Corona Hamburg

Inzidenz bei 380: Warum der Wert auf der Veddel so hoch ist

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Andreas Dey
Corona-Infektionen verteilen sich ungleichmäßig über Hamburg: Die Aufklärung der muslimischen Bevölkerung spielt in vielen Städten eine zentrale Rolle.

Corona-Infektionen verteilen sich ungleichmäßig über Hamburg: Die Aufklärung der muslimischen Bevölkerung spielt in vielen Städten eine zentrale Rolle.

Foto: Christophe Gateau / picture alliance/dpa

Ärmere und Migranten erkranken offenbar öfter an Covid-19. Dafür gibt es mehrere Gründe – etwa die Reise in ein bestimmtes Urlaubsland.

Hamburg. Einige Corona-Nachrichten aus den vergangenen Tagen. Erstens: Die Bezirke Harburg und Mitte haben, wie schon in früheren Corona-Wellen, die mit Abstand höchste Sieben-Tage-Inzidenz in Hamburg. Während sie in Harburg Anfang der Woche bei 140 und in Mitte mit knapp 130 deutlich über dem hamburgweiten Wert von rund 85 lag, kam der Bezirk Hamburg-Nord „nur“ auf 62 und Eimsbüttel „nur“ auf 65.

Zweitens: Der Chef der Intensivmedizin am UKE, Prof. Stefan Kluge, sagte dem Abendblatt, dass ihm bei seinen zehn Covid-Intensivpatienten auffalle, dass es bei ihnen oder ihren Angehörigen Sprachbarrieren gebe: „Der soziale Status der Menschen, die derzeit schwer erkranken, scheint zudem eher niedrig zu sein“, so Kluge. Das höre er auch aus anderen Kliniken.

Corona: Viele Hamburger infizieren sich in der Türkei

Drittens: Aus dem Corona-Briefing des Senats vom Dienstag geht hervor, dass unter den infizierten Reiserückkehrern die Türkei ganz weit vorn liegt: Von 146 Fällen gingen allein 42 auf Reisen in das Land am Bosporus zurück. In der Vorwoche waren es 85 von 229, in den Wochen davor lag das Land hinter Spanien auf Platz zwei der meisten infizierten Reiserückkehrer.

Legt man die Beobachtungen übereinander, drängt sich die These auf, dass das Virus auch in dieser vierten Welle vor allem ärmere Stadtteile trifft, und hier wiederum vor allem Menschen mit Migrationshintergrund. Aber ist das wirklich so?

Teil eins der These lässt sich weitgehend belegen: So sind in den Bezirken Harburg und Mitte die Löhne durchschnittlich niedriger als im Rest der Stadt, der Anteil an Hartz-IV-Empfängern und die Arbeitslosenquoten sind dafür höher. Hinzu kommen die oft beengteren Wohnverhältnisse. Trotz der Reiserückkehrer gehe nämlich der allergrößte Teil der zuzuordnenden Virusinfektionen „auf Ansteckungen im familiären Kontext zurück“, so die Sozialbehörde. „Das ist naturgemäß besonders in räumlich engeren Wohnsituationen ein Problem“, so Sprecher Martin Helfrich.

Inzidenz in Billstedt und Rothen­burgs­ort bei 160

Dem Abendblatt liegen zudem Daten vor, wonach innerhalb des Bezirks Mitte die ärmere Stadtteile noch einmal ungleich schwerer von Corona betroffen sind als reiche: Demnach lag die Sieben-Tage-Inzidenz auf der Veddel vergangenen Woche bei fast 380, in Wilhelmsburg bei 220 und in Billstedt und Rothen­burgs­ort bei rund 160 – in der schicken HafenCity dagegen nur bei 20.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Dass sich vor allem Migranten anstecken und schwer erkranken, lässt sich hingegen kaum belegen. In den Corona-Statistiken werde nicht nach Herkunft, Religion oder Migrationshintergrund unterschieden, heißt es aus der Sozialbehörde. Auch gebe es keine Statistiken darüber, in welchen Stadtteilen oder aus welchen Gruppen sich wie viele Menschen haben impfen lassen. So ist zwar immer wieder zu hören, dass junge muslimische Frauen sich nicht impfen lassen wollen, weil sie glauben, die Impfung mache unfruchtbar. Gleichzeitig gibt es aber keine Daten, die das belegen.

Cansu Özdemir hat daher einen differenzierten Blick auf die derzeitige Entwicklung: „Ich beobachte auch, dass in diesem Sommer sehr viele Hamburger in die Türkei gereist sind und sich dort infiziert haben“, sagte die Fraktionschefin der Linken in der Bürgerschaft dem Abendblatt. Der Senat habe ja schon früher bestätigt, dass sich auf der Veddel und in Billstedt besonders viele Menschen infiziert haben und gestorben sind. „Und da leben halt viele Menschen mit Migrationshintergrund, davon viele mit türkischem Hintergrund. Das schlägt sich dann hier in den Zahlen nieder“, so Özdemir, die kurdische Wurzeln hat, aber in Hamburg aufgewachsen ist.

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Unfruchtbarkeits-Gerücht begegnet Falko Droßmann oft

Eine Abneigung gegen die Impfung in muslimisch geprägten Kreisen nehme sie hingegen nicht wahr: „Eher im Gegenteil“, so Özdemir. „Viele wollen sich endlich impfen lassen, damit sie zum Beispiel wieder ihre Familien im Ausland besuchen können und aus der Isolation rauskommen.“

Im ersten Punkt stimmt Falko Droßmann mit Cansu Özdemir überein: „Das Virus unterscheidet nicht nach Herkunft“, sagt der Bezirksamtsleiter von Hamburg-Mitte. „Betroffen sind vor allem die wirtschaftlich schwächeren Stadtteile, wo die Menschen mit eher niedrigen Bildungsabschlüssen leben. Und das sind halt die Stadtteile mit den höchsten Anteilen an Migranten.“

Was die Vorbehalte gegen das Impfen bei Muslimen angeht, hat der Sozialdemokrat, der sich um das Bundestagsmandat in Mitte bewirbt, hingegen andere Erfahrungen gemacht. Das Unfruchtbarkeits-Gerücht begegne ihm oft, gerade jetzt im Wahlkampf, für den er sich hat freistellen lassen. Daher sei es wichtig, Moscheen und Kulturvereine einzubinden: „Ich erwarte von den Imamen, dass sie aufklären“, sagt Droßmann. „Es darf eigentlich kein Freitagsgebet mehr geben ohne Aufruf zum Impfen.“

Behörde will über Corona in Hamburg aufklären

So apodiktisch würde man das in der Sozialbehörde natürlich nicht formulieren. Aber auch von dort aus werden immer mehr Initiativen gestartet, um in den vergleichsweise armen Stadtteilen und speziell in muslimisch geprägten Vierteln über Corona aufzuklären und für die Impfung zu werben.

Alle öffentlichen Unterkünfte seien von mobilen Impfteams aufgesucht worden, verkaufsoffene Sonntage würden ebenso für Impfangebote genutzt wie der „Tag der Familien“ am kommenden Sonnabend (28. August), zählt die Behörde auf. Ihre Liste mit Impfangeboten ist seitenlang. Ein Auszug: Am heutigen Sonnabend gibt es den Piks beim SV Vahdet Hamburg am Vogelhüttendeich und beim Islamischen Bund an der Kirchenallee, kommende Woche unter anderem in den Bürgerhäusern in der Lenzsiedlung (Stellingen) und in Wilhelmsburg sowie bei der Islamischen Gemeinde am Nobistor (St. Pauli) und im „Islamischen Kulturzentrum der Bosniaken in Hamburg“ in Horn.

Behörden, Sozialarbeiter und Religionsgemeinschaften arbeiten dabei Hand in Hand. Auch die Schura, der Rat der islamischen Gemeinschaften, bringt sich aktiv ein. „Mit den Impfangeboten in unseren Moscheegemeinden machen wir als Schura einen weiteren wichtigen Schritt in der Pandemiebekämpfung“, teilte Hassan Ramadan, Beauftragter der Schura für Soziales und Gesundheit, kürzlich mit. Und der Co-Vorsitzende Fatih Yildiz betonte dabei die „sehr gute Zusammenarbeit mit der Sozialbehörde“ und dem Roten Kreuz, das diese Impfangebote in den Moscheen ermögliche.

Corona in Hamburg: Infomobil fährt durch die Stadt

Die Sozialbehörde bewirbt die Aktionen durch Anzeigen, Flyer, Aushänge und direkte Ansprache. Dafür wird mehrsprachiges Aufklärungsmaterial genutzt. Zudem fährt das Corona-Infomobil durch die Stadt und klärt auf – rund 100 Einsätze hat es schon absolviert. Mit der Resonanz sei man sehr zufrieden, so Helfrich: „Beispielsweise sind in der Islamischen Gemeinde in Harburg am vergangenen Sonntag über 250 Menschen für das Impfangebot erschienen.“

Falko Droßmann berichtet von ähnlichen Erfahrungen. Kürzlich habe das Bezirksamt mit Hilfe von fünfsprachigen Helfern auf dem Markt in Billstedt Menschen angesprochen, ob sie sich nebenan im Gesundheitskiosk impfen lassen wollten. „Mehr als 200 sind direkt vom Markt zum Impfen gekommen“, so Droßmann. „Solche Aktionen brauchen wir noch viel mehr. Diese Menschen buchen keinen Termin im Impfzentrum.“

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 269 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 113.873), 196 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 50), 1888 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert: 233,7 (Stand: Montag)
  • Schleswig-Holstein: 224 neue Corona-Fälle (94.836), 173 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 42). 1788 Todesfälle (+1). Sieben-Tage-Wert: 150,8; Hospitalisierungsinzidenz: 4,36 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 1039 neue Corona-Fälle (373.471), 203 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung in Krankenhäusern, 6329 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 217,4; Hospitalisierungsinzidenz: 7,4 (Stand: Montag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 447 neue Corona-Fälle (72.147), 352 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 78), 1327 (+2) Todesfälle, Sieben-Tage-Wert: 400,9; Hospitalisierungsinzidenz: 10,6 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 119 neue Corona-Fälle (39.504), 71 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 22), 543 Todesfälle (+3). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 214,3; Bremerhaven: 242,2; Hospitalisierungsinzidenz Bremen: 6,53, Bremerhaven: 9,69 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzwerte getrennt nach beiden Städten an).

Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) will das Tempo daher forcieren: „Schätzungsweise zehn Prozent derjenigen, für die eine Impfung infrage kommt, müssen wir noch erreichen“, sagte sie dem Abendblatt. „Deswegen werden wir unsere Anstrengungen noch einmal intensivieren: Wir machen es einfach, an eine Impfung zu gelangen, indem es über die Stadt verteilt jeden einzelnen Tag zahlreiche unterschiedliche Angebote und Impfstellen gibt.“

Wer noch Zweifel habe, solle sich an Ärztinnen und Ärzten wenden, so Leonhard: „Wir brauchen dafür keine teuren Werbekampagnen an die mehrheitlich bereits geimpfte Bevölkerung, sondern das zielgerichtete, vertrauensvolle Gespräch zwischen Medizinern und noch nicht geimpften Menschen.“

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