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Neuer Report: Klimawandel in Hamburg immer dramatischer

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Jens Meyer-Wellmann
Vor rund drei Jahren hinterließ ein Unwetter besonders im Osten Hamburgs katastrophale Schäden – diese Extremwetterereignisse werden immer häufiger.

Vor rund drei Jahren hinterließ ein Unwetter besonders im Osten Hamburgs katastrophale Schäden – diese Extremwetterereignisse werden immer häufiger.

Foto: Daniel Bockwoldt / picture alliance/dpa

Der Deutsche Wetterdienst veröffentlich erstmals einen Bericht, der die Entwicklung von 1881 bis heute deutlich macht.

Hamburg. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat erstmals einen Klimareport speziell für Hamburg vorgelegt und dafür Wetterdaten seit 1881 ausgewertet. Zentrale Ergebnisse: Der Klimawandel ist in Hamburg längst Realität. Die Winter sind bereits wärmer und nasser, die Sommer heißer – und es gibt mehr Starkregen.

Auch fällt insgesamt mehr Niederschlag in Hamburg. Seit 1881 ist die Jahresmitteltemperatur in Hamburg bereits um 1,7 Grad gestiegen – deutschlandweit liegt der Anstieg bei 1,6 Grad, weltweit bei 1,1 Grad. Der Unterschied erklärt sich laut DWD dadurch, dass die Erwärmung über Wasser, also über den Ozeanen, langsamer verläuft. Für das Pariser Klimaziel einer maximalen Erwärmung von 1,5 Grad seit dem vorindustriellen Zeitalter ist der weltweite Anstieg maßgeblich.

Wetter Hamburg: Klimawandel hat bereits begonnen

Wie stark Hamburg von der Erwärmung betroffen ist, zeigt der Vergleich der beiden Referenzperioden 1961 bis 1990 und 1991 bis 2020. Allein in dieser Zeit nahm der vieljährige Mittelwert von 8,8 auf 9,8 Grad zu. Eine Folge ist auch eine deutliche Verschiebung von Blütezeiten. Bereits heute finden die Hasel- und die Apfelblüte im Schnitt etwa zwei Wochen früher statt, Früchte werden entsprechend früher reif.

Nach der Prognose wird die durchschnittliche Jahrestemperatur bis zum Ende dieses Jahrhunderts nochmals um mindestens 0,5 Grad steigen – unter der Voraussetzung, dass sehr ambitionierte Klimaschutzziele erreicht werden.

Ohne Klimaschutz würde ein durchschnittliches Jahr bis dahin um etwa zwei Grad wärmer sein als die Rekordjahre 2014 und 2020 mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 10,9 Grad. „Das sich bei fortschreitendem Klimawandel verändernde Stadtklima wird uns auch in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen“, sagte DWD-Klimaexpertin Christina Koppe. „Eine besondere Herausforderung an die Stadt wird sich durch die zunehmenden Starkniederschlagsereignisse ergeben.“

Umweltsenator nennt Ergebnisse des Klimareports "dramatisch"

Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) wertete die Ergebnisse des Reports als dramatisch. „Wir sollen den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzen, haben aber diese Grenze schon gerissen mit 1,7 Grad.“ Im vergangenen Jahr habe es die längste Hitzewelle in Hamburg gegeben. In so heißen Sommern würden die Trinkwasserreserven auch in Hamburg „bis auf Äußere strapaziert“. Es gebe immer mehr klimabedingte Schäden an den Pflanzen, und die Hitzewellen führten auch zu Todesfällen.

So habe es im August 2020 eine deutliche Übersterblichkeit in Hamburg gegeben, die auf die Hitze zurückzuführen sei. „Der Klimawandel ist kein Thema von fernen Weltregionen, er ist hier“, sagte Kerstan bei der Vorstellung des Berichts. Die Debatte, ob wir uns Klimaschutz leisten könnten sei falsch, so der Senator – denn nichts zu tun sei viel teurer.

„Mein Vorschlag im Senat war es, deutlich ehrgeizigere Ziele vorzuschreiben als die Bundesregierung“, so Kerstan. Die SPD hatte Kerstans Vorschlägen in der Senatskommission für Klimaschutz kürzlich zunächst nicht zugestimmt und kritisiert, diese seien nicht mit konkreten Maßnahmen unterlegt gewesen.

Kerstan wirbt für mehr Klimaschutz nach der Bundestagswahl

„Die neue Bundesregierung muss Deutschland zum Vorbild machen und endlich die Energiewende beschleunigen und den Ausstieg aus der Kohle zeitlich vorziehen“, sagte Kerstan jetzt bei der Vorstellung des Berichts. „Je mehr wir beim Klimaschutz schaffen, desto besser sind wir in der Lage, uns noch an die Klimafolgen anzupassen.

Hamburg hat schon einiges auf den Weg gebracht, um den Klimaschutz zu stärken und die Folgen des Klimawandels abzumildern. Doch wir müssen noch mehr tun. Die gravierenden Flutkatastrophen im Juli zeigen, wie wichtig vorausschauendes Handeln ist. Und wir müssen jetzt handeln, damit wir für die Zukunft gut vorbereitet sind und die zu erwartenden Starkregen, Dürreperioden und Hitzewellen bewältigen können.“

Der Klimareport sei ein weiterer Beleg dafür, „dass wir in Hamburg unsere Klimaziele verschärfen müssen sowie eine wichtige Grundlage zur Weiterentwicklung unserer Strategie zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels“. Hamburg müsse auf den Klimawandel auch mit mehr Gründächern und mehr Grünflächen reagieren, damit der zu erwartende zunehmende Starkregen versickern könne, betonte Kerstan am Dienstag.

Nabu: "Es ist bereits zehn nach zwölf"

Der Hamburger Vorsitzende der Naturschutzbundes Deutschland (NABU), Malte Siegert, bezeichnete die Ergebnisse des Klimareports als „erschreckend“. Es gehe nicht um „Angstmache“, sondern „um dramatische reale Entwicklungen“, so Siegert. „Es ist bereits zehn nach zwölf und die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Deswegen muss es jetzt um massive Schadensbegrenzung gehen."

"Wer so tut, als könnten wir ohne deutliche Einschränkungen die Klimakatastrophe abwenden, der hat das Ausmaß dessen, was uns bevorsteht, absolut nicht verstanden. Wir brauchen unmittelbar fundamentale und strukturelle Veränderungen in unserer Lebensweise – und wir brauchen endlich Politiker, die uns das auch ehrlich und angstfrei ins Gesicht sagen“, so Siegert.

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