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Corona beschert Hamburger Nudisten neue Vereinsmitglieder

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Edgar S. Hasse
Gerd Grambow im FKK-Bad Volksdorf.

Gerd Grambow im FKK-Bad Volksdorf.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Auf ein Wort an einem besonderen Ort: Das Abendblatt traf Gerd Grambow, den 2. Vorsitzenden des Hamburger FKK-Bundes.

Hamburg. Gerd Grambow (65) mag es, nackt draußen zu sein – im Sommerbad Volksdorf. Er ist zweiter Vorsitzender des Hamburger Bundes für Freikörperkultur und Familiensport. Der Verein mit seinen fast 800 Mitgliedern betreibt seit Jahrzehnten dieses beliebte Freibad.

Hamburger Abendblatt: Herr Grambow, auf ein Wort an diesem besonderen Ort. Wir stehen mitten im FKK-Bad Volksdorf, vor dem acht Hektar großen Badesee. Wie oft waren Sie in diesem Jahr hier schon nackt baden?

Gerd Grambow: Dieses Jahr war es wenig, vielleicht fünf-, sechsmal. Ich hatte mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Vorstand viel mit der Wiedereröffnung des Bades nach der Corona-Zwangspause zu tun.

Können Sie sich noch an jenen Tag erinnern, als Sie dieses FKK-Freibad zum ersten Mal besucht haben?

Grambow: Das war 1982. Damals war das Bad nur für Mitglieder geöffnet. Der Geländewart hatte uns animiert, die ersten Stunden Gemeinschaftsarbeit zu leisten, und sagte: Wenn ihr Mitglied werden wollt, dann könnt ihr hier schon mal mit anpacken.

In den 80er- und 90er-Jahren war Freikörperkultur viel mehr verbreitet und akzeptiert als heute.

Grambow: Auf jeden Fall. Heute sind auf unserem Gelände rund 70 Prozent der Gäste bekleidet. Und nur noch 30 Prozent nackt.

Wir stehen gerade vor dem Strand, dort tummeln sich die bekleideten Gäste, drüben auf der Wiese die Nudisten.

Grambow: Ja, am Strand sind viele Familien mit Kindern. Die Leute haben offenbar Angst, ihre Nachbarn hier zu treffen, und kommen lieber in Badesachen.

Warum hat sich das alles so verändert?

Grambow: Ich denke mal, das liegt an der Unsicherheit der Leute. Sie wollen sich nicht noch mehr nackig machen wie im Internet. Sie bleiben deshalb angezogen, um ihre eigene Privatsphäre zu schützen.

Hat das was mit Scham zu tun?

Grambow: Eher weniger. Ich glaube, die Leute haben Angst, dass sie von anderen nach ihrem Äußeren beurteilt werden.

Wir gehen gerade an einem Verbotsschild für das Fotografien vorbei. Die Gäste haben bestimmt auch Sorge, dass sie irgendjemand fotografiert.

Grambow: Wir als Verein machen regelmäßig Kon­trollgänge und achten darauf, dass das nicht passiert. Die Gäste halten sich daran. Vor einigen Jahren hatten wir aber den Fall, dass vor der Saison auf einem Baum so eine Art Starenkasten mit Kamera aufgehängt wurde. Wir haben den Kasten abgebaut. Der Täter konnte aber nicht gestellt werden. Wir haben die Verpflichtung den Gästen gegenüber, dass sie sich bei uns frei bewegen können. Das sind Sinn und Zweck des FKK.

Nicht weit vom Strand befindet sich ein Bowlingplatz. Welche Sportarten kann man hier nackt treiben?

Grambow: Zum Beispiel Ringtennis, Basketball, Beachvolleyball.

Wie viele Tage verbringen Sie nackt hier?

Grambow: Sobald die Sonne scheint und mindestens­ 20 Grad sind.

Was ist daran so gut?

Grambow: Mir gibt es ein Gefühl von mehr Freiheit. Man hat nicht den Zwang, etwas anzuziehen. Und schon gar nicht Qual der Wahl bei der richtigen Kleidung.

Das heißt, Sie haben gar nicht so viel Sommerklamotten?

Grambow: Ich komme mit sehr wenig aus. Ich bin allerdings Schönwetternudist. Wenn es kalt ist, ziehe ich mich auch an. Ich habe zwar als zweiter Vorsitzender eine Vorbildfunktion. Wenn ich mich aber anziehen will, dann ziehe ich mich an. Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden.

Finden die Vereinssitzungen nackt statt?

Grambow: Nein. Ende März ist dafür noch zu kalt.

Achten Nudisten stärker auf ihre Körper als andere Menschen?

Grambow: Das ist der Vorteil bei den Nudisten, dass man das nicht auf den Körper beschränkt. Man ist so zufrieden, wie man ist. Den kann man dann auch so zeigen, wie er ist. Das ist eine Art von Selbstbewusstsein.

Haben Sie überhaupt eine Badehose?

Grambow: Für den Urlaub, ja. Das ist aber ärgerlich, die nasse Badebekleidung und das Umziehen. Dann wird alles voller Sand. Das ist manchmal ein Eiertanz.

Fahren Sie bevorzugt an FKK-Strände?

Grambow: Eher weniger. Das liegt daran, dass die meisten FKK-Strände inzwischen hinter dem Hundestrand anfangen. Dort gibt es auch keine gastronomischen Angebote mehr. Das hat sich alles sehr geändert. Früher, in der DDR, war es gang und gäbe, dass man nackt badet.

Ist FKK nicht auch eine Generationsfrage? Die Älteren praktizieren das noch, die Jüngeren nicht.

Grambow: Das kann sein. Aber wir haben in unserem Verein auch junge Mitglieder, und wir haben junge Gäste. Es liegt an der Einstellung, wie zufrieden man mit sich ist, welches Selbstbewusstsein man hat.

Was machen Nudisten im Winter?

Grambow: Wir gehen dann in die vereinseigene Sauna. Und danach springen einige ins Wasser. Manche hacken sich sogar bei strengem Frost ein Loch ins Eis. Es werden auch Geburtstagstage auf dem Vereinsgelände gefeiert.

HA. Also ein reges Vereinsleben wie in einem Kleingartenverein.

Grambow: Das würde ich nicht sagen. Bei uns geht alles freier zu. Bedingt durch Corona haben wir leichte Mitgliederzuwächse. Wir sind also sehr zufrieden mit der Mitgliederentwicklung.

Die meisten sind über 50, 60 Jahre alt?

Grambow: Wir sind durch die jüngeren Mitglieder im Durchschnitt unter 50 Jahre alt.

Ist Nacktsein gesund?

Grambow: Allgemein ist es gesund, in der Natur zu sein. Die Aufnahme von Vitamin D wird erhöht. Ich bin aber kein Arzt, der dazu mehr sagen könnte.

Sitzen Sie auch nackt am Schreibtisch im Vereinsbüro?

Grambow: Ja, wenn die Temperaturen danach sind.

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