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So leben zwei Hamburger jetzt auf sechs Quadratmetern

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Bulli statt Wohnung, Sarah Gerber und Finn Petersen geben ihre Hamburger Wohnung auf und wollen mit ihrem VW Bulli T4 auf Reisen gehen.

Bulli statt Wohnung, Sarah Gerber und Finn Petersen geben ihre Hamburger Wohnung auf und wollen mit ihrem VW Bulli T4 auf Reisen gehen.

Foto: Thorsten Ahlf / FUNKE FOTO SERVICES

Sarah Gerber und Finn Petersen tourten ein Jahr durch Europa. Jetzt wollen sie nur noch im VW-Bus wohnen.

Hamburg. Alles, was sie brauchen, passt in eine Ecke ihres Wohnzimmers und liegt dort ausgebreitet auf dem Holzparkett. Kleidung, Handtücher, Werkzeuge, Geschirr zum Beispiel. Dass sie mit ganz wenig auskommen, haben Sarah Gerber und Finn Petersen im vergangenen Jahr bewiesen. Sie waren ein Jahr lang mit ihrem VW-Bus in Europa unterwegs. Jetzt sind sie zurück in Hamburg. Nicht, um wieder in ihr altes Leben zurückzukehren, sondern um ihre Wohnung aufzulösen. Die 37-Jährige und ihr ein Jahr älterer Freund wollen ab sofort nur noch im VW-Bus leben und reisen.

Sieht man die eigentlich sehr begehrte Altbauwohnung mit den Holzböden, den alten Türen und hohen Wänden mit den Augen von Sarah und Finn, dann ist es hier ganz furchtbar. Das Bad hat kein Fenster, ins Schlafzimmer scheint nie die Sonne, und vom großen Balkon aus ist der Himmel kaum zu sehen, alles ist eingezwängt von Häusern. Es ist der freie Blick, der fehlt. „Wenn ich in der Natur bin, habe ich Licht, wenn es mal nicht hell ist“, sagt Sarah. „Hier in der Wohnung bekomme ich nichts mit vom Wetter.“

Sechs Quadratmeter Wohnraum: Das Leben auf der Straße

Klar, sie könnten auch aufs Land ziehen. Aber sie sind noch nicht fertig mit dem Leben auf der Straße, mit dem Entdecken. Sie sehnen sich nach Freiheit, Natur und dem Leben auf Reisen. Danach, ihren morgendlichen Kaffee irgendwo an einem See, am Meer oder in den Bergen zu trinken. In einen See zu springen und zu baden, und das nicht nur im Urlaub.

Sarah und Finn: Leben auf sechs Qudratmetern

„Wir wollen möglichst mit Temperaturen um die 20 Grad leben“, sagt Finn. So heiß wie zuletzt in Süditalien muss es der Nordfriese aus Bredstedt nicht unbedingt haben. Sarah, gebürtige Münchnerin, mag dagegen hohe Temperaturen. Beide sehnen sich danach, dass es jeden Tag ihre Hauptaufgabe sein wird, einen Stellplatz für ihren umgebauten VW Bus Baujahr 1997 zu finden, Wasser zu holen, Frühstück, Mittagessen und Abendbrot in ihrem Camper zuzubereiten. So wie sie die vergangenen zwölf Monate gelebt haben.

Sie wollen nicht mehr in der Enge der Großstadt leben

Da waren sie mit ihrem VW-Bus, den sie liebevoll Pidi nennen, auf Kreta, auf Korfu, in Süditalien, auf dem griechischen Festland, umgeben von Sonne, Meer und schönen Landschaften. Ihnen genügt ihr Haus auf vier Rädern. Für VW-Bulli-Interessierte: Pidi ist ein VW T4 Syncro mit langem Radstand, Benziner, 2,5 Liter Hubraum und mit Standheizung.

Sie wollen nicht mehr in der Enge der Großstadt leben, sondern ausbrechen aus diesem Alltag? Sie wollen in andere Länder eintauchen, von Tag zu Tag leben ohne festen Plan. Klingt nach Träumerei? Vielleicht, aber sie machen den Traum wahr, zeigen, dass es möglich ist. Schluss mit dem Stress. In den vergangenen Wochen hatten sie davon reichlich. Alles muss aus der Wohnung raus. Sie verkaufen ihr Hab und Gut auf Kleinanzeigenportalen, verschenken vieles, um ein minimalistisches Leben auf sechs Quadratmetern zu führen.

Jetzt wird es mit dem Leben im VW-Bus ernst

Drei Umzugskartons, zwei Apothekerschränke, ein Sideboard und das Rosenthal-Porzellan vom Flohmarkt werden eingelagert. Das ist alles, was von vier Jahren in der gemeinsamen Wohnung in der Neustadt übrig bleibt. Dinge, die sie bei Finns Eltern in Bredstedt einlagern. Die Wohnungsübergabe haben sie hinter sich, die letzte Nacht mit Wohnung haben sie dennoch in ihrem Pidivan in ihrem alten Viertel verbracht, einfach weil es gemütlicher ist. Jetzt ist es mit dem Leben im VW-Bus ernst. Weil Pidi aber bis voraussichtlich Mitte Oktober in der Reparatur ist und ein neues Getriebe bekommt, überbrücken Finn und Sarah die wohnungslose Zeit mit Freunden in Georgien beim Zelten.

Naiv sind diese modernen Nomaden nicht, mutig schon. In Hamburg hat Sarah als Kunsttherapeutin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet, Finn ist Tischler und Architekt. Dass sie mit wenig Geld auskommen, haben sie ein Jahr lang ausprobieren können. 1000 Euro pro Person im Monat hatten sie veranschlagt und Geld gespart. Meistens haben sie viel weniger ausgegeben. Zwei Jahre wollten sie ursprünglich auf Reisen sein.

Lässt sich mit dem Instagramkanal Geld verdienen?

Aus zwei Jahren wird nun eine Reise auf unbestimmte Zeit. Finanziell über die Runden kommen, wollen sie mit Jobs vor Ort. Finn akquiriert bereits von Hamburg aus, hat sich einen neuen Laptop für Zeichnungen angeschafft und packt sein Handwerkszeug mit ins Auto. Als Tischler kann er vor Ort arbeiten, als Architekt von überall. Sarah überlegt noch, wie sie mit ihrem Instagramkanal (@pidivan) eventuell Geld verdienen kann. „Ich kann mir auch vorstellen, unterwegs als Arzthelferin zu arbeiten, das habe ich mal gelernt.“ Alles wird sich ergeben, so wie sich so vieles auf ihrer Reise ergeben hat. Die beiden lassen sich treiben. So sind aus den geplanten zwei Monaten auf Kreta sieben geworden.

Um ihre zukünftige Rente machen sich die zwei keine Sorgen. Wer mit einem alten reparaturanfälligen VW-Bus durch Europa reist, ist ohnehin nicht der Typ, der die absolute Sicherheit braucht. „Wir brauchen so wenig zum Leben und müssen nicht viel zurücklegen. Wir haben keine Kinder, und sind nur für uns selbst verantwortlich“, sagt Sarah.

Noch vor Weihnachten wollen sie dann Richtung Spanien und Portugal starten und dort überwintern. Weitere Stationen sollen Großbritannien sein, und vielleicht irgendwann die Pan Americana von Kanada bis Argentinien.

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