Gastbeitrag

Besonnenes Eingreifen – für jede Gesellschaft von Bedeutung

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Hans-Jürgen Kamp
Hans-Jürgen Kamp, Vorsitzendes Weißen Rings Hamburg.

Hans-Jürgen Kamp, Vorsitzendes Weißen Rings Hamburg.

Foto: Juergen Joost

Hans-Jürgen Kamp, Landesvorsitzender des Weißen Rings in Hamburg, ruft zum Tag der Zivilcourage dazu auf, Verantwortung zu zeigen.

Hamburg. Am Sonntag, 19. September, ist der Tag der Zivilcourage. Wir kennen sie alle, die Berichte über Menschen, die wegen ihrer Herkunft, ihres Bekenntnisses, ihres Verhaltens, ihres Aussehens, ihres Geschlechtes, ihres Alters oder anderer Gründe unversehens in Bedrängnis geraten. Sie werden belästigt, bepöbelt, bestohlen, beraubt, schlimmstenfalls werden sie verletzt und müssen um ihre Gesundheit oder gar um ihr Leben fürchten.

Und dann ist immer wieder zu lesen, dass zahlreiche Menschen das Geschehen bemerkt, aber nicht reagiert haben. Insbesondere die Betroffenen selbst registrieren in diesen Fällen, dass weggeschaut wird, dass weitergegangen wird, dass ihnen nicht geholfen wird! Obwohl sie dringend Hilfe gebraucht hätten! Was passiert in solchen Augenblicken? Wo bleibt die Zivilcourage, die für jede Gesellschaft von tragender Bedeutung ist?

Zivilcourage ist eine Grundlage der Gesellschaft

Zivilcourage meint die Bereitschaft und die Fähigkeit, die eigene Sicherheit und Bequemlichkeit in einer unangenehmen oder auch bedrohlichen Situation zurückzustellen, um sich mutig und öffentlich für eine als gerecht erachtete Sache, für humane, moralische und demokratische Werte und nicht zuletzt für die physische oder psychische Integrität anderer Menschen einzusetzen und aktiv zu werden, ohne sich selbst in eine nicht beherrschbare Gefahr zu bringen.

Sie gehört zu den Grundlagen für das Zusammenleben der Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft ohne Angst vor Gewalt. Ich unterstelle, dass viele Menschen ein Eingreifen in Situationen, in denen andere Menschen in Not geraten, selbstverständlich für richtig und geboten halten. Aus wissenschaftlichen Studien ist aber bekannt, dass unser Verhalten von vielen begleitenden Wahrnehmungen beeinflusst wird, die der Bereitschaft zum Eingreifen im Wege stehen.

Es kommt immer wieder zur Verantwortungsdiffusion

Selbst wenn ein Ereignis überhaupt bemerkt und als Notfall erkannt wurde, weil wir im Alltag nicht durch andere Aktivitäten abgelenkt waren, kommt es im Falle einer größeren Zahl von Anwesenden immer wieder zu dem Phänomen, dass Menschen seltener eingreifen, wenn sie sehen, dass auch andere den Notfall bemerken, aber nichts unternehmen.

Es kommt zur Verantwortungsdiffusion: Die allgemeine Verantwortung für ein Eingreifen wird auf alle Anwesenden verteilt, das Bewusstsein für die eigene Verantwortung und damit die Wahrscheinlichkeit der eigenen Hilfeleistung nimmt ab. Es wird darauf gewartet, dass eine andere Person die Initiative ergreift. Diese Haltung wird oftmals dadurch verstärkt, dass Unsicherheiten darüber bestehen, wie im Einzelfall angemessen vorgegangen werden sollte.

Organisationen wollen Mut fördern

Viele Organisationen und Einrichtungen haben es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, den Mut für ein sinnvolles und angemessenes Eingreifen zu wecken und zu fördern. Regelmäßige Informationsveranstaltungen mit hilfreichen Schulungen werden angeboten, umfassendes Material wird zur Verfügung gestellt.

Zahlreiche Preise und Auszeichnungen werden ausgelobt, so zum Beispiel in Hamburg der Ian-Karan-Preis für Zivilcourage des Polizeivereins Hamburg e. V. Auch die Polizeien des Bundes und der Länder informieren über die zweckmäßigen Handlungsoptionen für zivilcouragiertes Handeln.

Zivilcourage kann man lernen!

Bereits vor Jahren wurde aus diesen Gründen der Tag der Zivilcourage ins Leben gerufen, der jeweils am 19. September stattfindet. Das Ziel dieser Aktion ist, die besondere Bedeutung von Zivilcourage für ein freiheitliches, gerechtes und vor allem angst- und gewaltfreies Zusammenleben hervorzuheben. Der 19. September ist auch für den Weißen Ring ein wichtiges Datum. Er ist eine willkommene Gelegenheit, auf das auch für uns zentrale Thema hinzuweisen.

Zivilcourage kann man lernen! Der Weiße Ring stellt Informations- und Schulungsmaterial zur Verfügung. Eine Broschüre mit dem Titel „Zeig’s allen. Zeig Zivilcourage“ steht zum Download unter www.weisser-ring.de zur Verfügung. Sprechen Sie uns an, die rund 85 ehrenamtlichen Opferhelferinnen und -helfer des Landesverbands Hamburg geben bereitwillig Auskunft.

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