Hamburger Dom

Letzte Fahrt mit dem "Skylab"-Karussell in den Tod

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Matthias Schmoock
Besucher auf dem Hamburger Dom heute.

Besucher auf dem Hamburger Dom heute.

Foto: Thorsten Ahlf / THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Vor 40 Jahren schockierte das „Skylab“-Unglück die Öffentlichkeit. Sieben Menschen starben, als Karussell und Kran kollidierten.

Hamburg. Menschliches Versagen, unglückliche Verkettung von Ereignissen. Das sind Formulierungen, die so ziemlich jeder kennt, aber mit denen längst nicht alle etwas anfangen können.

Vor 40 Jahren, am Morgen des 15. August 1981, wird ihre Bedeutung auf besonders tragische Weise überdeutlich. Damals ereignet sich auf dem Hamburger Dom ein grauenhaftes Unglück, das bundesweit Schlagzeilen macht und an das sich auch heute noch viele Hamburgerinnen und Hamburger erinnern. Es ist mit einem einzigen Namen verbunden: „Skylab“.

Viele Gäste vor 40 Jahren auf dem Hamburger Dom

Der 14. August 1981, ein Freitag, ist ein milder Sommerabend. Der Dom ist gut besucht, die angenehmen Temperaturen sorgen dafür, dass viele Gäste auch spät noch unterwegs sind. Etliche Buden und Fahrgeschäfte schließen um Mitternacht oder kurz danach, bei einigen anderen warten die Betreiber noch auf letzte Nachtschwärmer. So auch beim Karussell „Skylab“, an dem ein Schild „Abenteuer, Action und Tempo“ verspricht. Ein Ticket kostet 2,50 Mark.

In den frühen Morgenstunden des 15. Augusts überschneiden sich die Ereignisse dann auf fatale Weise. Während sich am „Skylab“ noch eine größere Gruppe für eine Fahrt einfindet, laufen an der benachbarten Loopingbahn „Katapult“ Reparaturarbeiten. Später kann der Hergang des Unglücks genau rekonstruiert werden. Offenbar hatte es schon am Abend Probleme mit der Looping-Mechanik gegeben, sodass Norbert Witte, der Betreiber des „Katapult“, und ein Mitarbeiter ein defektes Getriebeteil austauschen müssen.

Karussell-Fahrt in den Tod auf dem Hamburger Dom

Fatal: Witte geht davon aus, dass der Betrieb nebenan bereits eingestellt ist, und kann offenbar nicht erkennen, dass „Skylab“ noch einmal zu einer letzten Runde ansetzen soll. Es wird eine Fahrt in den Tod.

Denn Witte und sein Helfer haben ein schweres Motorteil freigelegt und dann mit einem Autokran herausgehoben. Unmittelbar danach geht der Schausteller, so wird er später berichten, zu einer Telefonzelle, um einen Lastwagen zu ordern, der das defekte Teil abtransportieren soll. Das „Skylab“ steht zu diesem Zeitpunkt noch still. Was Witte in der Dunkelheit übersehen hat: Der Ausleger des Krans ragt tragischerweise genau in die Kreisbahn der Gondeln des Fahrgeschäfts nebenan.

Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als Betreiberin Hilde T. „Skylab“ um 0.55 Uhr des 15. August erneut startet. Das noch waagerecht liegende Rad mit den angehängten Gondeln richtet sich auf, das Tempo wird gesteigert. 28 Menschen sind an Bord, für rund doppelt so viele wäre Platz gewesen. Als das Karussell eine Stellung von rund 80 Grad erreicht hat, steigen die ersten Gondeln auf 15 Meter Höhe. Innerhalb von Sekunden kommt es dann zur Kollision mit dem Kran, der einige der Gondeln nacheinander wie Konservendosen aufschlitzt. Passanten werden von umherfliegenden Glas- und Metallteilen getroffen, alles geht blitzschnell. Der enorme Druck reißt die Schutzgitter von mehreren Gondeln raus, die Fahrgäste werden durch die Luft geschleudert und prallen auf den Betonboden. Zwei Männern gelingt es im letzten Augenblick, aus dem Karussell abzuspringen, und sie bleiben wie durch ein Wunder unverletzt.

Zwar drückt Hilde T. den Nothalt, aber es ist zu spät. Zeugen berichten später, dass es für einen Augenblick vor Ort ganz still ist, dann setzen Schmerzensschreie ein, entsetzte Passanten rufen um Hilfe. Binnen Minuten sind Rettungskräfte vor Ort und versorgen die 15 zum Teil schwer Verletzten. Für sechs Menschen gibt es keine Rettung mehr. Als Norbert Witte sieht, was er angerichtet hat, bricht der Schausteller mit einem Schock zusammen und muss ins Krankenhaus gebracht werden. Ob Witte nur simuliert und sich selbst zum Opfer stilisiert, wie manche später meinen, ist unklar, aber angesichts der Dimension dieser Tragödie eher unwahrscheinlich.

Unfall auf dem Dom Hamburg: Erschütternde Bilanz

In den nächsten Tagen präsentieren Zeitungen und auch das Fernsehen grauenhafte Bilder aus der Nacht: Auf einem freien Platz neben einigen Buden und Fahrgeschäften liegen mit weißen Tüchern zugedeckte Tote, dazwischen Kleidungsstücke und Gegenstände. Sogar in den Hauptnachrichten um 20 Uhr wird landesweit berichtet. Die erschütternde Bilanz: Fünf junge Frauen und ein junger Mann sind sofort tot, ein weiterer stirbt zwei Tage später im Krankenhaus. Sie waren unter anderem aus Hamburg, Kiel und dem Raum Stuttgart zum Dom gekommen und wurden nur zwischen 18 und 25 Jahre alt.

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Der damalige Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) besucht die Verletzten im Krankenhaus und spricht den Hinterbliebenen sein Beileid aus. Am Sonnabend bleibt der Dom geschlossen, aber Hunderte Schaulustige drängen sich hinter den Absperrungen. Schon am Sonntag geht es weiter im Programm – allerdings ohne untermalende Musik. Am Montag scheint dann wieder alles wie immer, aber der Eindruck täuscht. Wie das Abendblatt schreibt, kommen statt der erwarteten 75.000 nur 25.000 Besucher zum Dom. Den Menschen ist die Freude am Rummel fürs Erste vergangen.

Hamburger Dom: Verantwortlicher Schausteller geriet auf schiefe Bahn

Die Staatsanwaltschaft ermittelt mit Unterstützung der zuständigen Behörden, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Das wenig überraschende Ergebnis lautet: Es war menschliches Versagen.

Norbert Witte wird wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Unbekannte beschädigen das in einer Halle lagernde „Katapult“, Ermittler vermuten einen Racheakt. Jahre später gerät Witte, der in Schausteller-Kreisen einen schillernden Ruf hat, auf die schiefe Bahn, wird kriminell und landet wegen Drogenschmuggels im Gefängnis. Das chaotische Leben des fünffachen Vaters wird in Medienberichten ausgewalzt und 2009 in dem Dokumentarfilm „Achterbahn“ verarbeitet. Ob es die Tragödie vom Hamburger Dom war, die ihn letztlich aus der Bahn warf, muss Spekulation bleiben.

Auch in den Jahren danach gibt es bei Volksfesten und vergleichbaren Veranstaltungen immer wieder Unfälle mit Fahrgeschäften, darunter auch einige dramatische. Doch die „Skylab“-Kata­strophe von 1981 ist bis heute das schwerste Kirmes-Unglück in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

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