Prozess Hamburg

Eigenes Kind vergiftet? Mutter weist Vorwürfe zurück

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Bettina Mittelacher
Die Angeklagte mit ihrer Verteidigerin im Gerichtssaal.

Die Angeklagte mit ihrer Verteidigerin im Gerichtssaal.

Foto: Bettina Mittelacher

Jennifer F. muss sich wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten. Leidet sie unter dem Münchhausen-Stellvertretersyndrom?

Hamburg. Von Fassungslosigkeit ist die Rede. Von Sorgen und Entsetzen. Wenn Jennifer F. zu dem Verdacht Stellung nimmt, sie habe ihrer eigenen kleinen Tochter gefährliche Medikamente verabreicht, findet sie immer wieder neue Formulierungen, um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen. „Ich fühlte mich überrumpelt und zu Unrecht verdächtigt“, betont die 36-Jährige. Was ungesagt bleibt, aber immer wieder mit anklingt, ist diese Botschaft: Traut ihr etwa jemand ernsthaft zu, sie habe ihrem vierjährigen Kind schaden wollen?

Laut Staatsanwaltschaft spricht in der Tat viel dafür, dass Jennifer F. sogar riskiert hat, das Leben ihrer kleinen Tochter zu gefährden. Deshalb muss sich die gelernte Krankenschwester unter anderem wegen versuchten Mordes vor dem Schwurgericht verantworten. Laut Anklage gab die Frau dem Kind, das am 28. Dezember vergangenen Jahres nach einem Sturz vom Sofa zur Beobachtung ins Krankenhaus Wilhelmsstift gekommen war, heimlich Schlaf- und Beruhigungsmittel — und zwar in einer Dosis, die für das Mädchen hätte tödlich sein können.

Vierjährige wurde in die Kinderklinik des UKE verlegt

Als sich der Zustand des Kindes verschlechterte, wurde es in die Kinderklinik des UKE verlegt. Dort soll die Frau ihrer Tochter erneut eine hohe Dosis Beruhigungsmittel gegeben haben. Die Anklage geht von Heimtücke aus, weil die Vierjährige ihrer Mutter vertraute.

Blass sieht die Angeklagte aus, die Stirn in Sorgenfalten, die Hände hat sie ineinander verschränkt. Sie kämpft mit den Tränen, als sie schildert, dass einige Tage nach dem ersten Verdacht ihre Kinder von den Behörden in Obhut genommen wurden, nicht nur die Vierjährige, sondern auch deren beiden Geschwister. Mittlerweile leben die beiden Mädchen und der Junge wieder zu Hause beim Vater. Die Mutter ist in Untersuchungshaft.

Benzodiazepin wird als Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzt

Nach dem Sturz vom Sofa hatte es bei Sophia (Name geändert) einen Verdacht auf eine Schädelprellung gegeben, weil das Mädchen Kopfschmerzen hatte und über Schwindel und Übelkeit klagte. Da das Mädchen wenig später ungewöhnlich schläfrig wirkte, wurden Blut- und Urinproben in dem ersten Krankenhaus und anschließend auch im UKE vorgenommen. Dabei wurden zwei Medikamente mit dem Wirkstoff Benzodiazepin nachgewiesen, der als Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzt wird, erläutert am Montag im Prozess eine toxikologische Sachverständige.

Eines dieser Medikamente sei nicht für Kinder zugelassen und laut Oberärztin auf der Station im UKE auch überhaupt nicht verfügbar, so die Expertin. In ganz hohen Konzentrationen könne das Mittel zu einer Beeinträchtigung der Atmung, Kreislaufproblemen und Abfall des Blutdrucks führen, erklärt die Toxikologin. Jedes Medikament für sich sei in ganz seltenen Fällen lebensbedrohlich, allerdings könne sich das Risiko deutlich steigern, wenn die Präparate gemeinsam verabreicht werden.

Angeklagte ist angeblich fassungslos wegen des Verdachts

Die Angeklagte Jennifer F. hat über ihre Erlebnisse in den Krankenhäusern ein sogenanntes Gedächtnisprotokoll geführt, das jetzt im Prozess verlesen worden ist. Danach sei sie „völlig fassungslos und schockiert“ gewesen, als sie erfuhr, dass bei ihrer Tochter Benzodiazepin nachgewiesen wurde.

Später seien in der Klinik ihre persönlichen Sachen durchsucht worden. Das habe sie und ihren Mann „völlig ratlos“ gemacht, und sie habe sich überrumpelt gefühlt. Als sie schließlich mit dem Verdacht konfrontiert worden sei, „dass ich mein Kind vergiftet haben soll, bin ich fassungslos“. Im Detail hat die 36-Jährige aufgeschrieben, zu welcher Tageszeit Sophia munter und wach gewirkt habe und wann sie schläfrig und matt gewesen sei.

Am zweiten Prozesstag hatte Jennifer F. zudem geschildert, eine Ärztin habe ihr gesagt, dass sie vermute, dass sie psychisch krank sei und eventuell am Münchhausen-Stellvertretersyndrom leide. Hierbei handelt es sich um eine Störung, bei der in der Regel Frauen bei ihren Kindern Krankheiten simulieren oder verursachen, um dann als scheinbar besonders fürsorgliche Mutter auftreten zu können. Ob es Hinweise auf eine psychische Problematik bei der Angeklagten gibt, dazu wird an einem der folgenden Verhandlungstage ein Sachverständiger Stellung nehmen.

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