Kai Wünsche

Hamburger Mode-Millionär auf MS "Europa" über Bord gegangen

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Kai Wünsche (r.) mit seinem langjährigen Partner Rainer Thomsen 2010 beim Martinsgansessen. Der Hamburger Millionär ist von der MS "Europa" in die Nordsee gestürzt.

Kai Wünsche (r.) mit seinem langjährigen Partner Rainer Thomsen 2010 beim Martinsgansessen. Der Hamburger Millionär ist von der MS "Europa" in die Nordsee gestürzt.

Foto: Juergen Joost

Kai Wünsche ist verschollen: Der Hamburger Unternehmer (81) stürzte bei einer Kreuzfahrt in die Nordsee.

Kiel/Hamburg. Am Montag meldete die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd Cruises einen Passagier ihres Kreuzfahrtschiffes „MS Europa“ als vermisst. Jetzt bekommt der Unbekannte, der mutmaßlich über Bord gegangen und in der Nordsee ertrunken ist, einen Namen und ein Gesicht: Nach Abendblatt-Informationen handelt es sich um den Hamburger Millionär und ehemaligen Unternehmer Kai Wünsche (81).

In der Hamburger Wirtschaft galt Wünsche lange Zeit als schillernde Persönlichkeit, die zunächst mit Immobilien später mit Modefirmen wie der JOOP! GmbH und Cinque ein großes Imperium aufgebaut hatte. In der letzten Zeit zog er sich aber mehr und mehr zurück.

Kai Wünsche startet mit Lebensgefährten in Hamburg die Kreuzfahrt

Am Sonntag war Wünsche zusammen mit seinem Lebensgefährten in Hamburg zur Kreuzfahrt auf dem Luxusschiff in Richtung Bordeaux aufgebrochen. Am Montagmittag, etwa 16 Stunden nach der Abreise zum ersten Zwischenstopp in Antwerpen, meldete sein Begleiter den Hamburger Unternehmer als vermisst. Da Wünsche trotz intensiver Suche an Bord nicht gefunden wurde, ging man folglich davon aus, dass er in der Nordsee in Höhe der niederländischen Inseln Vlieland und Texel über Bord gegangen sei.

Der Kapitän setzte daraufhin alle Maßnahme auf Basis der internationalen Sicherheitsbestimmungen in Gang. Die zuständige Seenotleitung wurde informiert und koordinierte den Einsatz in dem stark frequentiertem Seegebiet, unter anderem durch die niederländische Küstenwache. Das Kreuzfahrtschiff selbst kehrte zu der Position zurück, an der der Vermisste anhand der Uhrzeit zum letzten Mal gesehen wurde.

Hamburger LKA leitet Vermisstenermittlungsverfahren ein

Unterstützt wurde die „MS Europa“ von im Umkreis befindlichen Schiffen sowie von Flugzeugen und Helikoptern. Doch die Wetterbedingungen zum Auffinden einer im Wasser treibenden Person waren ungünstig: Im Suchgebiet gab es starken Wind und Wellen mit einer Höhe von mehr als fünf Metern.

Am Abend gegen 19 Uhr wurde die Suchaktion nach Rücksprache mit den örtlichen Behörden und der Seenotleitung abgebrochen und die „MS Europa“ setzte ihre Reise nach Antwerpen fort. Wünsche gilt seitdem als vermisst. Das Hamburger Landeskriminalamt (LKA) leitete ein Vermisstenermittlungsverfahren ein. Zwar fährt das Schiff unter maltesischer Flagge, und der Vorfall passierte vor der Küste der Niederlande, da aber Ausgangspunkt der Reise der Hamburger Hafen war, übernimmt die hiesige Polizei unterstützt von den örtlichen Behörden die Ermittlungen.

Eine Sichtung der Videokameras auf dem Schiff hat keine neue Erkenntnis ergeben: „Auch unter Zuhilfenahme der Aufzeichnungen der Überwachungskameras haben wir keine Hinweise auf einen Unfall oder Fremdverschulden“, teilte die Reederei mit.

Anderer Prominenter ging 2018 bei Kreuzfahrt von Bord

Das Ereignis erinnert an einen anderen prominenten Vorfall: der aus der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ bekannte deutsche Sänger Daniel Küblböck ging 2018 bei einer Kreuzfahrt ebenfalls über Bord, galt danach als verschollen und wurde im Februar dieses Jahres offiziell für tot erklärt.

Ungeachtet der jüngsten Geschehnisse ist Wünsches Karriere von sehr wechselhaften Erlebnissen geprägt. 1934 hatte sein Vater, Ludwig Wünsche, in Halle an der Saale ein Handelshaus für Getreide und Futtermittel gegründet. 1949 siedelte das Unternehmen nach Hamburg um. In den 1950er und 1960er Jahren wurde das Handelsportfolio erweitert, etwa durch Konservenprodukte. Als Ludwig Wünsche 1985 starb, hinterließ er seinen drei Söhnen Wolf-Jürgen, Kai und Frank ein gut bestelltes Haus.

Doch die Brüder konnten sich nicht auf die Richtung einigen. Das Unternehmen war inzwischen auch im Immobiliengeschäft aktiv und Kai fuhr eine aggressive Expansionsstrategie, während Wolf-Jürgen auf langsames Wachstum setzte. Der jüngste Bruder Frank schied über den Zwist aus und starb später.

Bruder von Kai Wünsche starb vor zwei Jahren

Zur Beschaffung des Kapitals für die Expansion ging die Wünsche AG 1989 an die Börse. Kai Wünsche kaufte weiter ziellos zu, worauf Wolf-Jürgen 1992 ausstieg. Ob er von Kai aus dem Unternehmen gedrängt wurde oder entnervt das Handtuch warf, darüber gibt es unterschiedliche Darstellungen. Klar ist aber, dass sich die beiden seitdem spinnefeind waren, Wolf-Jürgen starb vor zwei Jahren. Er hinterließ einen Sohn und vier Töchter.

Kai Wünsche hingegen war am Zenit seiner Macht und genoss großes Ansehen in der Staat. Die Preisverleihungen der 1994 gegründeten Ludwig-Wünsche-Stiftung zur Förderung von Verständnis und Toleranz gegenüber ausländischen Bürgern glichen Staatsakten in der Stadt. Insbesondere die Preisverleihungen 1996 an den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und 2000 an den damaligen Staatspräsidenten Israels, Shimon Peres, wurden vom Hamburger Rathaus mit großem Protokoll begleitet.

2001 meldet die Wünsche AG Insolvenz an

Beruflich ging es allerdings bergab. Wünsche hatte sich übernommen, musste viele Bereiche verkaufen und konzentrierte sich aufs Modegeschäft. Die Führung des angeschlagenen Unternehmens musste er abgeben. Doch häufig wechselnde Geschäftsführungen machten die Lage nicht besser. Ein Bestechungsskandal um den Ex-Oberbaudirektor Egbert Kossak im Bezug auf zwei Wünsche Immobilien an der Schönen Aussicht machte 2001 die Runde. Im Dezember desselben Jahres rutschte die Wünsche AG in die Insolvenz. Zu dem Zeitpunkt war Kai Wünsche nur noch mit geringen Anteilen beteiligt.

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Kais Bruder, Wolf-Jürgen, hatte mit der Wünsche Group inzwischen ein eigenes Handelshaus aufgebaut. Dieses wird heute von dessen Sohn Thomas geführt. Das Unternehmen habe keine Verbindung zu Kai, stellte es am Freitag fest.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über mögliche Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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