S-Bahn Hamburg

28 Menschen sterben bei Hamburgs wohl schwersten Zugunglück

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Matthias Schmoock
Am 5. Oktober 1961 kollidiert eine S-Bahn bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Berliner Tor mit einem Güterzug, der Stahlträger geladen hat..

Am 5. Oktober 1961 kollidiert eine S-Bahn bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Berliner Tor mit einem Güterzug, der Stahlträger geladen hat..

Foto: Alert / ullstein bild

Vor 60 Jahren kam es in der Nähe des Bahnhofs Berliner Tor zur Katastrophe. Eine S-Bahn stieß mit einem Güterzug zusammen.

Hamburg.  Es ist ein Unglück, das auch Jahrzehnte später nichts von seinem Schrecken verloren hat, und das heute noch genauso erschüttert wie vor 60 Jahren. Damals ereignete sich der schwerste Unfall in der Geschichte der Hamburger S-Bahn. 28 Menschen lassen ihr Leben, weil ein Fahrdienstleiter eine falsche Entscheidung trifft.

Das Drama beginnt am späten Abend des 5. Oktober 1961, einem Donnerstag, als eine S-Bahn um 22.30 Uhr im Hauptbahnhof in Richtung Bergedorf startet. Der sogenannte Halbzug besteht aus drei Wagen. Er ist voll besetzt, auch mit Nachtschwärmern, die aus dem Kino oder Theater nach Hause fahren wollen. Ein eigenes Auto haben damals noch längst nicht alle Menschen in Hamburg.

Zugunglück geht auf menschliches Versagen zurück

Um circa 22.34 Uhr gibt Fahrdienstleiter Alfred M. für den im Bahnhof Berliner Tor wartenden Zug mit der Nummer 3819 im nahe gelegenen Stellwerk grünes Licht – ein Fehler mit katastrophalen Folgen. M. hat in diesem Moment vergessen, dass ein mit riesigen Doppel-T-Trägern beladener Bauzug südöstlich des Bahnhofs auf demselben Gleis rangiert – und das, obwohl dieser Zug das Stellwerk nur Minuten zuvor passiert hatte. Wie das geschehen kann, bleibt für immer ein Rätsel, möglicherweise, so wird später rekonstruiert, ist M. mit Schreibarbeiten abgelenkt.

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Mit rund 70 Stundenkilometern prallt die S-Bahn um 22.37 Uhr auf den unbeleuchteten Bauzug, dessen Fahrer im letzten Moment abspringen kann. Zeugen berichten später von ohrenbetäubendem Lärm, vergleichbar einer explodierenden Bombe. Und an einen Bombenangriff erinnert auch das Bild, das sich den eintreffenden Rettungskräften vor Ort bietet. Die rund 15 Meter langen Träger haben sich von der Frontscheibe an rund 13 Meter tief in den ersten Wagen der S-Bahn gebohrt und ihn buchstäblich aufgespießt.

Schwierigste Bergungsaktion der Feuerwehr Hamburg

Viele Fahrgäste sind wie bei einer hydraulischen Presse nach hinten gedrückt worden, eingeklemmt zwischen zerquetschten Sitzbänken, Holz- und Metallteilen. Der nun folgende Einsatz ist für die Rettungskräfte so belastend wie nur ganz wenige in Hamburgs Nachkriegszeit. Der damalige Oberbranddirektor Hans Brunswig nennt das Unglück später gemeinsam mit der Flutkatastrophe von 1962 „die wohl schwierigste Bergungsaktion in der Geschichte der Hamburger Feuerwehr“.

Denn fatalerweise liegt die Unfallstelle am Anfang einer Brücke über den Mittellandkanal. Der Bahndamm ist an dieser Stelle rund zwölf Meter hoch und schwer zu erreichen. Hinzu kommen die schockierenden Szenen, welche die Helfer unvorbereitet erleben. Überall schreien eingeklemmte Menschen, andere irren unter Schock in zerfetzter Kleidung an den Bahngleisen herum. Aus den Zugfenstern hängen Verstümmelte, der Bahndamm ist voller Blut.

Protokoll der Feuerwehr dokumentiert den Einsatz minutiös

Es dauert Stunden, bis die Opfer in dem zusammengepressten Wagen mithilfe von schwerem Gerät erreicht werden können. Faktisch muss das riesige Metallknäuel schrittweise auseinander gebogen werden, um Tote und Schwerverletzte zu bergen. Feuerwehr und Rettungssanitäter leisten vor Ort fast Übermenschliches, auch das Technische Hilfswerk und viele Freiwillige helfen. Sechs Ärzte sind auf dem Bahndamm im Dauereinsatz, um den Schwerverletzten so gut wie möglich beizustehen.

In einem Protokoll der Feuerwehr sind die Arbeiten minutiös vermerkt – es ist ein Dokument des Grauens (abgedruckt in dem Buch „Das große Feuerwehr Buch Hamburg“), das noch heute schockiert. Einige Auszüge: 2.05 Uhr: erste lebende Frau nach Notamputation Unterschenkel befreit. 2.15 Uhr: ein junger Mann lebend. 3.25–3.30 Uhr: Notamputation beider Füße an jungem Mann, danach lebend geborgen. 3.35 Uhr: eine weibliche Leiche, ein älterer Mann bei vollem Bewusstsein. 4–45: Triebwagenführer tot geborgen. Ende der Bergungsarbeiten.

Knapp 100 Menschen werden bei dem Zugunglück verletzt

Die Verletzten müssen mühsam zu den unterhalb des Bahndamms wartenden Rettungswagen abgeseilt werden, auch die vielen Helfer sind mit Seilen gesichert. Bis zum Morgen werden die umliegenden Kliniken ununterbrochen angefahren, alleine im AK St. Georg versorgen 22 Ärzte die Opfer. Schließlich steht fest: 28 Menschen haben das Unglück nicht überlebt, fast 100 sind verletzt. Viele der Schwerverletzten leiden ihr Leben lang körperlich und seelisch unter den Folgen des Unglücks.

Am nächste Tag wehen die Flaggen aller öffentlichen Gebäude auf Halbmast, Hamburg trauert. Der Verantwortliche für die Katastrophe, Alfred M., wird verhaftet und vor Gericht gestellt. M. erhält ein Jahr Gefängnis auf Bewährung, kann jedoch nie wieder Schritt fassen. Nach mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken und der Frühpensionierung zieht er sich, von Schuldgefühlen gequält, völlig zurück und stirbt als gebrochener Mann.

Nur wenige Hundert Meter entfernt vom Ort des Schreckens kommt es im Juni 1967 erneut zu einem schweren Zugunglück. Diesmal fährt eine S-Bahn einem D-Zug in die Flanke, der daraufhin entgleist. Aus den umgekippten Waggons werden 130 Menschen gerettet, 34 von ihnen sind verletzt. Tote gibt es nicht zu beklagen. Dramatischer verläuft der Zusammenstoß eines Güterzugs mit einem Nahverkehrszug in Hausbruch im Juli 1975. Damals kommen elf Menschen ums Leben, 70 werden verletzt.

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