Wissenschaft und Wirklichkeit

Müssen Politiker eigentlich wirklich Bücher schreiben?

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Einer der ersten Minister, auch der geschrieben hat: Johann Wolfgang von Goethe.

Einer der ersten Minister, auch der geschrieben hat: Johann Wolfgang von Goethe.

Foto: picture alliance

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider spricht mit Uni-Präsident Dieter Lenzen über (große) Themen unserer Zeit.

Hamburg. Wie jetzt?“ heißt ein Gemeinschaftsprojekt von Hamburger Abendblatt und Universität Hamburg. Chefredakteur Lars Haider und Uni-Präsident Dieter Lenzen unterhalten sich über Fragen, die Wissenschaft und Journalismus gleichermaßen bewegen. Diesmal geht es um Politiker, die Bücher schreiben, wieso sie das tun – und warum es oft besser ist, es sein zu lassen.

Lars Haider: Muss eigentlich jeder Politiker ein Buch schreiben, kann man das nicht auch ohne Karriere machen?

Dieter Lenzen: Verlage scheinen auf jeden Fall damit Geld verdienen zu können, sonst würden sie nicht so viele Bücher von Politikerinnen und Politikern herausgeben. Die Politiker selber, die das schreiben lassen oder selber schreiben, scheinen zu glauben, dass die Veröffentlichung eines Buches ihre Chancen vergrößert, politisch etwas zu werden. Außerdem kommt hinzu, dass man in Deutschland schon immer erst richtig jemand war, akademisch und intellektuell, wenn man ein Buch geschrieben hat. All das führt dazu, dass so viele Politiker so viele Bücher schreiben. Die meisten hat übrigens Helmut Kohl veröffentlicht, ich habe bei meinen Recherchen 27 Bücher gefunden.

Helmut Kohl hat 27 Bücher geschrieben?

Lenzen: Zumindest sind sie unter seinem Namen erschienen, das erste übrigens 1976. Auch interessant ist Theo Waigel, der auf acht Bücher kommt, bei Sahra Wagenknecht wundert es einen nicht, für sie habe ich zehn gefunden. Frank-Walter-Steinmeier hat elf Bücher geschrieben, Sigmar Gabriel neun.

Letzterer ist auf jeden Fall jemand, dem man zutraut, auch selber ein Buch zu schreiben. Sollte das nicht das entscheidende Kriterium sein, dass Politiker nur dann Bücher veröffentlichen, wenn sie sie tatsächlich selbst und ohne fremde Hilfe verfasst haben

Lenzen: Zunächst steht fest: Wenn ein Politiker sich ein Buch schreiben lässt, dass das unter seinem Namen erscheint, hat sich die ganze Plagiats-Diskussion erledigt, denn dann ist das komplette Werk ein Plagiat.

Stimmt.

Lenzen: Die entscheidende Frage ist aber eine andere, nämlich die, ob der- oder diejenige etwas zu sagen hat. Wenn man sich die wissenschaftliche Literatur über Politiker-Bücher ansieht, stellt man nämlich leider schnell fest, dass die meisten gähnend langweilig sind, weil sie keine neuen Ideen enthalten, sondern oft nur umgeschriebene Parteiprogramme. Anders ist das, wenn ein Politiker nach Ausscheiden aus dem Amt ein Buch veröffentlicht, und damit Geschichte schreibt. Das wird vielleicht demnächst bei Angela Merkel der Fall sein. Retrospektive Texte sind, wenn Politiker sie schreiben, in der Regel viel interessanter als solche, die in die Zukunft zeigen wollen.

Meinen Sie wirklich, dass Angela Merkel ein oder mehrere Bücher über ihre Kanzlerschaft schreiben wird? Ich glaube, dass sie dafür nicht eitel genug ist.

Lenzen: So richtig vorstellen kann man sich das nicht, da haben Sie Recht, und es ist ihr ja auch zu gönnen, dass sie sich mal ausruht und in den Garten legt. Ich wäre aber schon neugierig zu erfahren, wie es zu der einen oder anderen Entscheidung gekommen ist, und wo es Differenzen zwischen ihren Überzeugungen und dem gab, was gemacht wurde.

Kommen wir zu den Politikern, die noch Ämter haben oder haben wollen. Kann man eigentlich nicht fast immer nur verlieren, wenn man etwa als Minister oder Kanzlerkandidat ein Buch schreibt? Entweder man macht man es nebenbei, weil man neben dem Amt zu wenig Zeit hat, dann wird das Buch nicht gut. Oder man konzentriert sich voll auf das Buch, dann leidet die politische Arbeit darunter. Und man muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass man wohl zu viel Zeit hat…

Lenzen: Deshalb würde ich, wenn ich ein politisches Amt anstreben würde, darauf verzichten, ein Buch zu schreiben. Wobei es auch etwas darauf ankommt, wie leicht einem das Schreiben fällt und ob man eine originäre Idee hat. Grundsätzlich habe ich Zweifel, ob Bücher, die die Zukunft beschreiben, ein Wahlergebnis beeinflussen können.

Wobei das Schreiben eines Buches auch, gerade in Deutschland, immer noch Seriosität signalisiert.

Lenzen: Es gibt ja das schöne Sprichwort „wer schreibt, der bleibt“. In Deutschland spielt die Frage, ob jemand etwas zu sagen hat und in der Lage ist, dass schwarz auf weiß zu Papier zu bringen, tatsächlich eine Rolle, wenn es um Seriosität und Glaubwürdigkeit geht. Einer der ersten Minister, der geschrieben hat, war Johann Wolfgang von Goethe, das vergessen wir heute leicht. Die Verknüpfung des Politischen mit dem Schriftstellerischen hat eine lange Tradition, sie war im 19. Jahrhundert selbstverständlich. Das lag daran, dass es damals noch den öffentlichen Intellektuellen gab, also einen klugen Menschen, der gleichzeitig ein Amt bekleidete. Heute gibt es viele öffentliche Ämter, aber nicht jeder, der es ausübt oder ausüben will, hat tatsächlich etwas zu sagen.

Aus meiner Sicht gibt es die öffentlichen Intellektuellen noch, denken Sie an Kultursenator Carsten Brosda, der zuletzt jedes Jahr ein neues, kluges Buch geschrieben haben hat, meistens nachts, und seine Arbeit trotzdem nicht vernachlässigte. Auch die Bücher von Robert Habeck lesen sich extrem gut, weil sie eben nicht Parteiprogramme ausformulieren, sondern Sachpolitik zu einem gesellschaftlichen Gesamtbild überhöhen. Und extrem begeistert war ich auch von der Biographie von Barack Obama.

Lenzen: Bei Obama würde ich das voll unterschreiben, bei Brosda und Habeck kann ich das nicht beurteilen, weil ich noch keines ihrer Werke gelesen habe. Der Umstand, dass jemand ein Buch schreibt, bedeutet ja nicht automatisch, dass er ein Intellektueller ist. Das Wort bedeutet übrigens im Kern, dass man Einsichten hat, die von großer Tragweite sind.

Wie gern lesen Sie Bücher, die amtierende Politiker geschrieben haben?

Lenzen: Fast gar nicht, weil ich darin nichts erwarte. Die Bücher, die im Nachhinein geschrieben werden, sind etwas anderes, die können spannend sein, denken Sie nur daran, was Helmut Schmidt alles nach seiner aktiven Zeit geschrieben hat. Oder eben Barack Obama. Solche Bücher finde ich wichtig, damit man Politik im Nachhinein versteht.

Was machen die Politiker eigentlich mit dem Geld, dass das sie mit dem Verkauf ihrer Bücher verdienen?

Lenzen: Der Berufspolitiker muss daran interessiert sein, dass das Buch möglichst günstig ist, damit es viele Leute kaufen und lesen. Insofern kann man als Politiker eigentlich nicht erwarten, damit jede Menge Geld verdienen zu können und das sollte auch auf keinen Fall der Beweggrund sein, ein Buch zu schreiben, zumindest nicht, wenn man noch ein Amt hat oder etwas werden will.

Welche Rolle spielt bei der Veröffentlichung eines Buches der Wunsch, einfach ein Buch zu veröffentlichen?

Lenzen: Dieses narzisstische Element, die Freude über ein Buch, auf dessen Cover der eigene Name zu lesen ist, hat man als Wissenschaftler, wenn man sehr jung ist. Wenn man sich zum ersten Mal gedruckt sieht, denkt man, dass man der größte ist. Das legt sich zum Glück aber schnell. Wie das bei Politikern ist, kann ich nicht beurteilen. Ich muss für mich persönlich sagen, dass ich nie hinterher lese, was ich geschrieben habe.

Auch nicht nach ein paar Jahren?

Lenzen: Auf gar keinen Fall, ich würde mich wahrscheinlich zu sehr ärgern über meine Gedanken und Thesen von früher. Ich würde eher einen Schrecken bekommen, wenn ich das lese.

Hat Frau Baerbock auch deshalb ein Buch geschrieben, weil Robert Habeck, ihr Konkurrent um die Kanzlerkandidatur, schon vorgelegt hatte?

Lenzen: Ich glaube nicht, dass das ein Abgrenzungsmoment gegenüber Habeck war.

Klüger wäre im Nachhinein gewesen, wenn sie gesagt hätte: Ich habe keine Zeit, ein Buch zu schreiben, ich muss mich um die Menschen und ihre Probleme kümmern, ich will schließlich Bundeskanzlerin werden.

Lenzen: Für den potenziellen Wähler reicht es, wenn ein Kandidat oder eine Kandidatin in zehn Punkten konkret sagt, wie die Welt mit ihm oder ihr in zehn Jahren aussehen und was besser wird. Dazu braucht man kein langes Buch.

( HA )

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