Ida Ehre Schule

Elf Schüler beurlaubt – schwere Konsequenzen für 13-Jährigen

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André Zand-Vakili
Die Ida-Ehre-Schule in Hamburg: Hier wurde ein Polizist brutal von Schülern angegriffen.

Die Ida-Ehre-Schule in Hamburg: Hier wurde ein Polizist brutal von Schülern angegriffen.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Fast 50 Zeugen wurden nach dem Angriff auf einen Polizisten ermittelt. Eltern und Linke sprechen von "Vorverurteilung".

Hamburg.  Nach dem gewalttätigen Übergriff auf einen Polizisten vor der Ida Ehre Schule bekommt der 13 Jahre alte Haupttäter „Einzelunterricht“. Das erfuhr das Abendblatt aus Kreisen der Schulbehörde. Der Junge, der selbst auf die Stadtteilschule Eppendorf ging, soll dort nicht mehr am normalen Schulunterricht teilnehmen. Die Polizei ermittelt inzwischen gegen mehrere Jugendliche, die am 19. August den Polizisten attackiert, bespuckt und beleidigt haben sollen. Gegen vier weitere Schüler laufen Ermittlungsverfahren.

Es geht dabei um Beleidigung und gefährliche sowie einfache Körperverletzungen. Mittlerweile sind der Polizei mehr als 50 Personen bekannt, die an dem Tag bei dem Angriff auf den Beamten eine Rolle gespielt haben könnten. Dabei geht es nicht nur um mögliche Täter, sondern auch um Zeugen. Ermittler sind immer noch mit Vernehmungen und der Auswertung von Videomaterial beschäftigt, das die Auseinandersetzung zeigt.

Polizist an Ida Ehre Schule verprügelt: Fünf Verfahren

Wie aus der Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervorgeht, die dem Abendblatt vorliegt, erfolgte mittlerweile in elf Fällen eine "Beurlaubung vom Schulbesuch durch die Schulleiterin". Dabei handele es sich um eine vorläufige Maßnahme zur Aufrechterhaltung des geordneten Schullebens, bis die notwendigen Aufklärungen abgeschlossen und die Vorbereitungen für Ordnungsmaßnahmen eingeleitet werden könnten, heißt es in der Senatsantwort weiter.

Die Linken-Abgeordnete Sabine Boeddinghaus hinterfragt „sehr kritisch“ die „spontane und reflexartige Vorverurteilung“ der Ida Ehre Schule mit deren „ausgeprägten politischen Profil“. Laut Boeddinghaus sei bekannt, dass nur ein Teil der beteiligten Schüler von der Schule selbst stammen solle.

Insgesamt wurden fünf Ermittlungsverfahren eingeleitet – auch gegen den 13-Jährigen, den der für die Betreuung der Schule zuständige Beamte („Cop4You“) in Gewahrsam nehmen wollte und vier weitere Schüler, die dessen Ingewahrsamnahme offensichtlich verhindern wollten und den Beamten mutmaßlich entweder bespuckten, beleidigten oder angriffen. Alle vier sind Schüler der Ida Ehre Schule, darunter zwei Geschwister.

Angriff an Ida Ehre Schule: Zweifel an „Cop4You“

Boeddinghaus möchte offensichtlich die Arbeit der Polizei in Form der „Cop4You“ abschaffen. Das sind Polizisten, die fester Ansprechpartner einer Schule und in der Regel auch Stadtteilpolizisten sind. Laut Boeddinghaus gehöre „das Konzept des Cop4You auf den Prüfstand“.

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Dazu sagt Polizeisprecherin Sandra Levgrün: „Aus unserer Sicht ist es ein tragfähiges Erfolgskonzept. 2005 wurde es als gemeinsames Projekt der Schulbehörde und der Polizei ins Leben gerufen. 2007 wurde es noch einmal ausgeweitet“, so Levgrün. Derzeit gibt es 238 „Cop4You“, die alle Hamburger Schulen abdecken. Die Beamten bieten feste Sprechstunden an, sind bei vielen Elternabenden dabei oder beraten Lehrer. Auch bei den Erziehungskonferenzen, bei denen es um auffällige Schüler geht, sind sie dabei.

Sie führen aber auch sogenannte „Gefährderansprachen“ durch, wenn es nötig ist. Das bedeutet, dass sie auffälligen Schülern direkt klar sagen, das man sie „auf dem Schirm“ hat und welche Konsequenzen drohen.

Polizist in Hamburg gegen den Kopf getreten

Am 19. August hatte der Polizist während der Aktion „Schulwegsicherung“ den 13-Jährigen erkannt und angesprochen. Hintergrund: Der Junge gehörte nicht an die Ida Ehre Schule, es war aber Anzeige gegen ihn erstattet worden, weil er einen Schüler bedroht haben soll.

Keine zehn Minuten später hatte der 13-Jährige einen Streit mit einem anderen Jungen. Etwa 30 Schüler standen um sie herum. Als der Beamte eingriff und den 13-Jährigen umklammerte, weil laut Polizei der Verdacht bestand, dass er bewaffnet ist, leistete der Junge Widerstand und begann zu schreien. Beide gingen zu Boden. Dann solidarisierten sich die umstehenden Kinder und Jugendlichen mit dem 13-Jährigen. Erst war es ein wildes Gekreische. Dann wurde dem Beamten, der einen Fahrradhelm trug, mehrmals gegen den Kopf getreten. Zwei der „Treter“ wurden bereits identifiziert.

13-jähriger Schüler ist der Polizei bekannt

Die Lage beruhigte sich erst, nachdem der 13-Jährige und auch die anderen in Gewahrsam genommenen Schüler weggeschafft worden waren. Der 13-Jährige wurde in die Wohngruppe in Schnelsen gebracht, in der er lebt und betreut wird, nachdem seine Mutter nicht mehr mit ihm klar kam.

Der Junge ist bereits mehrfach im Zusammenhang mit Straftaten aufgefallen. So wurden gegen ihn in der Vergangenheit mehrfach Ermittlungsverfahren eingeleitet. Darunter sind Diebstähle und Körperverletzung. Zudem geht die Polizei davon aus, dass er oft bewaffnet unterwegs ist. In der Vergangenheit war bei ihm ein nach dem Waffengesetz verbotenes Messer sichergestellt worden. Auch am 19. August hatte der Junge eine Waffe dabei. Es handelte sich aber nicht um ein Messer, sondern um einen Teleskopschlagstock.

Ida Ehre Schule: Hat Hamburg ein Problem mit Jugendgewalt?

Der Fall hat das Thema Jugendgewalt wieder in den Fokus gerückt. Im vergangenen Jahr wurden in Hamburg 11.587 Tatverdächtige ermittelt, die unter 21 Jahre alt waren. Das ist ein Rückgang um 9,5 Prozent im Vergleich zu 2019. Unter den im Vorjahr ermittelten Verdächtigen waren 1843 Kinder, 4630 Jugendliche und 5114 Heranwachsende im Alter von 18, 19 oder 20. Nicht einmal jeder dritten Tatverdächtige war weiblich.

Bei der Gewaltkriminalität ging im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der unter 21 Jahre alten Tatverdächtigen um zehn Prozent auf 1641 Fälle zurück. Der starke Rückgang dürfte nach Einschätzung der Polizei durch die Corona-Pandemie begünstigt worden sein. Mit dem Lockdown gab es weniger Anlässe und Gelegenheiten, um in Straftaten verwickelt zu werden. Aber auch im Langzeitvergleich ist die Jugendkriminalität stark rückläufig. Und das sogar noch stärker: Verglichen mit 2011 hat die Polizei im vergangenen Jahr 22,4 Prozent weniger Kinder, Jugendliche und Heranwachsende als Tatverdächtige ermittelt.

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