Corona Hamburg

UKE-Chefarzt: "Alle Covid-Intensivpatienten sind ungeimpft"

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Andreas Dey
Professor Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).

Professor Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).

Foto: Georg Wendt / picture alliance/dpa

Wer erkrankt derzeit wie schwer an Corona? Professor Stefan Kluge sieht ein „Alarmsignal“, warnt aber vor Panik.

Hamburg.  Außer den Corona-Infektionszahlen steigt in Hamburg auch die Zahl der Covid-Patienten in den Kliniken langsam wieder an. Am Dienstag wurden in Hamburger Krankenhäusern 66 Patienten stationär behandelt, darunter 21 auf Intensivstationen – deutlich mehr als noch Ende Juli (32/14). Doch wer sind diese Menschen? Wie haben sie sich angesteckt, welchen Hintergrund haben sie? Darüber sprach das Abendblatt mit Professor Stefan Kluge, Chef der Intensivmedizin am UKE.

„Wir versorgen derzeit zehn Covid-Patientinnen und -Patienten auf der Intensivstation, alle von ihnen sind ungeimpft“, sagte Kluge und betonte: „Das ist ein Alarmsignal, denn fast alle hatten ein Impfangebot bekommen.“ Das Durchschnittsalter liege bei 56 Jahren, die jüngste Patientin sei 30 Jahre und mehrfache Mutter, der älteste Patient 70 Jahre alt. „Auch auf Normalstation sind von den elf Covid-Patienten drei Viertel ungeimpft“, so Kluge. „Die wenigen Impfdurchbrüche betreffen vor allem Menschen mit schweren Vorerkrankungen.“ Die meisten seiner Patienten hätten sich in der Familie, bei Freunden oder auf Reisen angesteckt.

Corona in Hamburg: Viele Patienten erst seit Kurzem auf der Intensivstation

Eine Gemeinsamkeit falle ins Auge, sagt der Mediziner: „Es fällt auf, dass es bei vielen der Patienten oder ihren Angehörigen Sprachbarrieren gibt. Manchmal ist dann eine Verständigung sehr schwierig. Das höre ich auch aus anderen Kliniken. Der soziale Status der Menschen, die derzeit schwer erkranken, scheint zudem eher niedrig zu sein.“ Das bestätigt frühere Beobachtungen, wonach sich schon in der dritten Welle vorrangig Menschen angesteckt haben, die sich aus beruflichen Gründen oder aus Mangel an Informationen nicht schützen konnten.

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Nach Kluges Aussage sind die meisten Patienten erst seit Kurzem auf der Intensivstation: „Während wir bis vor einigen Wochen mehr als zur Hälfte Patientinnen und Patienten aus der dritten Welle behandelt haben, sind es jetzt nur noch drei. Die anderen haben sich alle in der vierten Welle angesteckt, sie sind weniger als 15 Tage bei uns“, sagt der Mediziner. Seine Beobachtung: „Man merkt, dass die Zahlen langsam ansteigen und wieder mehr Menschen auch schwer erkranken.“

Erneute Herausforderung für Klinikpersonal

Im Vergleich zur zweiten und dritten Welle sei die Lage zwar noch relativ ruhig, aber die Covid-Intensivstation, die zuletzt nur zum Teil genutzt werden musste, sei jetzt mit zwölf Betten schon wieder „komplett in Betrieb“, so Kluge. Auch auf der Normalstation des UKE sei wieder ein größerer Covid-Bereich reaktiviert worden. Kluges Prognose: „Wenn die Infektionslage so anhält, werden wir sicher erneut weitere Stationen zu reinen Covid-Stationen umfunktionieren müssen.“

Organisatorisch sei das zwar kein großes Problem, da es schon ein paar Mal so umgesetzt worden sei, so Kluge. „Aber für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist das natürlich eine erneute Herausforderung. Die Arbeitsbelastung und das Burnout-Risiko bei Pflegenden und ärztlichem Personal ist jetzt schon hoch.“

Fluktuation auf den Intensivstationen

Der Chefarzt bestätigte zudem, dass es trotz der relativ stabilen Zahl an Intensivpatienten dennoch eine gewisse Fluktuation auf den Intensivstationen gebe: „Nur weil die Zahl der Intensivpatientinnen und -patienten sich nicht verändert, heißt das nicht, dass es auf den Stationen keine Bewegung gibt“, sagte Kluge.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

„Wir haben regelmäßig Aufnahmen, Verlegungen und auch hin und wieder Todesfälle. Aber nicht alle Corona-Toten lagen vorher auf einer Intensivstation, dies machte im Jahr 2020 nur rund 30 Prozent der Todesfälle aus. Es sterben auch Menschen zu Hause, in Pflegeheimen oder auf der Normalstation.“ Seit Pandemiebeginn sind 1634 Hamburgerinnen und Hamburger infolge einer Corona-Infektion verstorben – 30 von ihnen allein in den vergangenen vier Wochen.

Die Frage, inwiefern ihm die aktuelle Entwicklung Sorge bereite, sei schwer zu beantworten, sagte Kluge. „Einerseits sehen wir natürlich auch, dass die Menschen wieder mehr Freiheiten haben möchten und immer häufiger auf andere Lebensrisiken wie Rauchen, Straßenverkehr oder Krebs verweisen.“ Das No-Covid-Konzept, also möglichst gar keine Infektionen zuzulassen, sei daher aus seiner Sicht nicht umsetzbar.

Jeder dritte Corona-Patient stirbt

Auf der anderen Seite gelte: „Wenn die Infektionszahlen weiter steigen, werden auch mehr Menschen schwer erkranken – das sieht man aktuell bereits in den USA und Frankreich wieder“, so Kluge. „Und das kann auch für uns ein Problem werden: Wir wollen hier im UKE ja eigentlich Menschen heilen, die operiert werden müssen, die einen Herzinfarkt hatten oder einen Verkehrsunfall. Wenn wir sehr viele Covid-Patientinnen und -Patienten versorgen würden, kämen wir aber kaum noch dazu.“

Hinzu komme die psychologische Belastung: „Wenn man weiß, dass auf der Intensivstation jeder dritte Corona-Patient stirbt, belastet uns das natürlich“, sagt Kluge. Insofern würde er die Stimmung so auf den Punkt bringen: „Wir sind besorgt, aber nicht in Panik.“

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 707 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 116.849), 223 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 66), 1898 Todesfälle (+1). Sieben-Tage-Wert: 238,5 (Stand: Freitag)
  • Schleswig-Holstein: 660 neue Corona-Fälle (99.500), 184 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 54). 1807 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 148,3; Hospitalisierungsinzidenz: 3,26 (Stand: Freitag).
  • Niedersachsen: 3282 neue Corona-Fälle (384.997), 229 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung in Krankenhäusern, 6412 Todesfälle (+23). Sieben-Tage-Wert: 205,9; Hospitalisierungsinzidenz: 7,0 (Stand: Freitag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 1215 neue Corona-Fälle (76.524), 375 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 93), 1347 (+6) Todesfälle, Sieben-Tage-Wert: 430,0; Hospitalisierungsinzidenz: 9,0 (Stand: Freitag).
  • Bremen: 246 neue Corona-Fälle (40.554), 80 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 30), 548 Todesfälle (+1). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 193,8; Bremerhaven: 243,9; Hospitalisierungsinzidenz Bremen: 3,88, Bremerhaven: 5,28 (Stand: Freitag; Bremen gibt die Inzidenzwerte getrennt nach beiden Städten an).

Bekanntermaßen gehören der Chef der UKE-Intensivmedizin und andere Wissenschaftler wie seine Kollegin Professorin Marylyn Addo zu den Experten, die auch Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und der Senat regelmäßig um Rat fragen. Erst vor Kurzem fand so ein Austausch statt. Auf die Frage nach seiner Haltung sagte Kluge: „Man muss jetzt einen guten Mittelweg finden. Die Dinge, die uns nicht wehtun, wie Maske tragen, Abstand halten und viel testen – die sollten wir beibehalten. Zudem müssen kreative Lösungen gefunden werden, um noch mehr Menschen von der Impfung zu überzeugen.“

Corona-Lage nicht mehr ausschließlich anhand der Inzidenz bewerten

Wie berichtet, setzt sich Kluge dafür ein, dass die Corona-Lage nicht mehr ausschließlich anhand der Inzidenz, also der Infektionszahlen, bewertet werden sollte. Die Auslastung der Krankenhäuser mit einfließen zu lassen, hält er für eine gute Idee: „Absolut“, sagte Kluge. Die Inzidenz, und hier vor allem die Verteilung auf die einzelnen Altersgruppen, bleibe zwar wichtig. Aber sie könne nicht mehr allein ausschlaggebend sein.

„Ich finde die Berliner Corona-Ampel sinnvoll, die außer der Sieben-Tage-Inzidenz noch die Belastung der Intensivstationen mit Corona-Patienten – gemessen an der Zahl der Intensivbetten insgesamt – und die Dynamik des Infektionsgeschehens einbezieht“, sagte Kluge. Komplizierter sollte es aus seiner Sicht nicht werden: „Diese drei Faktoren reichen, das ist einfach und nachvollziehbar.“

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