Verkehr Hamburg

Gratis-HVV und Bahnstreik: Ein Sonntag im Ausnahmezustand

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Friederike Ulrich
Hingucker beim verkaufsoffenen Sonntag: eine Oldtimer-Ausstellung am Jungfernstieg, die das Citymanagement organisiert hatte. Die S-Bahn Hamburg fuhr im 20-Minuten-Takt.

Hingucker beim verkaufsoffenen Sonntag: eine Oldtimer-Ausstellung am Jungfernstieg, die das Citymanagement organisiert hatte. Die S-Bahn Hamburg fuhr im 20-Minuten-Takt.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Der verkaufsoffene Sonntag lockte bei Bilderbuchwetter viele Besucher in die Innenstadt. Die Anreise jedoch war teils schwierig.

Hamburg. Der erste verkaufsoffene Sonntag seit Aufhebung der Kontaktverfolgung lockte mit Bilderbuchwetter und einem kostenfreien HVV viele Hamburger in die Innenstadt. Die Stimmung war entspannt, großen Andrang gab es nur in wenigen Geschäften – und vor einigen ganz besonderen Fahrzeugen in der eigentlich autofreien Mönckebergstraße, etwa dem legendären Käfer „Herbie“ und KITT aus dem Film „Knight Rider“.

Denn dem verkaufsoffenen Sonntag in der City war ein Ausblick auf das „Filmfest Hamburg“ angegliedert, das vom 30. September bis zum 9. Oktober in der Hansestadt stattfindet. Auch zahlreiche Odtimer, die am Jungfernstieg ausgestellt waren, lockten Schaulustige und Interessierte an.

Angesichts der vorausgegangenen Werbung und der kostenlosen Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs hätten die Einzelhändler an diesem verkaufsoffenen Sonntag mit mehr Besuchern gerechnet, so das Fazit von Citymanagerin Brigitte Engler. „Nach den vielen Regentagen haben wahrscheinlich viele Hamburger das gute Wetter für Ausflüge genutzt“, vermutet sie. Doch man sei zufrieden. „Die Umsätze waren besser als im August, und jeder zusätzliche Öffnungstag ist ein Gewinn für die Händler.“

Verkaufsoffener Sonntag in Hamburg trotzt Verkehrschaos

Nicht überall war das Shoppen so entspannt wie im Alsterhaus oder im Süßwarenladen Candy World, wo trotz der Kundenschlange vor dem Laden das Einkaufen mit Abstand möglich war. Beim Sportbekleidungsgeschäft Snipe etwa herrschte reger Betrieb – was angesichts der Tatsache, dass kaum ein Angestellter seine Maske vorschriftsmäßig trug, und der im Falle eines Falles unmöglichen Kontaktverfolgung ein ungutes Gefühl heraufbeschwor.

Chaotische Zustände im S-Bahn- und Regionalbahn-Verkehr blieben laut Deutscher Bahn trotz des Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) zumindest in Hamburg aus. „Die S-Bahnen fuhren im stabilen 20-Minuten-Takt, auf der S 3 wurden Langzüge eingesetzt, und die Regionalzüge fuhren nach Ersatzfahrplan“, so ein Bahnsprecher. Es habe in Hamburg und Umgebung keine Auffälligkeiten gegeben. Ähnliches meldet eine Sprecherin der Hochbahn.

Chaotische Zustände bei S-Bahn Hamburg blieben aus

Demnach hätten die Leitstellen zwar ein deutlich höheres Fahrgastaufkommen als an einem gewöhnlichen Sonntag verzeichnet, es wäre aber weder an den Haltestellen noch in den Verkehrsmitteln zu Gedränge gekommen. Wie viele Fahrgäste das kostenlose Angebot genutzt hätten, würde in den nächsten Tagen ermittelt.

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Bei den Fahrgästen der S-Bahn war tatsächlich kein Unmut über den eingeschränkten Betrieb festzustellen. „Wir haben uns auf eine längere Wartezeit eingestellt, aber gerade einmal sechs Minuten gewartet“, sagt ein älteres Ehepaar an der Station Jungfernstieg, bevor es in die S 3 nach Pinneberg steigt. Auch der erste Teil der Fahrt mit der U-Bahn sei entspannt und der Zug nicht überfüllt gewesen. In der S 1 Richtung Airport, die auf dem gegenüberliegenden Gleis einfährt, gibt es ebenfalls kein Gedränge.

Verkehr in Hamburg: Gratis-HVV an weiteren Terminen

„Wir hatten eine komplett stressfreie Fahrt ohne Wartezeiten“, bestätigt Miriam B. aus Eidelstedt, die gerade mit ihren zwei kleinen Töchtern aussteigt. Jetzt wollen sie ein bisschen durch die Innenstadt bummeln und dann noch Freunde treffen. Miriam B. freut sich auf den Nachmittag – aber auch darüber, dass sie die öffentlichen Verkehrsmittel heute gratis benutzen können. „Das ist wirklich eine faire Geste des HVV.“

Nicht jeder kannte diese Regelung, mit der der HVV die Mehrwertsteuersenkung aus dem vergangenen Jahr an seine Kunden weitergeben möchte und die auch an den kommenden drei Sonnabenden gilt. An der U-Bahn-Station Hoheluftbrücke etwa wollen Cornelia von Hein und André Radusch gerade ein Ticket kaufen, als sie auf das Gratisangebot aufmerksam gemacht werden. Sie hatten davon nicht gehört und auch den nicht sonderlich auffälligen Aufkleber, der auf die „Freie Fahrt“ hinweist, nicht wahrgenommen.

„Wir hatten unser Augenmerk auf dem Fahrplan und den Informationen zu Gruppenkarten“, sagen sie. In drei Wochen findet nämlich ein Seminartreffen von ehemaligen Mitstudenten statt, das Radusch organisiert hat. Sie wollen die Strecke zum gebuchten Hotel und zu Airbus, wo eine Werksbesichtigung geplant ist, schon einmal abfahren – und freuen sich, dass sie das mit den Seminarteilnehmern dann ebenfalls kostenfrei tun können.

A 1: Am Sonntag in der Spitzenzeit 20 Kilometer Stau

Auf den Autobahnen 1 und 7 kam es auch am Sonntag zu teils chaotischen Verhältnissen. Schon vor der 55 Stunden langen A-7-Vollsperrung war es am Sonnabend dort, auf der A 23 und auf den Umleitungsstrecken – besonders im Bereich Volkspark und Eidelstedt – zu Staus gekommen. Auf der A 1 stand der Verkehr am Sonntagmittag laut Einsatzzentrale zwischen Maschen und dem Kreuz Ost in Richtung Norden auf einer Länge von 20 Kilometern, in der Gegenrichtung auf 13 Kilometern.

Erst am späteren Nachmittag entspannte sich die Lage auf der Autobahn, und es blieb lediglich auf den Umleitungsstrecken und den Straßen in Eidelstedt laut einer Sprecherin „noch ordentlich voll“. Ein tragischer Unfall passierte bei den Bauarbeiten auf der A 7 am Sonnabend: Während Asphaltierungsarbeiten auf der Höhe Schnelsen wurde ein Mann in einer Maschine eingeklemmt und erlitt Verletzungen am Bein, wie ein Sprecher des Lagedienstes der Feuerwehr dem Abendblatt sagte.

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