Corona Hamburg

Impfaktion im Millerntor-Stadion lockt sogar Skeptiker an

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Der Andrang war riesengroß: Zur Impfaktion im Millerntorstadion am Sonntag kamen rund 700 Menschen. Sie mussten teilweise mehr als zwei Stunden warten.

Der Andrang war riesengroß: Zur Impfaktion im Millerntorstadion am Sonntag kamen rund 700 Menschen. Sie mussten teilweise mehr als zwei Stunden warten.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Rund 700 Menschen ließen sich im Stadion des FC St. Pauli impfen. Bald starten Auffrischungs-Immunisierungen in Hamburg.

Hamburg.  Ist es Einsicht? Bequemlichkeit? Oder wirken die von der Politik unmissverständlich angekündigten Einschränkungen für Ungeimpfte? Die dezentralen Impfangebote in Hamburg, anfangs nur zögerlich angenommen, erfreuen sich jedenfalls inzwischen meist großer Beliebtheit. „Unter den Angeboten, die die Stadt macht, nehmen die mobilen Angebote in den vergangenen Wochen eine zunehmend wichtige Rolle ein“, sagte Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde, am Sonntag. Um die tausend Impfungen würden derzeit täglich dezentral durchgeführt.

Auch am Millerntorstadion auf St. Pauli herrschte am Sonntag großer Andrang: Die Schlange der Impfwilligen, die von 11 bis 18 Uhr an der Aktion teilnehmen konnten, war mehrere Hundert Meter lang und reichte zeitweise vom Zugang zur Haupttribüne bis zur Rindermarkthalle. Rund 700 Menschen hätten sich dort mit den Impfstoffen von Biontech und Johnson & Johnson immunisieren lassen, sagte Helfrich. „Das war eine sehr, sehr gelungene Aktion.“ Weitere Impfwillige, die bis 18 Uhr nicht mehr dran gekommen wären, seien weitergezogen in das nur wenige Minuten entfernte Impfzentrum in den Messehallen.

Auch Impfskeptiker kommen zum Millerntor

Der Plan, Impfskeptiker zu überzeugen, scheint aufgegangen zu sein. Christina Sulek aus Horn zum Beispiel war mit ihrem Bruder Sven zum Impfen gekommen. Die 53-Jährige gehörte bis gestern zu den Menschen, die eine Coronaschutzimpfung kritisch sahen und immer noch sehen. „Man wird ja erpresst“, sagte auch ihr Bruder. Aber die Geschwister hat die Aussicht auf einen Stadionbesuch und auf ein normaleres Leben mit der Schutzimpfung eben doch umgestimmt. „Diese Location hat mich überzeugt“, so Sven Sulek, der als Kraftfahrer arbeitet. „Hier im Stadion fühle ich mich zuhause.“

Seine Schwester, eigentlich Impfskeptikerin, war gerade mit Kolleginnen aus der Großküche, in der sie arbeitet, in Quarantäne, weil eine von ihnen positiv auf Corona getestet worden war. Weil sie das nicht noch einmal erleben möchte, hat sie ihre Haltung geändert. „Ich habe keine Lust auf Quarantäne und diese Umstände. Das mit dem Impfen im Stadion hat mir den letzen Kick gegeben, mich doch impfen zu lassen.“

HSV-Fans lassen sich im Stadion des FC St. Pauli impfen

Auch HSV-Fans waren unter den Impflingen am Millerntor. Wie Klaus Woller (45) aus Mümmelmannsberg mit seinen Söhnen Dean (21) und Jaime (17). Die jungen Männer waren bislang lediglich zu bequem, um sich gegen Corona impfen zu lassen. „Heute haben wir einen Fahrdienst, mein Vater fährt uns, das ist angenehm“, sagt Jaime, der die 12. Stufe einer Stadtteilschule besucht. Er hofft vor allem auf Erleichterungen und mehr Freiheiten durch die Schutzimpfung. „Ich möchte mein altes Leben zurück“, so Jaime. Dafür nahm er gern zwei Stunden Wartezeit in Kauf. Für die viertelstündige Beobachtungsphase nach der Impfung konnten die Impflinge auf der Tribüne Platz nehmen und den Blick ins Stadion genießen. Das allerdings interessiere ihn nicht besonders, sagt Jaime – wohl Nachwehen der 2:3-Pleite des HSV zwei Tage zuvor an gleicher Stelle.

Derartige große Impf-Events dürfte es künftig noch einige geben. Denn spätestens wenn das Impfzentrum in den Messehallen Ende August schließt, wird das Impfen komplett auf die Arztpraxen, Betriebsärzte und eben diese mobilen Angebote verlagert. Derzeit würden die staatlichen Impfangebote, also diejenigen in den Messehallen sowie die mobilen zusammen etwa die Hälfte der gesamten Impfkampagne abdecken, so Sozialbehördensprecher Helfrich. Die andere Hälfte werde durch niedergelassene Ärzte und betriebsmedizinische Angebote geleistet. Im Impfzentrum werden nur noch Zweitimpfungen (mit Termin) durchgeführt sowie Komplettimpfungen (ohne Termin) mit Johnson & Johnson, bei denen nur ein Piks notwendig ist.

Schwankungen bei Impf-Zahlen

In den vergangenen Tagen schwankte die Zahl der Impfungen bei den mobilen Angeboten in Kirchengemeinden, Jugendtreffs und Bürgerhäusern zwar stark. So entfielen am Sonnabend des vorigen Wochenendes nur 404 von 15.236 Impfungen auf diese dezentralen Einrichtungen, so Helfrich. Am Sonntag waren es dann bereits 500 und am Montag schon 1062. Diese Schwankungen seien auch darauf zurückzuführen, dass die Zahl und die Art der Angebote täglich wechselten.

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Das zeigte sich im weiteren Wochenverlauf: Am Donnerstag wurden 820 von insgesamt 13.936 Impfungen dezentral durchgeführt, am Freitag schon 1187 von 13.936, am Sonnabend aber nur noch 589 von 18.626. Am Sonntag dürfte der Andrang am Millerntor die Quote dann wieder deutlich in die Höhe getrieben haben – endgültige Zahlen lagen gestern Abend noch nicht vor.

Ab September sollen Auffrischungs-Impfungen starten

Unterdessen bereitet die Stadt bereits den Start für die Auffrischungsimpfungen vor. So ein dritter Piks (bei Erstimpfung mit Johnson & Johnson: ein zweiter) sei zwar nach derzeitigem Stand nur für sehr alte und vorerkrankte Menschen erforderlich und angezeigt, so Helfrich. Dennoch seien die Planungen darauf ausgerichtet, im September damit in Pflegeeinrichtungen zu beginnen. „Sukzessive, in der Reihenfolge der ursprünglich durchgeführten Impfungen, werden wir erneut mit mobilen Teams alle Einrichtungen aufsuchen“, so der Sprecher der Sozialbehörde.

Wie wichtig der Impffortschritt ist, zeigt ein Blick auf die stetig steigenden Infektionszahlen in Hamburg. Am Sonntag wurden 182 Corona-Fälle bestätigt, 29 mehr als am Sonntag zuvor. Die Inzidenz, die die Zahl der Infektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen angibt, stieg von 83,6 auf 85,1. Vor einer Woche lag sie noch bei 56,5. Beides war jeweils der höchste Wert aller Bundesländer.

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