Boris Herrmann

„Ich muss in den Mast. Jede Minute zählt – ein Albtraum“

| Lesedauer: 16 Minuten
Boris Herrmann war der erste deutsche Teilnehmer der Vendée Globe. Er segelte zwischenzeitlich sogar um den Sieg mit. Eine Kollision kurz vor dem Zieleinlauf zerstörte den Traum aber.

Boris Herrmann war der erste deutsche Teilnehmer der Vendée Globe. Er segelte zwischenzeitlich sogar um den Sieg mit. Eine Kollision kurz vor dem Zieleinlauf zerstörte den Traum aber.

Foto: Pierre Bouras / picture alliance / DPPI Media

Der Hamburger Segler hat ein Buch über die Vendée Globe geschrieben. Das Abendblatt veröffentlicht eine spannende Passage.

Hamburg. Eigentlich ist es ein Routinemanöver. Als ich aufs Vorschiff steige, ziehe ich den Segelsack hinter mir her. Der Gennaker (ein Vorsegel, d. Red.) ist eingerollt zu einer beindicken Wurst, gut 30 Meter lang und mehrfach zusammengeklappt, damit er in den Sack passt. Das eine Ende befestige ich am Bugspriet, das andere ziehe ich mit einem Fall bis zur Mastspitze und lasse es dort im Fallenschloss einrasten. Es klappt. Nur probehalber will ich das Fallenschloss wieder entriegeln. Es klappt nicht. Wieder und wieder reiße ich am Fall – doch das Segel lässt sich nicht mehr herunterholen. Etwas hakt da oben.

Für die nächsten Tage passt der kleine Gennaker, für die Stürme im Südpolarmeer wäre er zu groß. Ich muss ihn auf jeden Fall vorher bergen. Mir ist klar, dass ich den Riegel nur öffnen kann, wenn ich hinauf in den Mast steige. Am besten sofort. Heute ist einer der letzten Tage mit ruhiger See, und in gut einer Stunde geht die Sonne unter. Jede Minute zählt. Ein Albtraum!

Boris Herrmann leidet unter Höhenangst

Der Mast ragt 29 Meter auf, fast so hoch wie ein zehnstöckiges Gebäude. Und ich leide seit meiner Kindheit unter Höhenangst. Meinen letzten Versuch im Hafen, allein den Mast hochzuklettern, habe ich auf halber Höhe abgebrochen. Mir war übel vor Angst, obwohl das Schiff reglos am Steg lag. Hier schwankt es in der Dünung, zwar nur sanft, aber die Ausschläge da oben an der Mastspitze werden mehrere Meter weit sein. Das einzig Gute an der Situation ist: Mir bleibt keine Wahl. Es gibt nicht zwei Optionen, die ich, wie so oft und gern, endlos gegeneinander abwägen kann. Und ich habe auch keine Zeit, mir auszumalen, was alles schieflaufen kann. Ich muss da hoch. Jetzt.

Rasch suche ich alles zusammen. Messer, Zange, Hammer, Gleitspray, Taue, Taschenlampe. Dann Sturzhelm mit Kamera, feste Schuhe und Knieschützer. Und die professionelle Bergsteiger-Ausrüstung: Sitzgurt, Steigklemmen, Karabiner, Trittschlingen. Das Kletterset ist nötig, weil mich ja niemand hochkurbelt, ich muss mich selber an einem straff gespannten Tau neben dem Mast hinaufziehen. Und auch das Handy nehme ich mit, für den Fall, dass ich aus welchem Grund auch immer in der Spitze hängen bleibe.

Boris Herrmann: „Ich würde da oben baumeln"

Dass diese Situation eintritt, ist völlig unwahrscheinlich. Unmöglich aber ist es nicht. Ich würde da oben baumeln und zusehen müssen, wie der Autopilot mein Schiff ungerührt weiter Richtung Antarktis segelt. Meine einzige Chance wäre Yannick. Ich müsste ihn anrufen und bitten, herbeizukommen, an Bord zu springen und mich runterzuholen. Ob und wie genau er das überhaupt schaffen könnte, darüber will ich jetzt nicht weiter nachdenken.

Gegen 20 Uhr beginne ich mit dem Aufstieg. Ich wiege 85 Kilo, hinzu kommen gut zehn Kilo Ausrüstung. Langsam robbe ich mich das Seil hinauf, nach einem bewährten, schrittweisen Ablauf: Ich hänge in einem Sitzgurt, der mit einer selbstklemmenden Rolle am Seil fixiert ist. Das rechte Bein ist angewinkelt, der Fuß steckt in einer Trittschlinge. Nun drücke ich das rechte Bein durch, bis ich in der Trittschlinge stehe, gleichzeitig ziehe ich mich mit beiden Armen an einem Klettergriff oberhalb meines Kopfs hoch – und schiebe mich so mitsamt Gurt an dem Seil nach oben.

Der Segler bei einer abenteuerlichen Kletteraktion

Der Gurt klemmt sich automatisch in der neuen Position am Seil fest. Frei hängend kann ich nun mein rechtes Bein mit der Trittschlinge hochziehen und erneut anwinkeln. Mit dem rechten Arm schiebe ich den selbstklemmenden Klettergriff wieder am Seil hinauf. Kurz ausruhen. Dann der nächste Durchgang: Bein durchdrücken, Körper einen halben Meter hochschieben, Bein nachziehen, ausruhen. So geht das etwa 20 Minuten lang. Ich schaue nicht nach unten. Ich rede mit mir: „Ruhig, Junge, ganz ruhig!“ Ich schließe die Augen, wenn ich eine Pause mache.

Dann bin ich oben. Fast oben. Das Seil, an dem ich mich hochgezogen habe, verschwindet etwa einen Meter unterhalb der Spitze im Mast. Das verdammte Fallenschloss hängt aber direkt an der Spitze. Ich muss noch höher! Am lang ausgestreckten Arm fummele ich eine Leine durch eine Öse am Masttopp, ziehe sie durch meinen Gurt, fummele sie wieder durch die Öse, bis ich mir einen sechsfachen Flaschenzug gebaut habe. Es hilft, mich dabei mit leiser Stimme zu kommandieren, mir jeden Handgriff vorzuschreiben, als wäre ich ein emotionsloser Roboter. Schließlich gelingt es mir, mich bis zum Fallenschloss hochzuziehen.

„Ich hänge in knapp 30 Metern Höhe"

Ich hänge in knapp 30 Metern Höhe an einem brutal hin- und herschwankenden Mast. Das Schiff unter mir sieht sehr klein aus. Die Höhenangst schlägt zu. Mein Bauch zieht sich zusammen, und ich blicke schnell zum Horizont. Die Sonne ist gerade untergegangen, der Himmel glüht aber noch hell genug, um die Beschläge an der Mastspitze genau zu erkennen. Ich untersuche das Fallenschloss. Es gelingt mir nicht, es mit der Hand zu entriegeln, der darunter hängende Gennaker ist zu schwer.

Ich müsste einen zweiten Flaschenzug an der Mastspitze montieren, um das ganze Segel etwas weiter nach oben zu ziehen und so das Schloss zu entlasten. Da ich mit so etwas rechnete, habe ich alle notwendigen Leinen und Umlenkrollen dabei. Ich schalte die Stirnlampe ein und beginne wieder, mir selbst Anweisungen zu geben. Kein Blick nach unten, kein Zögern, nur auf den Moment konzentrieren! Tief atmen! Aus Angst, dass mir ein Tau oder Werkzeug aus der Hand fällt, bewege ich mich die ganze Zeit wie in Zeitlupe, zugleich klammere ich mich mit beiden Beinen an den Mast.

„Ich liege in meinem Schlafsack und zittere"

Als das Fallenschloss entlastet ist, fummele ich daran herum, minutenlang – bis plötzlich etwas klickt und die Verriegelung sich löst. Geschafft! Knapp eine Stunde nach meinem Aufstieg lasse ich mich langsam am Seil hinab, mit der gleichen Technik wie beim Aufstieg. Mein Boot tief unten kann ich in der dunklen Nacht kaum erkennen, das hilft. Als ich an Deck stehe, arbeite ich weiter, emotionslos und wie programmiert.

Ich setze wieder den Gennaker, nun mit einem anderen Fall, die probeweise Entriegelung klappt, ich kehre zurück ins Cockpit, stelle die Segel neu ein, prüfe den Kurs, registriere, dass Yannick mir zehn Seemeilen davongefahren ist, räume Werkzeug, Leinen und Kletterausrüstung weg, versuche einen Nussriegel zu essen, stelle fest, dass ich keinen Hunger habe, und lege mich in die Koje. Im Mast hatte ich mir vorgenommen, mich nach dieser ganzen Aktion zu belohnen: Zum ersten Mal auf dieser Reise wollte ich mir auf dem Laptop einen Film anschauen. Doch es geht nicht. Ich liege in meinem Schlafsack und zittere.

Ein verstecktes Geschenk des Teams

Am nächsten Morgen steckt mir der Schrecken noch tief in den Knochen. Mein Team, mit dem ich die Aktion bespreche, spürt offensichtlich, wie verstört ich bin. „Check mal den Dieseltank auf der Steuerbordseite. Da liegt was drunter“, schreibt Holly. Ich entdecke in einem kleinen Hohlraum eine Flasche Rum, eingewickelt in ein Foto des Teams, das an Deck der „Seaexplorer“ steht und die Daumen hebt. Auf der Rückseite des Fotos hat jeder seinen Glückwunsch geschrieben: zur erfolgreichen Rundung vom Kap der Guten Hoffnung. „Gratuliere zum ersten Linksabbieger!“, schreibt Edwin. „Ein kleiner Schluck, und du bleibst warm im Südpolarmeer“, schreibt Will. „Wir geben alle acht auf dich, Boris!“, schreibt Lucia.

Was für eine wunderbare Mannschaft! Das Kap erreiche ich erst in etwa fünf Tagen, aber das ist völlig egal. Das Geschenk und die Grüße hätten zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Ich öffne die Flasche und schnuppere das Aroma des Rums. Ich will nicht trinken, ich will ihn nur riechen. Tief atme ich ein. Der würzige Duft ist wirklich ein ungewohnter Genuss für mich. Hier an Bord riecht ja gar nichts, ich bin ausschließlich von künstlichen Werkstoffen umgeben – bis auf meinen kleinen Kaktus.

Der Geruch des Meeres nur an Land wahrnehmbar

Auch die Welt um mich herum ist geruchslos, das Meer riecht nur in Land- nähe und in Häfen, nach Fisch, Tang, getrocknetem Salz. Die Hohe See hingegen ist pures Wasser, der Ozean hier draußen kann schäumen, kochen, er kann eiskalt sein wie im Polarmeer oder lauwarm wie in den Tropen – aber er hat keinen Geruch.

Ich schließe die Augen und spüre, wie der Duft des Rums durch meine Nasenflügel strömt. Was für ein sinnliches Vergnügen! Mein Geruchssinn ist in dieser reizarmen Welt offenbar so empfindsam geworden, dass schon eine geöffnete Rumflasche mich betört. Ich schraube die Flasche zu – und überlege, ob ich dem Ozean unrecht tue, wenn ich ihm einen eigenen Geruch abspreche. Vielleicht gibt es ja einen Atlantikgeruch, und ich nehme ihn nur deshalb nicht wahr, weil ich ihn seit drei Wochen ununterbrochen einatme, ohne den Kon­trast auch nur zu einer einzigen anderen Duftnote.

Durch Kletteraktion die Grenzen überwunden

Der Himmel hat sich bis zum Horizont zugezogen. Die Wolkendecke hängt wie eine dunkle, ausgebeulte Matratze über mir. Von nun an werde ich die Sonne nur noch selten sehen, die meiste Zeit werden wir unter einem grauen Himmel über ein graues Meer segeln, von Stürmen gejagt, fünf, sechs Wochen lang. Das ist in Ordnung, ich fühle mich bereit für das Südpolarmeer. Auch meine Kletteraktion gestern hat dazu beigetragen. Noch immer krampft sich mein Bauch zusammen, sobald ich an den Blick von da oben denke, zugleich aber fühle ich Stolz.

Das Buch
„Allein zwischen Himmel und Meer“ heißt das Buch, das Boris Herrmann gemeinsam mit dem Hamburger Journalisten Andreas Wolfers geschrieben hat. Gut 15.000 Whatsapp-Nachrichten hat der dafür ausgewertet, darunter etwa 2000 Sprachnachrichten von Herrmann. Während der Vendée Globe hatten die beiden Männer täglich Kontakt. „So hatte ich das Gefühl, mit an Bord zu sein“, sagt Wolfers. Das Buch erscheint am 20. September im Bertelsmann Verlag. Das 320-Seiten-Werk mit vielen Bildern kostet 24 Euro.

Ich hatte inständig gehofft, niemals in den Mast steigen zu müssen, ich hatte es ja schon im Hafen vor lauter ­Höhenangst nicht fertiggebracht. Nun habe ich die Bewährungsprobe bestanden. In unserem Alltag an Land passiert es selten, dass wir etwas tun müssen, wovor wir unfassbare Angst haben. In den meisten Fällen ist Angst ein gesunder Instinkt. Aber wenn wir nie unsere Grenzen überschreiten, verpassen wir womöglich die Chance zu erkennen, dass wir im Ernstfall viel mehr zu leisten vermögen, als wir uns je zugetraut haben.

„Das ist russisches Roulette hier!"

Nach der Aktion heute Nacht bin ich von dem fünften auf den siebten Platz zurückgefallen. Unerheblich. Entscheidend ist jetzt, rechtzeitig die große Tiefdruckzone zu erreichen, die quer zu unserem Kurs nach Osten zieht. Um sie reiten zu können, müssen wir uns direkt vor ihr platzieren, dann ebenfalls auf Kurs Ost gehen und uns so lange wie möglich von dem Sturm durch das Südpolarmeer jagen lassen. Wer das Tempo nicht halten kann und sich von der Front überholen lässt, wird bestraft: von der aufgewühlten, chaotischen See, die jedes Sturmtief wie eine Schleppe hinter sich herzieht. Mir bleibt noch etwa ein Tag, um auf den Polarzug aufzuspringen.

Am Nachmittag informiert uns die Rennleitung, dass im Süden des Indischen Ozeans einige Eisberge entdeckt wurden, die auf unsere Route zudriften. Sie werde die AEZ deshalb ausdehnen. Die „Antarctic Exclusion Zone“ ist Sperrgebiet für uns, eine Art Bannmeile rund um die Antarktis. Bei der allerersten Vendée Globe segelte ihr Erfinder, der Franzose Philippe Jeantot, noch selbst mit. Als er im äußersten Süden auf Eisberge stieß, funkte er nach Frankreich: „Das ist russisches Roulette hier! Wir müssen die Regeln ändern!“

Eisberge werden vom Radargerät erkannt

Aber nichts passierte. Zehn Jahre später filmte die Engländerin Ellen McArthur, mit ihrem zweiten Platz bis heute die beste Vendée-Seglerin, mehrere riesige Eisberge in der Nähe ihres Bootes. Trotz der Gefahr war auch sie einer taktischen Verlockung erlegen: Sie wollte den Weg abkürzen.

Vom Südatlantik aus führt die Route einmal um die Antarktis. Da die Erde eine Kugel ist, verkürzt sich die Strecke, wenn die Segler dichter an der Antarktis entlangfahren. Je näher dran, desto schneller drum herum – desto größer aber auch das Risiko, auf einen Eisberg zu prallen. Manche Abbrüche von Antarktisgletschern schwimmen wie riesige Landmassen durch das Meer, andere haben immer noch die Größe von Containerschiffen. Eisberge dieser Ausmaße fürchten die Segler nicht, sie werden vom Radargerät erkannt. Tückisch sind die Eisbrocken, kaum größer als die Rennyacht selber. Das Radar kann sie nicht erfassen, und der Skipper sieht sie nicht, da er sich in der tosenden See meist unter Deck verschanzt. Er muss auf sein Glück hoffen.

Boris Herrmann über die Gefahr der Vendée Globe

(...) Die Teilnehmer der ersten Rennen waren Hasardeure. Der Vendée-Segler Pete Goss, 1996 Welt-Segler des Jahres, erklärte freimütig nach seiner Rückkehr: „Meine Einstellung war fatalistisch. Wenn das verdammte Zeug es auf dich abgesehen hat, dann rammst du es; wenn nicht, geht alles klar.“ Herbert „Blondie“ Hasler ging noch weiter. Der britische Marineoffizier hatte 1960 die erste Einhandregatta über den Atlantik organisiert und auch selber teilgenommen. Nach Haslers Meinung hat jemand, der freiwillig solch ein Risiko auf sich nimmt, kein moralisches Recht, bei Seenot nach Hilfe zu rufen. Einhandsegler sollten „absaufen wie Gentlemen“.

Das alles hört sich an, als sei die Vendée Globe damals ein nahezu selbstmörderischer Wettkampf gewesen. Tatsächlich sind in 30 Jahren Renngeschichte zwei Menschen ums Leben gekommen.

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