Buchkritik

So können Kinder ihr Wissen über die Natur erweitern

| Lesedauer: 5 Minuten
Edgar S. Hasse
Die Hirschbrunft im Duvenstedter Brook lockt im Herbst viele Naturfreunde an (Symbolbild).

Die Hirschbrunft im Duvenstedter Brook lockt im Herbst viele Naturfreunde an (Symbolbild).

Foto: Jakub Mrocekpicture alliance / Zoonar

Die junge Generation weiß oft wenig über Fauna und Flora. Der „Kindernaturführer für Hamburg“ leistet einen Beitrag zur Umweltbildung.

Hamburg.  Für die Rothirsche im Duvenstedter Brook beginnt jetzt die beste Zeit des Jahres: die Hirschbrunft. In den nächsten Wochen ist der röhrende, bellende Schrei der männlichen Tiere kilometerweit zu hören. Denn die „Platzhirsche“ wollen bis Mitte Oktober nur noch eines: möglichst viele Exemplare des anderen Geschlechts. Zahlreiche Naturfreunde, darunter ganze Familien, werden die Beobachtungsstationen im Brook bevölkern, um in der Dämmerung das einzigartige Naturschauspiel aus der Ferne zu beobachten.

Zum sachkundigen Begleiter für Kinder und Jugendliche könnte dabei ein Buch werden. Der „Kindernaturführer für Hamburg“, geschrieben vom Biologen Thomas Schmidt, macht mit brillanten Illustrationen und für die Zielgruppe verständlichen Texten Lust auf Erkundungen in Wäldern, Parks, auf Wegen und Wiesen - vom Rotwild bis zum Admiral. Vor allem aber dient die Publikation aus dem Hamburger Junius Verlag dazu, eklatante Wissenslücken über die heimische Fauna und Flora zu beheben.

Kinder wissen wenig über die Natur

Zwar kann die junge Generation exzellent das Smartphone bedienen. Aber der „8. Jugendreport Natur 2021“ bestätigt abermals die gewachsene Distanz der Mädchen und Jungen zur Natur: „Schwindendes Interesse über elementare Pflanzen- und Tierarten sowie natürliche Zusammenhänge wird als weiteres Indiz für Naturentfremdung gesehen.“

Ein Beispiel: Der Rothirsch. Bundesweit wurden 15.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 15 Jahre befragt. Auch darüber, wie die „Frau vom Hirsch“ heißt. Nur 15 Prozent nannten das Fachwort korrekt - die Hirschkuh.

Hamburger Kindernaturführer gegen das Unwissen

Am häufigsten wurde fälschlicherweise „Reh“ genannt, mit einem Anteil von 86 Prozent an den falschen Antworten. Darüber hinaus gab es zahlreiche Fantasiebezeichnungen wie Frau Hirsch, Mrs. Hirsch, Hirschine oder Hirschin, heißt es in der Studie im Auftrag der Universität Köln, des Deutschen Wanderinstituts Marburg sowie Stadt und Land e.V.

Die Lektüre des Hamburger Kindernaturführers erweist sich als bestes Hilfsmittel gegen das grassierende Unwissen. Buchautor Schmidt, der sich mit zahlreichen Naturbüchern über Hamburg einen Namen gemacht hat, erklärt den kleinen und großen Lesern: Nur der „Platzhirsch“ darf sich mit den auf der Wiese versammelten Hirschkühen paaren. Vorher kämpfen die Hirsche um die Weibchen. „Am Ende überlässt der Schwächere dem Sieger die wartenden Weibchen.“

Von Säugetieren bis zu Sträuchern

Es gelingt Autor und Verlag, einen breiten Bogen von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Insekten, Blumen, Bäumen und Sträuchern zu schlagen. Ob Haussperling, Distelfalter oder Breit-Wegereich - jede Spezies wird prägnant und lokalisiert beschrieben. Wie der Austernfischer, der rotbeinige Watvogel. Statt am Strand brüten manche Hamburger Austernfischer auf kiesbedeckten Flachdächern von Hochhäusern und Einkaufszentren.

„Wenn du auf der großen Wiese im Botanischen Garten Austernfischer entdeckst, kommen sie wahrscheinlich vom Elbe Einkaufszentrum in Osdorf“, heißt es in dem Kindernaturführer.

Naturführer bietet Tipps für „kleine Naturforscher“

Thomas Schmidt gibt neben den prägnanten Einzeldarstellungen der Tiere und Pflanzen auch Tipps für die „kleinen Naturforscher“. Zwar werden Schmetterlinge immer seltener. Doch könne man ihnen helfen, wenn verstärkt Blumen gepflanzt werden, die Schmetterlingen genug Nektar anbieten. Dazu zählen einheimische Wildblumen wie Kartäusernelken, Tüpfeljohanniskraut, aber auch Kräuter wie Thymian und Oregano.

Lesen Sie auch:

Mehr noch: Wer Schmetterlingen zusätzlich etwas Gutes tun will, kann ihnen einen kleinen Cocktail mixen. „Mische dazu Honig, Zucker und eine Prise Salz in etwas Wasser und fülle die süße Flüssigkeit in ein Schälchen. Wechsele den Trank täglich, damit er nicht verdirbt. Die Schmetterlinge werden sich freuen“, weiß Schmidt.

Thomas Schmidt veröffentlichte schon viele Werke

Der Biologe und Sachbuchautor, Jahrgang 1946, erweist sich mit diesem Buch abermals als exzellenter Kenner einheimischer Arten und Biotope. Seine bisherigen Werke wie „Was piept und fliegt in Hamburg?“, „Was kreucht und fleucht in Hamburg“ und „Was grünt und blüht in Hamburg?“ sind allesamt im Junius Verlag erschienen und sollten als Hamburgensie zur Basislektüre aller Naturfreunde gehören.

Hinweise auf die Adressen der Naturschutzjugend (NAJU) des Naturschutzbundes Deutschland (NABU), den Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und die Loki Schmidt Stiftung komplettieren das 256 Seiten starke Werk.

Geocaching und Tierspuren-Suche im Trend

Die Organisationen bieten seit Jahren vielfältige Aktivitäten für Kinder und Jugendliche an, zuletzt allerdings mit coronabedingten drastischen Einschränkungen. Im Trend liegen jetzt Kindergeburtstage in der Natur, mit Schnitzeljagd, Geocaching und Tierspuren-Suche. Eine neue Studie des Bundesweltministeriums lässt jedenfalls zart hoffen.

Danach hat die Corona-Krise bei den 14- bis 17-Jährigen dazu beigetragen, dass die Bedeutung der Natur für jeden Zweiten „wichtiger bzw. viel wichtiger“ geworden ist. Wie es in der Studie „Jugend-Naturbewusstsein 2020“ weiter heißt, gehört Natur für immerhin 66 Prozent der Befragten zu einem guten Leben dazu. 60 Prozent äußerten sogar ihre Interesse, Tier- und Pflanzenarten in Deutschland namentlich zu kennen. Sie sollten also unbedingt zu solchen vorzüglichen Naturführern greifen, wie sie gerade veröffentlicht wurden.

Das Buch „Ahorn, Rotfuchs & Zitronenfalter“ erhalten Sie auch auf abendblatt.de/shop und in der Geschäftsstelle des Hamburger Abendblatts am Großen Burstah nahe des Rathauses.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg