Asklepios Klinik

Diese Diagnose ist ein „Riesenschock“

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Vanessa Seifert
Privatdozent Dr. Tobias Martens ist Chefarzt für Neurorchirurgie an der Asklepios Klinik St. Georg.

Privatdozent Dr. Tobias Martens ist Chefarzt für Neurorchirurgie an der Asklepios Klinik St. Georg.

Foto: Thorsten Ahlf

Dr. Tobias Martens spricht über die Behandlung von Hirntumoren und warum manchmal Patienten im Wachzustand operiert werden müssen.

Hamburg.  „Wenn ein vermeintlich gesunder, erwachsener Mensch mitten im Leben und quasi aus heiterem Himmel einen epileptischen Anfall bekommt, dann ist das ein klares Warnsignal. Die häufigste Ursache dafür ist ein Hirntumor“, sagt Privatdozent Dr. Tobias Martens.

Der Chefarzt der Abteilung für Neurochirurgie an der Asklepios Klinik St. Georg, der mit seinem Team jede Woche zwei bis vier Hirntumor-Operationen durchführt, ist zu Gast in der neuen Podcast-Folge, die unter anderem auf abendblatt.de kostenlos anzuhören ist.

Asklepios Klinik: Diagnose ist immer ein Schock

Die Diagnose „Hirntumor“ sei für die Betroffenen verständlicherweise der „denkbar größtmögliche Schock“, sagt der habilitierte Mediziner. „Alles, was am und im Kopf ist, bereitet immer große Sorge.“ Tatsächlich unterscheide man bei Hirntumoren weniger zwischen gut- und bösartigen Tumoren. „Denn gefährlich sind die Hirntumoren leider alle“, sagt der verheiratete Vater von zwei kleinen Töchtern. „Das entscheidende Kriterium für uns ist, wie schnell sie wachsen oder eben auch nicht.“

Am häufigsten kämen Tumoren vor, die vom Hirngewebe selbst ausgingen, erklärt der Experte. „Sie können das Gehirn regelrecht kaputtmachen“, so der Chefarzt, der vor zwei Jahren vom UKE zu Asklepios nach St. Georg gewechselt ist. Dann gebe es noch die in der Regel gutartigen Hirnhauttumoren, die sich ausbreiten und dadurch zunächst „nur“ ein Platzproblem im Kopf verursachten. „Das ist aber natürlich auch unschön und führt zu Problemen. Diese Tumoren können aber meist in einer Operation komplett entfernt werden, so dass der Patient danach als geheilt gilt.“

Keine klassischen Symptome bei Hirntumoren

Doch woran erkennt man, dass sich im Hirn ein Tumor gebildet hat? „Es ist etwas tückisch, dass es keine klassischen Symptome gibt“, so der gebürtige Hamburger, der in Lübeck und im norwegischen Bergen studiert hat.

„Es gibt Patienten, die unter anhaltenden Kopfschmerzen leiden. Wobei Kopfschmerzen erst mal natürlich alles Mögliche bedeuten können. Und dann erleben wir häufiger, dass Angehörige das Gefühl haben, der Betroffene sei plötzlich irgendwie anders“, sagt der Neurochirurg. „Wenn das so ist, bitte nicht zu lange warten, sondern am besten gleich ein Bild vom Kopf machen lassen.“ Ein epileptischer Anfall sei in jedem Fall ein „Warnsignal“, auf das dringend eine Diagnostik folgen muss.

OP im Wachzustand bei Tumor im Sprachzentrum

Sollte ein Eingriff erforderlich sein, so mache dies den Betroffenen oft Angst. „Die meisten fragen mich: Werde ich nach der OP noch dieselbe Person sein? Und die Antwort ist: ja. Es gibt überhaupt gar keinen Hinweis darauf, dass ein Eingriff das Wesen verändert“, sagt der Chefarzt. Meist würde der Hirntumor in einer mehrstündigen OP („da geht schon mal ein halber Tag ins Land“) unter Vollnarkose entfernt.

In wenigen Fällen werde ein Eingriff jedoch auch im Wachzustand durchgeführt. „Das ist immer dann nötig, wenn sich der Tumor in der Sprachregion angesiedelt hat. Da müssen wir während des Eingriffs unbedingt mit dem Patienten sprechen können, um zu sehen, dass alles in Ordnung ist.“ Der Patient werde sehr gut auf diese Operation vorbereitet, habe immer einen Neuropsychologen an seiner Seite. „Und Befragungen zeigen, dass die Patienten im Nachhinein oft sogar froh sind, dass sie alles mitbekommen haben und sich so als Teil des Prozesses fühlen.“

Zusammenarbeit mit dem Epilepsiezentrum

Selbstverständlich sei ein Eingriff nie ohne Risiko. Die schlimmsten, wenn auch äußerst seltenen Folgen könnten Lähmungserscheinungen, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen oder auch epileptische Anfälle, die eben durch den Eingriff verursacht wurden, sein. „Aber wenn man nicht operiert, besteht natürlich das Risiko, dass der Tumor weiterwächst und immer mehr Probleme verursacht. Insofern muss man das gemeinsam mit dem Arzt sehr gut abwägen.“

Was ist jedoch, wenn der Hirntumor nicht gänzlich entfernt werden konnte? Wenn die epileptischen Anfälle, die den Betroffenen in seiner Lebensqualität enorm einschränken, weiterhin auftreten? „Dann müssen wir schauen, ob wir die Areal lokalisieren können, die diese Anfälle auslösen und eventuell noch einmal gezielt dieses Gewebe entfernen. In Hamburg haben wir das große Glück, in Alsterdorf ein exzellentes Epilepsiezentrum zu haben, mit dem wir eng zusammenarbeiten“, sagt der Volksdorfer, der in seiner Freizeit bei Duwo 08 leidenschaftlich in der Mannschaft Tennis spielt.

Asklepios Klinik: Hamburger kommt aus Arztfamilie

Was den Arztberuf angehe, so sei er „familiär vorbelastet“: Sein Vater sei die Ausnahme, aber Großvater und Ur-Großvater seien Mediziner gewesen. „Mein Opa hatte eine Hausarztpraxis hier in der Hamburg, in der ich mich schon als kleiner Junge viel und gern aufgehalten habe. Das hat mich geprägt“, sagt der Hamburger. An der Neurochirurgie fasziniere ihn die Kombination aus „Handwerk und intellektuellem Anspruch“.

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