Blankenese

Geheimtipp im Westen: die Horst Janssen Bibliothek

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Matthias Schmoock
Hat große Pläne: Kerstin Peters, neue Vorständin der Janssen Bibliothek. Hauptberuflich arbeitet sie im Kunsthandel.

Hat große Pläne: Kerstin Peters, neue Vorständin der Janssen Bibliothek. Hauptberuflich arbeitet sie im Kunsthandel.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Sammlung im Goßlerhaus startet mit einem neuem Konzept. Es sind mehr Veranstaltungen geplant. Auch Forscher sollen profitieren.

Blankenese. Das Gewusel der Stadt scheint hier unendlich weit weg, und der Raum wirkt wie aus der Zeit gefallen. Bis zur Decke ziehen sich die schönen Holzregale, die prall gefüllt sind mit hochwertigen Büchern, Fotos und gedruckten Zeichnungen. Die Janssen Bibliothek mit Sitz im denkmalgeschützten Goßlerhaus in Blankenese ist eindrucksvoller Kulturtreffpunkt und bibliophile Gedenkstätte in einem. Außerdem ist sie auch immer noch ein Geheimtipp. Zu wenige Hamburgerinnen und Hamburger kennen diesen besonderen Ort – aber das soll sich laut Kerstin Peters jetzt schnellstens ändern.

Horst Janssen Bibliothek: Digitalisierung des Bestands steht an

Peters ist seit rund anderthalb Jahren Erste Vorsitzende des Freundeskreises Janssen Bibliothek im Goßlerhaus e. V.. Mit viel Energie arbeiten sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter an einem Konzept, um die Bibliothek noch fester im Bewusstsein der an Horst Janssen Interessierten zu verankern. Der gesamte Bücherbestand ist bereits frisch katalogisiert, es gibt eine neue Homepage, das Veranstaltungsprogramm wird überarbeitet und ausgeweitet.

Auch die vollständige Digitalisierung des Bestands steht an. Vieles war zu Janssens 90. Geburtstag im Jahr 2019 vorbereitet, dann warf die Coronazeit alle Pläne um. „Immerhin konnten wir diese Phase für eine grünliche Inventur nutzen“, sagt Peters, „bei der dann weitere bibliophile Schätze zutage kamen.“

Horst Janssen gilt vielen immer noch als Enfant terrible

Der berühmte Zeichner Horst Janssen (1929 bis 1995) gilt vielen immer noch vor allem als Enfant terrible, als hart trinkender Künstler, der keine Eskapaden scheute und die Öffentlichkeit mit Ausfällen schockierte. Das stimmt zwar auch, ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Denn Horst Janssen war, das bestätigen alle, die ihn gut kannten, auch zuverlässig, großzügig und anhänglich. Er nahm seine Arbeit ebenso ernst wie seine Freundschaften und blieb bis zu seinem Lebensende produktiv und vielseitig interessiert.

Die Janssen Bibliothek stellt dann auch den viel weniger bekannten Schriftsteller Horst Janssen in den Mittelpunkt, den Mann, der sich mal einen „Wörterer“ nannte und beim Schreiben ebenso konzentriert und kunstvoll arbeitete wie beim Zeichnen. Janssen selbst beschrieb diese Synthese einmal so: „Mein Zeichnen und Malen ist geschaffen fürs Buch, und das Buch ist wie geschaffen für meine Art zu zeichnen und zu malen.“

Horst Janssen schuf ein umfangreiches Oeuvre

Der gebürtige Wandsbeker, der lange in Blankenese lebte, verfasste eine große Zahl an Büchern, die er fast alle auch illustrierte. Gedichte, Kurzgeschichten, Reden, Autobiografisches – Janssen war auch als Schriftsteller kaum zu erfassen, und vor allem: Er war sehr gut. Motor blieb auch hier eine brennende Leidenschaft, und Bücher waren für ihn, wie er bekannte: „Mein ein und alles (...) mein Museum, meine Biografie – die Fanfare, die in die Welt geht.“

Um dem auch als Schriftsteller Überlebensgroßen gerecht zu werden, gründeten die Janssen-Expertin Angelika Gerlach und Janssens Tochter Lamme 2008 mit der Bibliothek einen Ort, an dem vor allem zwei Ziele verfolgt werden: Janssens schriftstellerisches Werk soll hier zum einen bewahrt, zum anderen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Rund 1500 einzelne Bücher stehen bereit, aber das Gesamtwerk ist ungleich größer, und der Bestand wird durch Spenden und gelegentliche Zukäufe laufend aktualisiert.

Regelmäßige Lesungen im Goßlerhaus geplant

Die Janssen Bibliothek ist eine Präsenzbibliothek, in der Besucherinnen und Besucher jedes Exemplar zur Hand nehmen und darin blättern können. Geöffnet ist sie an jedem zweiten und vierten Mittwoch im Monat von 15 bis 19 Uhr, telefonische Vereinbarungen sind jederzeit möglich.

Kerstin Peters macht das Angebot jetzt über die sozialen Netzwerke bekannter und will die Bibliothek, der Satzung entsprechend, noch stärker auch für Forscherinnen und Forscher öffnen. Regelmäßige Lesungen im Goßlerhaus sind geplant, und das gezielte Angebot für Kinder und Jugendliche wird erweitert. Passend dazu werden ab Oktober erstmals Workshops angeboten: „Stelle dein eigenes Leporello her – vom Falzen bis zur Titel- und Seitengestaltung mit Bild und Text.“ Auch Buchpatenschaften soll es geben, über die dazu beigetragen werden kann, den Bestand mithilfe frei wählbarer Spenden zu sichern.

Kerstin Peters kann viele Geschichten über Horst Janssen erzählen

Viele Menschen in Hamburg behaupten von sich, Horst Janssen gut gekannt zu haben, aber auf Kerstin Peters trifft das wirklich zu. Die beiden verband über Jahre ein Vertrauensverhältnis, und insofern ist Peters, wie schon ihre Vorgängerin Angelika Gerlach, genau die richtige für die Bibliothek. Im Jahr 1990 hatte sie Horst Janssen eine Postkarte geschrieben, woraufhin eine Einladung in die Blankeneser „Burg“ des Künstlers folgte. Das war der Beginn einer Freundschaft, die bis zu Janssens Tod anhielt, und die Peters als „symbiotisch“ bezeichnet.

Viele zum Teil haarsträubende Geschichten kann sie über das Künstlergenie erzählen, aber ein gewisser liebevoller Respekt ist dabei stets herauszuhören. Der kleine gemeinnützige Verein bekommt keine Finanzförderung und bräuchte einen Partner, der den Erhalt der Bibliothek langfristig unterstützt. Der Freundeskreis hat aktuell 22 Mitglieder und könnte mehr Mitstreiterinnen und Mitstreiter vertragen. „Es geht darum, auch die nächste Generation für die Sprachgewaltigkeit Janssens zu sensibilisieren und zu begeistern“, sagt Kerstin Peters.

Der „Wörterer“ Horst Janssen hat es verdient.

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