geimpft sind, werden wir vorerst bei 3G bleiben müssen.“

Ungeimpfte Mitarbeiter dürfen keinen Gästekontakt haben

Ab Montag stellt die Bundesregierung die kostenlosen Corona-Schnelltests ein – diese müssen dann aus eigener Tasche bezahlt werden. Für Gastronom Peer Petersen, der die Neumann’s Weinbistros an der Langen Reihe und im Grindelhof sowie das Mellinghus, das Wellingten und The Locks im Alstertal betreibt, ein Grund jetzt in seinen Lokalen ab dem 10. Oktober das 2G-Modell einzuführen. „Ich gehe nicht davon aus, dass sich jemand kostenpflichtig testen lässt, um essen zu gehen. Deshalb stellen wir jetzt auch darauf um, dass wir nur noch Geimpfte und Genesene bewirten“, sagt Petersen. Sein großer Vorteil: „Unsere rund 120 Mitarbeiter sind alle durchgeimpft.“

Unterdessen kommt Kritik vom Dehoga (Deutschen Hotel- und Gaststättenverband) Hamburg. „Der Senat gibt die Verantwortung an die Betriebe und Veranstalter ab. Das ist für die Politik einfach, aber für die Unternehmen eine Herausforderung. Das heißt, wer 2G anwendet, muss seine Mitarbeiter befragen, ob die tatsächlich durchgeimpft sind. Die, die nicht geimpft sind, dürfen dann keinen Gästekontakt haben. Es kann also gerade in kleineren Betrieben zu Problemen kommen, wenn Mitarbeiter eine Impfung verweigern, weil diese dann schlicht nicht mehr eingesetzt werden könnten. Aber auf der anderen Seite dürfen sie als Arbeitgeber auch keinen Angestellten zwingen, sich impfen zu lassen“, sagte Vizepräsident Niklaus Kaiser von Rosenburg dem Abendblatt.

Der Branchenexperte fordert deshalb: „Die Bundesregierung sollte eine Impfpflicht einführen. Das würde vor allem für die Betriebe eine Erleichterung sein. Dann müsste man auch nicht mehr mit Mitarbeitern und Gästen über dieses Thema diskutie­­ren.“

Mehraufwand für Veranstalter wegen 2G und 3G

Vor Herausforderungen stellt 2G auch die Veranstaltungsbranche. „Wenn wir das 2G-Modell für Veranstaltungen anwenden wollen, bedeutet das für uns einen deutlich größeren organisatorischen Aufwand. Denn wir müssen ja sicherstellen, dass auch sämtliche Mitarbeiter unserer Dienstleister wie zum Beispiel von der Security oder vom Catering alle durchgeimpft sind.

Natürlich brauchen wir, egal ob nun bei 2G oder 3G, mehr Personal, um die Test- beziehungsweise Impfnachweise zu kontrollieren und die Kontaktnachverfolgung zu gewährleisten. Mehr Personal bedeutet natürlich auch höhere Kosten“, sagt Thorsten Weis, Geschäftsführer der Bergmanngruppe.

Cruise Days unter 2G- oder 3G-Modell unmöglich

Das Hamburger Unternehmen gehört zu den Großen der Branche und setzte vor Corona Großveranstaltungen wie die Hamburg Cruise Days, die Fanfeste auf dem Heiligengeistfeld und das Eppendorfer Landstraßenfest um. Weis hofft, dass diese Formate nächstes Jahr wieder realisiert werden können, sagt aber auch: „Wir können keine Cruise Days mit rund einer halben Million Besuchern mit 2G oder 3G umsetzen. Das kann man schlicht vom Aufwand her nicht leisten.“

Der Branchenexperte sagt, dass es der Event- und Veranstaltungsbranche ähnlich gehe wie der Gastronomie und Hotellerie. „Wir haben Schwierigkeiten, überhaupt Sicherheitspersonal, Hostessen und Servicemitarbeiter zu finden, um die jetzt wieder steigende Zahl an Events durchzuführen. Und wenn die, die zur Verfügung stehen, nicht geimpft sind, dann können wir sie für 2G nicht einsetzen.“

In Gastronomie und Hotellerie fehlen „etwa 8000 Arbeitskräfte“

Nicht nur im Veranstaltungsbereich, vor allem in Gastronomie und Hotellerie wird dringend Personal gesucht. „Die Situation war schon vor Corona schwierig. Jetzt, da viele Kräfte während der Zwangspause in andere Branchen gewechselt sind, haben wir ein echtes Problem“, sagt Dehoga-Vize Kaiser von Rosenburg. Zahlreiche Betriebe müssten deshalb extra Ruhetage einschieben oder am Ende sogar schließen.

„Ich gehe davon aus, dass etwa 8000 Arbeitskräfte in Gastronomie und Hotellerie fehlen. Das merkt man jetzt besonders schmerzlich, weil das Geschäft wieder anzieht, aber noch weniger Personal da ist als vor dem Lockdown“, sagt Kaiser von Rosenburg und ergänzt: „Die Agentur für Arbeit kann uns mangels Bewerbern auch nicht weiterhelfen. Der Staat muss den Menschen, die nach Deutschland als Flüchtlinge kommen, umgehend eine Arbeitserlaubnis erteilen. Denn wir sind dringend auf diese Kräfte angewiesen.“

Weihnachtsmärkte finden statt – unter 2G-Bedingungen

Wer sich in der Branche umhört, bekommt immer dieselbe Antwort: „Wir brauchen Personal.“ So ist es auch im The Westin Hotel in der Elbphilharmonie. Hier werden Leute für Service, Empfang, Spa und Küche gesucht. „Wir könnten noch etwa 15 neue Mitarbeiter gebrauchen“, sagt Direktorin Madeleine Marx. Wegen der personellen Engpässe ist das hauseigene Restaurant Fang & Feld aktuell geschlossen. „Wir sind aber zuversichtlich, dass wir Ende Oktober wieder öffnen können, denn dann dürfte das Team komplett sein.“

Botanic-District-Chef Lang, der gemeinsam mit Hannes Schröder auch das Deli „Was wir wirklich Lieben“ an der Hegestraße und das Restaurant Küchenfreunde am Lehmweg betreibt, kennt das Problem. „Die Corona-Zwangspause hat viele aus der Gastronomie in andere Branchen getrieben. Personalmangel gab es schon vorher, aber jetzt ist die Lage noch dramatischer geworden. Wir haben in diesem Jahr keine Auszubildenden gefunden. Und der Nachwuchs ist das Wichtigste für die Branche“, sagt Lang.

Unterdessen wurde bekannt, dass in diesem Jahr Weihnachtsmärkte wieder erlaubt sein sollen. Im vergangenen Jahr musste das gesellige Zusammensein wegen Corona ausfallen. Allerdings dürfte es auch eine Herausforderung für die Betreiber der Stände werden, Personal zu finden. Denn die Mitarbeiter müssen geimpft sein – auch bei den Weihnachtsmärkten soll das 2G-Modell gelten.

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