European League of Football

Der Hamburger, der den Sport neu erfindet

| Lesedauer: 14 Minuten
Maximilian Bronner und Alexander Laux
Zeljko Karajica gründete die European League of Football mitten im Lockdown.

Zeljko Karajica gründete die European League of Football mitten im Lockdown.

Foto: Thorge Huter

Zeljko Karajica gründete die ELF mitten im Lockdown. Kommenden Sonntag spielen die Hamburg Sea Devils vor 20.000 Fans das Finale aus.

Hamburg. Zeljko Karajica trägt einen schwarzen Kapuzenpullover, als er sich am Montagnachmittag in seinem Büro in München-Schwabing zum Interview mit dem Abendblatt auf „Zoom“ einwählt. Am Dienstag musste der lässige Pullover dann aber einem weißen Hemd weichen.

Bei der Pressekonferenz vor dem Finale der American-Football-Europaliga ELF in der Düsseldorfer Merkur-Spiel-Arena am Sonntag (15 Uhr/ProSieben Maxx) warb der 50-Jährige für das Duell der Hamburg Sea Devils gegen die Frankfurt Galaxy. Als Geschäftsführer der SEH Sports & Entertainment Holding, die neben ihren Engagements im Profifußball, E-Sport oder Boxen unter anderem die ELF gegründet hat, ist der Hamburger auch Chefstratege der neuen Liga.

Hamburger Abendblatt: Herr Karajica, lassen Sie uns auf eine kurze Zeitreise gehen, zurück in den November 2020, als Sie die European League of Football, kurz ELF, mit acht Teams, darunter den Sea Devils aus Hamburg, aus dem Nichts gegründet haben. Sind Ihre Träume in Erfüllung gegangen?

Zeljko Karajica: Wenn mir jemand damals beim Start im November gesagt hätte, dass es so kommen würde wie jetzt, hätte ich das Ding blind unterschrieben, mir ein, zwei Bierchen gegönnt und wäre vor Freude durch die Straßen gelaufen. Überlegen Sie nur: Wir mussten die komplette Planung im Lockdown mit allen Restriktionen durchführen. Ob wir überhaupt Zuschauer zulassen können würden, war bis Mai überhaupt nicht planbar. Teile der Franchises (so werden im Football die Teams genannt, die Red.) habe ich bis zur Pressekonferenz vor dem ersten Spiel nicht einmal gesehen.

Das klingt nach einem zufriedenen Fazit vor dem Finale am Sonntag.

Karajica: In Düsseldorf werden wir etwa 20.000 Zuschauer haben, eine Riesenparty. Wir produzieren mit zwölf Kameras. Das wird fett. Über die ganze Saison betrachtet: Meine ehemaligen Kollegen von ProSieben sagen, dass die Übertragungen wie bei US-College-Spielen aussehen. An die NFL (National Football League, die Red.) brauchen wir uns noch nicht heranwagen, weil die Stadien noch nicht so gut aussehen. Was die Produktionsqualität, Darbietungsform und den Unterhaltungsfaktor betrifft, würde ich uns eine sehr gute Note ausstellen. Mit dem Verlauf der Zeit wachsen aber die Ansprüche, wir müssen viele Dinge besser machen. Das ist die Absprungbasis für die zweite Saison.

Steht schon fest, wie viele Teams 2022 dabei sein werden? Zuletzt haben Sie von mindestens zwölf Franchises gesprochen, London soll beispielsweise dazukommen.

Karajica: Wir werden mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit mindestens zwölf Teams haben. Unser Ehrgeiz sind aber 14 bis 16 Teams. Damit würden wir einen Schritt mehr machen, als wir geplant hatten. Am Sonntag können wir aber nur die Teams bekannt geben, bei denen die Tinte unter den Verträgen trocken ist. Wir werden uns aber bis November Zeit geben, um noch zwei, drei Teams dazuzubekommen. Bis Weihnachten liegt dann der finale Spielplan vor, damit sich die Leute schon Tickets unter den Weihnachtsbaum legen können. Wir wollen für alle Teams und die Liga mehr Planungssicherheit schaffen.

Sie haben schon etliche Unternehmungen gestartet. War der Start der ELF mit dem Lockdown und den unklaren Rahmenbedingungen Ihr bisher riskantestes Projekt?

Karajica: Wir sind einen heißen Reifen gefahren. Es gab auf jeden Fall schon Projekte, die mit mehr Leitplanken versehen waren. Andererseits habe ich das Thema Football in den vergangenen Jahren bei ProSieben intensiv betreut. Ich habe meinen Kopf damals als Programmverantwortlicher durchgesetzt, als wir die Liveübertragungen der NFL-Spiele am Sonntagabend gestartet haben. Alle beim Sender haben sich nur gefragt, wie sie aus den Verträgen wieder herauskommen, wenn das nicht funktioniert.

Der Zock hat damals sehr wohl funktioniert.

Karajica: Am Ende war die Entscheidung der große Durchbruch der NFL in Deutschland. Dass wir gegen den ARD-Tatort am Sonntagabend nur den Hauch einer Chance haben, hatten die Wenigsten geglaubt. Damals habe ich ein Gefühl dafür bekommen, worauf die Zielgruppe gewartet hat. In der Wirtschaft würde man sagen, dass wir ein Unterangebot auf dem Markt haben. Bis auf die NFL-Spiele gab es kaum ein Angebot, in der Zeit von Februar bis September gar nichts. In die Nische wollten wir mit der ELF auf europäischem Niveau reinstoßen.

Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Karajica: Unsere Sorge vor dem ersten Spieltag war, dass wir eine vernünftige Übertragung produziert bekommen. Viele haben vor der Saison gedacht, dass wir die Basics nicht hinbekommen. Darüber redet heute keiner. Wir haben virtuelle Grafiken, die Line of Scrimmage (eine imaginäre Linie, von der die Angriffe starten, die Red.). Alles, was es in dieser Sportart in Deutschland bisher gegeben hat, haben wir mit unseren Übertragungen pulverisiert. Eine andere Sorge war, dass die Teams nicht auf dem gleichen sportlichen Niveau sind. Nach dem ersten Spieltag hat keiner mehr danach gefragt.

Viele Fans haben sich über lange Lieferzeiten der Fankleidung geärgert, andere haben Statistiken und mehr Informationen zu den Teams vermisst. Auf der Homepage der Sea Devils gibt es nicht mal den Kader zu sehen.

Karajica: Natürlich sind fehlende Statistiken ein Problem. Der digitale Auftritt der Liga ist schon gut, jetzt gilt es, die Websites der Franchises auf das gleiche Level zu bekommen. Auch im Shop haben wir jetzt erst alle Bestellungen abgearbeitet. Da hat uns die Kelle der Pandemie und der Lieferwege auf den Hinterkopf gehauen. Gleichzeitig müssen wir in größere Stadien kommen, um das Erlebnis Football besser zelebrieren zu können. Wenn man auf einem Grandplatz vor dem Millerntor-Stadion spielt, sieht sogar Tom Brady schlechter aus. Das Auge isst mit.

Die ELF wurde auch von der German Football League GFL und dem American Football Verband Deutschland AFVD kritisch gesehen. Der Vorwurf lautete, dass Sie bestehende Strukturen angreifen würden. Hat sich das Verhältnis mittlerweile verbessert?

Karajica: Wir befinden uns mittlerweile in einem parallelen Zustand. Wir wollen uns nicht mit der GFL reiben. Natürlich war es am Anfang so, dass wir mit sechs deutschen Teams als Bedrohung wahrgenommen worden sind. Unser Ziel ist aber eine europäische Etablierung der Liga. Der AFVD ist in den nächsten zwei, drei Jahren nur einer von sieben bis zehn Verbänden, die wir überdecken. In Hamburg haben wir mit den Vereinen ein Jugendcamp veranstaltet. Davon profitieren auch die Vereine, die im Verband organisiert sind. Wir glauben, dass Football hier jetzt erst angefangen hat zu wachsen. Wenn wir den Kuchen in Summe größer machen, haben alle etwas davon.

Vor der Saison hat Liga-Commissioner Pa­trick Esume gesagt, dass die ELF in drei Jahren den Break-even-Punkt erreichen soll, um dann profitabel zu sein. Hat sich etwas an dem Plan geändert?

Karajica: Der Plan besteht immer noch. Entscheidend ist aber, dass wir merken, dass die Idee zündet. Ob die Gewinnschwelle in zwei oder drei Jahren kommt, ist dann egal. Wenn wir als Liga schneller wachsen und beispielsweise schon auf 16 Teams gehen, würde dieser Punkt natürlich ein bisschen weiter wegrücken, weil die Kosten steigen. Andererseits zeigt das, dass wir an die Liga glauben. Wir haben auch schon namhafte Sponsoren, die dabei sein wollen. Unsere Kernzielgruppe sind die 14- bis 39-Jährigen. Das ist eine hochattraktive Werbezielgruppe.

Wie muss man sich Ihre Aufgabenteilung mit Commissioner Esume vorstellen?

Karajica: Wenn man älter wird, wird man ruhiger in der Aufgabenteilung. Wir haben uns gesucht und gefunden, haben schon bei ProSieben mehrere Jahre zusammengearbeitet. Patrick ist Football, er ist der Chef auf dem Platz und für den Sport zuständig. Er war Spieler und Trainer, weiß wovon er redet. Ich bin für die Verträge, Vermarktung, Mitarbeiter, Staff oder auch die Stadien zuständig. In Düsseldorf arbeiten am Sonntag 200 Leute, die die Veranstaltung vor Ort organisieren.

Mit der SEH engagieren Sie sich beispielsweise auch im Fußball, E-Sport oder Kampfsport. Gefühlt gibt es keinen Bereich, in dem Sie nicht aktiv sind.

Karajica: Auch wenn ich ein bisschen grau geworden bin, fühle ich mich selber noch als Sportler. Viktoria Berlin, in dieser Saison in die Dritte Liga aufgestiegen, ist ein geiles Projekt, eine insolvente Traditionsmarke, die wir wieder nachhaltig aufbauen werden. Mit dem Jahn-Sportpark haben wir zudem eine dauerhafte Heimat gefunden. In Österreich haben wir mit Austria Klagenfurt den Sprung in die Erste Liga geschafft. Bei dem Schwergewichtsboxer Filip Hrgovic glaube ich, dass er in zwölf bis 18 Monaten gegen Anthony Joshua um die WM boxen wird. Am Ende ist das Management in verschiedene Richtungen. In jedem Bereich haben wir Leute, die sich mit den einzelnen Themen viel besser auskennen als ich. Deshalb funktioniert es. Die Kunst ist, ein gutes Netzwerk zu haben. Viktoria Berlin und Austria Klagenfurt ging es wirtschaftlich nicht gut, sie haben aber viel Tradition und eine gute Jugendarbeit.

Wäre für Sie als Hamburger auch ein Engagement in Ihrer Heimatstadt inter­essant? Abgesehen vom HSV gibt es auch hier viele Traditionsclubs im Fußball…

Karajica: Zunächst einmal. Wir sind mit der ELF und den Sea Devils, den Hamburg Towers im Basketball und dem E-Sport-Team Unicorns of Love ja schon in der Stadt aktiv und präsent. Was den Bereich Fußball betrifft: Am Ende muss es passen. Ich stehe nicht morgens auf und sage, dass ich noch einen Verein brauche. Hinter den Engagements in Berlin und Klagenfurt gibt es eine gewisse Logik. Wenn sich eine Möglichkeit bieten würde, kann man sicherlich darüber reden. Aber nur weil wir aus Hamburg kommen, müssen wir nicht automatisch einen Hamburger Verein im Portfolio haben.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit ihrem Bruder Tomislav, den man als Gesellschafter bei den Hamburg Towers kennt und mit dem Sie die SEH Sports & Entertainment Holding nach Ihrem Ausstieg bei ProSiebenSat.1 führen? Kann das gutgehen, wenn zwei Macher wie Sie am Start sind?

Karajica: Wir sind mit der Zeit alle ruhiger geworden. Bei den sportlichen Themen bin ich eher zuständig, Tomi hat mit RCADIA in Bergedorf, wo Europas größtes Gaming House entsteht, dem Hamburger Ding und dem Fernsehturm, Elbdome oder dem Mundsburg Tower etliche Bauprojekte, die ihn beschäftigen. Deshalb stecke ich ein bisschen mehr im Tagesgeschäft drin. Wir versuchen, die Themen sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Einig sind wir uns vor allem in einem Punkt: Die Zeit, in der sich Sport nur auf dem Platz abspielt, ist vorbei. Man muss ihn medial inszenieren, die Leute im Stadion unterhalten und digitale Möglichkeiten wie Social Media oder im Ticketing und Merchandising nutzen. Wenn die Leistung auf dem Platz aber nicht stimmt, ist das Ganze nichts wert.

Wie wollen Sie diese digitalen Möglichkeiten genau nutzen?

Karajica: Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus dem Football: Wir werden als erste Liga in Europa sogenannte NFTs handeln und herausgeben. Non-Fungible Tokens, also nicht austauschbare oder kopierbare Inhalte, sind wie Panini-Sticker für die digitale Brieftasche und haben als Einzelstücke ihren Wert. Wir starten mit den Logos der Vereine, die man in seinem Wallet haben kann und als zweiten Schritt auf unserer Plattform gehandelt werden können. Bilderheftchen sind vorbei, heute reden wir über NFT-Wallets. Die Kernzielgruppe hat da Bock drauf. Klingt ein bisschen abstrakt, ist aber relativ einfach. Wir müssen so modern wie die Kernzielgruppe sein. Wenn die über Instagram kommunizieren will, werden wir keine Briefe schreiben.

Der Markt hat sich, seitdem Sie nach dem Abitur beim Radio begonnen haben, extrem verändert. Was treibt Sie heute an?

Karajica: Es gab in den vergangenen 30 Jahren kaum eine Position, die ich im Sport- und Medienbereich nicht innehatte. Vom Radio-Moderator, Jungredakteur, über Marketing- und Promotion-Jobs bis zum Geschäftsführer von verschiedenen Fernsehsendern war alles dabei. Wir leben jetzt aber in einer Zeit, in der man sich weiterentwickeln muss. Ich versuche, die Bandbreite an allen Wegen zum Verbraucher zu finden. Es ist doch das größte Geschenk, wenn ein Konsument drei Stunden seiner Zeit für mein Produkt Football opfert. Wir machen heute Dinge, die vor 20 Jahren nicht denkbar waren. Diese neuen Möglichkeiten treiben mich an.

Es gibt ja noch einen dritten Karajica in der Familie. Ist Ihr Bruder Markan auch so umtriebig wie Sie und Tomislav??

Karajica: Wir teilen uns in München eine Wohngemeinschaft, wo wir uns oft sehen. Seine Firma, die Fitnessplattform Gymondo, sitzt eigentlich in Berlin. Montags und freitags ist er aber oft bei mir in der Männer-WG und arbeitet nebenan. Das Geschäft läuft noch getrennt. Vielleicht ändert sich das aber in Zukunft.

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