Mord

"Übertöten" – der Teenager, der mehrere Tode sterben musste

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Rechtsmediziner Püschel und Gerichtsreporterin Mittelacher stellen besonders spektakuläre Fälle vor.

Rechtsmediziner Püschel und Gerichtsreporterin Mittelacher stellen besonders spektakuläre Fälle vor.

Foto: HA

Vor fast 30 Jahren tötete Abdullah A. einen 19-Jährigen auf brutalste Weise – inzwischen ist er wieder frei.

Hamburg. Es gibt viele Arten, einen Menschen umzubringen. Abdullah A. hat einige davon ausprobiert. Er hat ein Opfer gewissermaßen mehrere Tode sterben lassen. Bei seinem Verbrechen kam es dem 25-Jährigen vor allem auf eins an: Es sollte langsam und qualvoll geschehen.

Wer beruflich viel mit Mord und Totschlag zu tun hat, sei es als Ermittler, als Gerichtsmediziner, als Jurist oder als Gerichtsreporterin, wird immer wieder mit besonders schlimmen Taten konfrontiert. Doch die grausame Art, wie Abdullah A. einen 19-Jährigen aus seinem Bekanntenkreis umbrachte, sorgt auch bei erfahrenen Fachleuten für besondere Betroffenheit und Erschütterung.

Mord an einem 19-Jährigen: Gefoltert, misshandelt, in einen See geworfen

Darüber sind sich im Abendblatt-Crime-Podcast „Dem Tod auf der Spur“ Rechtsmediziner Klaus Püschel und Abendblatt-Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher einig – ebenso wie ihr Gast in dieser Folge. Wolfgang Backen, der 37 Jahre lang Richter in Hamburg war, die letzten neun Jahre davon Vorsitzender Richter am Schwurgericht, sagt über den Fall, den er im Jahr 1992 verhandelte: Die Tat sei „die wohl schlimmste“ seiner beruflichen Laufbahn gewesen. „Dieser Fall hat mich nie wieder losgelassen. Er verursacht bei mir immer noch, weit mehr als ein Vierteljahrhundert danach, Gänsehaut, wenn ich an das grausame Ende des Opfers und die Empathielosigkeit seines gnadenlosen Mörders denke.“

Das Opfer wurde gefoltert, mindestens 15-mal mit Messern oder einem Dolch traktiert und mit Gaswaffen verletzt. Seine Peiniger setzten alles daran, ihm das Genick zu brechen. Und schließlich wurde er in einen See geworfen. Nicht zu vergessen sind seine seelischen Qualen. Diese vielfältigen, mehrfachen Attacken gegen das Leben sprechen für ein sogenanntes „Übertöten“, erklärt Rechtsmediziner Püschel dazu.

Der sadistische Mörder verdiente sein Geld mit dem Verkauf von Drogen

Der Mann, der hier Abdullah genannt wird, war ein Typ, der sein Geld mit dem Verkauf von Drogen verdiente. Im Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg fühlte er sich Anfang der 90er-Jahre wie ein König. Er selber konsumierte ebenfalls Drogen, die ihn aggressiv werden ließen. Mehrfach war er in der Psychiatrie. Die Diagnose lautete: „Akute Psychose, Drogenabusus“.

„In der Klinik kündigte Abdullah an, unbedingt jemanden töten zu müssen. Eine Pistole sei dafür aber zu kalt, er wolle es genussvoll und langsam mit seinen Händen machen“, erzählt Jurist Backen. „Das klingt eindeutig nach einem Sadisten“, meint Mittelacher dazu. „Also ging es nicht um Hass oder Habgier oder ein anderes konkretes Motiv und ein bestimmtes Opfer. Sondern tatsächlich um den Akt des Tötens.“

Das Opfer: Ein 19-Jähriger, der die Qualität der gekauften Drogen bemängelte

Als Opfer suchte sich Abdullah einen 19-Jährigen aus, der sich kritisch über die Qualität des von dem Dealer verkauften Haschisch geäußert hatte. Norbert P. glaubte, die Droge sei gestreckt. Abdullah aber duldete keine Widersacher. Er wollte ein unmissverständliches Zeichen setzen. Gemeinsam mit zwei Freunden lockte er den 19-Jährigen in eine Falle. Zu dritt entführten sie den wehrlosen Mann in einem Auto an einen einsamen See in Mecklenburg-Vorpommern.

Dort quälte Abdullah, flankiert von seinen Kumpels, das Opfer, stach etliche Male auf ihn ein – aber so, dass möglichst keine der Verletzungen tödlich sein sollte. Dann folterte er den 19-Jährigen auf vielfältige Art weiter, unter anderem durch Schüsse aus einer Gaspistole. Schließlich versetzte er ihm mehrere Stiche in den Kopfbereich.

Einer dieser Stiche riss ein Loch von 8 Millimeter Durchmesser in die rechte Halsvene, was durch den starken Blutverlust schnell zur Bewusstlosigkeit und zum Tod durch Verbluten führte, wie später die Obduktion ergab. Doch die Täter ließen auch jetzt immer noch nicht von dem Gepeinigten ab: Weil sie nicht sicher waren, ob das Opfer wirklich tot war, stießen sie ihn noch in den See.

Der Mörder hat seine Strafe längst verbüßt – und ist wieder frei

Wenig später konnten die Verbrecher ermittelt werden, unter anderem anhand von Reifenspuren und Fingerabdrücken an den Waffen. Nach seiner Festnahme gestand Abdullah A. zunächst die Tat, leugnete sie später aber. Seine Gehilfen indes blieben bei Geständnissen. Im Prozess schließlich wurden diese beiden zu zwei beziehungsweise vier Jahren Haft verurteilt.

Der Haupttäter Abdullah A. allerdings wurde wegen grausamen Mordes schuldig gesprochen. Weil eine verminderte Schuldfähigkeit nicht auszuschließen war, erhielt er kein lebenslänglich, sondern eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren. Richter Backen hat diesen Fall neben 15 weiteren in seinem Buch „Das Leben ist zerbrechlich“ geschildert. „Was mich bis heute beschäftigt“, bilanziert Backen: „Abdullah hat seine Strafe aus dem Jahr 1992 inzwischen längst verbüßt. Aber ist er nun resozialisiert? Hat er den Drogen abgeschworen? Spuken Tötungsfantasien immer noch in seinem Kopf herum?“

( HA )

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