Porträt

Sabrina Ascacibar – im Tanzschritt durch die Welt

| Lesedauer: 9 Minuten
Jens Meyer-Odewald
Sabrina Ascacibar in ihrer Wohnung in einem Blankeneser Kapitänshaus

Sabrina Ascacibar in ihrer Wohnung in einem Blankeneser Kapitänshaus

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Die 57-Jährige ist ein künstlerisches Multitalent – und eine Frau, die wegen ihres steten Fernwehs mehr als ein Zuhause hat.

Hamburg. Es ist ein Kunststück, den Anker zu werfen und gleichzeitig losfahren zu wollen. Dieser Spagat zwischen Heimatverbundenheit und Fernweh sorgt im Leben von Sabrina Ascacibar für Spannung. So und so. Das Pendeln zwischen verschiedenen Welten, nicht nur geografisch, lässt die kraftvolle Frau selten zur Ruhe kommen. Vom aktuellen Heimathafen Blankenese aus steuert sie regelmäßig neue Ziele an – auch künstlerisch. „Ich habe keine eindeutigen Wurzeln“, sagt sie selbst. „Ich bin froh, wenn ich zu Hause am Elbufer ankomme.“ Trotzdem ziehe es sie „immer wieder von hier weg.“

Auch wenn ihr 21 Jahre alter Sohn das Haus verließ und in Weimar Philosophie studiert, blieb die alleinerziehende Mutter ihrer Wohnung am Fluss treu. Kein Wunder, bei dem Blick. Und bei so viel Charakter. Erbaut wurde das Kapitänshaus am Mühlenberg vor rund 150 Jahren. Parterre lebt ihre Tante, von Haus aus Pianistin und Cembalistin, unter dem Dach ein professioneller Pianospieler. In der Etage dazwischen schuf sich Frau Ascacibar ihr Refugium: unkonventionell, kreativ, nach ihrem ureigenen Gusto. Sollte eine Wohnung Spiegelbild der Seele sein, muss das Innenleben dieser Künstlerin aufregend ausfallen.

Sabrina Ascacibar: Eine turbulente, abwechslungsreiche Lebensgeschichte

Neben ihren Muttersprachen Spanisch und Deutsch beherrscht sie Englisch, Französisch und Portugiesisch. Langzeitaufenthalte gab es in allen möglichen Ländern, zuletzt in Argentinien, Brasilien, Spanien, Chile. Im Moment hat sich das Fernweh ein bisschen gelegt. Muße für den Ankerplatz Hamburg. Der große Garten zwischen Haus und Elbstrand ist gerade deswegen besonders reizvoll, weil er nicht penibel gepflegt ist. Es wuchert wunderbar. Immer wieder kommt die Sturmflut. Folglich wird der Natur Freiraum gelassen. Auch der Natur. Unter einem uralten, knorrigen Baum lassen wir uns nieder. Sitzbänke und Tisch sind in die Jahre gekommen. Dafür haben sie Stil. Alles irgendwie stimmig. Ebenso wie eine turbulente, abwechslungsreiche Lebensgeschichte. Sie passt prima zu einer weltoffenen, lebendigen Stadt wie Hamburg.

Für die 57-jährige Sängerin und Schauspielerin, die parallel tanzt, textet und Hörbücher für Kinder produziert, war es ein weiter Weg bis ans Tor der Welt. Startpunkt dieser Reise war die Millionenstadt Dakar im Westen Afrikas. Als Tochter einer deutsch-südafrikanischen Mutter und eines argentinischen Vaters mit baskischer Abstammung kam Sabrina in Senegals Metropole 1964 zur Welt. Die Eltern lernten sich beim Baden am Atlantikstrand kennen. Sie arbeitete vor Ort für die Lufthansa, er für die Fluggesellschaft Aerolineas Argentinas. 1967 zog die Familie nach Buenos Aires.

2002 kam die Künstlerin nach Hamburg

Im Anschluss an die Schulzeit in der argentinischen Hauptstadt eilte Sabrina Ascacibar im Sauseschritt weiter durch die Welt. In New York studierte sie am Herbert Berghof Studio Schauspiel und Tanz. Sie galt und gilt als Multitalent. Konzentration auf einen Schwerpunkt fällt ihr nicht leicht. Frau Ascacibar liebt Facetten und Zwischentöne des Lebens. 1987 zog sie nach Deutschland. In München folgten ein paar Semester Politik- und Theaterwissenschaften. Um die Jahrtausendwende wurde ihr Sohn Lukas in Miami geboren. In Florida wohnt einer ihrer vier jüngeren Brüder. Das Quartett ist in unterschiedlichen Ländern in kreativen Berufen aktiv.

Und wann lockte Hamburg? 2002 war das. Just war sie im Begriff, gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn von Berlin in die USA zu ziehen, als ihr der Regisseur Franz Wittenbrink ein Engagement an den Hamburger Kammerspielen anbot. Das Thema des Stücks „Les Adieux“ („Die Abschiede“) stand (und ging) ihr nahe. Daraus wurde mehr. „Mir gefällt Hamburg“, sagte sie sich und wählte die Hansestadt bewusst als Basis für Kindheit und Schulzeit ihres Sohnes. Das Kapitänshaus ihrer Tante mit einer eigenen Etage und Traumlage ergab eine günstige Wohnmöglichkeit. Anfangs als Übergangslösung geplant, wurde auch daraus erheblich mehr.

Faible für Musik aus den 1930er- bis 1960er-Jahren

Die Bastion am Elbufer nutzte Sabrina Ascacibar für vielfältige künstlerische Aktivitäten. Abwechslungsreich bediente sie die Klaviatur als Darstellerin, Sängerin, Tänzerin, Musikerin und Texterin. Besonders spannend wurde es dann, wenn sie unterschiedliche Talente ins Spiel zu bringen verstand. Die extravagante Kombination zwischen Bertolt Brecht und Tango („Brecht Tango“) drehte sich um Liebe, um Täter und Opfer. Beim Projekt „Die Rose, die ich nicht singe“ stand die Sehnsucht im Mittelpunkt. Bei Auftritten und Tonträgern „Ahoi“ drehte sich das Geschehen um weibliche und männliche Prinzipien, um Südsee, Salzwasser, tropische Inseln, Seejungfrauen Hafenkaschemmen – und um die Geheimnisse des Meeres. Fantasie beflügelte. Bei „Dolores“ ging es um wilde Geschichten, um philosophische Fragen über Lüge, Wahrheit und Tod, beim Stück „Bill Eve“ um Liebe in finanziell wackeligen Situationen.

Hier und da ließ Frau Ascacibar Facetten ihres eigenen Lebens, ihrer Sehnsüchte und Träume einfließen. Diese authentische Note kam an. Ihr Faible für Musik aus den 1930er- bis 1960er-Jahren nicht minder. Ihre originellen Themenabende auf der Bühne bewegten sich mit teilweise skurrilen Episoden und Songs zwischen Realität und Fiktion. Manchmal begleitete sie ihre Texte auf der Ukulele oder Gitarre.

Ein Familienzweig hatte norddeutsche Wurzeln

Ihre Tante, die Hausbesitzerin, und ihre für ein paar Tage aus Freiburg angereiste Mutter kommen für einen kurzen Klönschnack an der Gartenbank vorbei. Steuerbords nimmt ein Containerschiff elbaufwärts Kurs Hafen. Der Ozeanriese scheint zum Greifen nahe. Die Aussicht ist göttlich. Frau Ascacibar schenkt Kaffee nach. Mit Hafermilch. Sie favorisiert Ananassaft und Kekse.

Für einen Moment tauchen wir in die Vergangenheit der Familie ein. Der norddeutsche Zweig ihrer Ahnen hatte maritime Wurzeln. Einige waren Kapitäne mit Wohnort Blankenese oder Admirale. Ein Vorfahr war an der Entwicklung des U-Boots beteiligt. Seine Ehefrau, Sabrina Ascacibars Großmutter, schickte ihrer Enkelin Mitte der 1960er-Jahre ein Kinderbuch nach Dakar im Senegal. Der Titel „Das Hühnchen Sabinchen“. Die Oma ergänzte den Namen mit einem Buchstaben: „Sabrinchen“.

Während der Corona-Krise sprang sie in einem Kindergarten im Stadtteil ein

Dieses jahrzehntealte Märchen ist eine Geschichte für sich. Wegen des Huhns, das sich zu fein fürs Eierlegen fühlte und beim Bummel durch Wald und Flur kleine Abenteuer erlebte. Irgendwann fand Frau Ascacibar das entzückende Büchlein beim Aufräumen. „Die Autorin Marianne Speisebecher ist während der Nazizeit verschollen“, ergänzt sie. Ihre Recherchen brachten kein Ergebnis. Gemeinsam mit ihrem Freund und Kollegen Friedrich Paravicini vertonte sie den Klassiker der Kinderliteratur vergangener Zeiten mit eigenen Texten und passender Musik. So erfuhr es auch Speisebechers weiterem Werk „Schnatts abenteuerliche Reise“. Die digitale Version dieser Hörbücher erscheint am 26. August. Für die CDs wird noch ein Vertriebspartner gesucht. Kinder und Kunst und Sabrina Ascacibar harmonieren.

Parallel zu ihren Bühnenauftritten engagierte sich die Frau mit deutscher sowie argentinischer Staatsbürgerschaft als Lehrkraft für Theater und Musik am Marion-Dönhoff-Gymnasium in Blankenese. Und als die künstlerischen Jobangebote ob der Corona-Krise abnahmen, sprang sie in einem Kindergarten im Stadtteil ein. „Auch das bringt Erfüllung“, sagt Sabrina Ascacibari. Und sie weiß: „Zeitlebens bin ich oft umgezogen und viel gereist. Ich habe es trainiert, mich schnell anzupassen an neue Umgebungen und Lebensumstände.“ Vorübergehend war Marseille zweiter Wohnsitz neben Hamburg. Vor der Pandemie entfloh sie gern dem norddeutschen Winter. Zwölf Monate verbrachte sie bei Verwandten und Freunden in Südamerika. In Bahia besuchte und pflegte sie ihren 93 Jahre alten Vater. In Buenos Aires half sie bei der Renovierung einer familieneigenen Wohnung. In dieser Stadt absolvierte ihr Sohn derweil ein mehrmonatiges Praktikum.

Das Fernweh trieb Sabrina Ascacibar nach Nordspanien

Und als im Frühsommer dieses Jahres das Fernweh erneut nicht lockerließ, reiste die ebenso lebensfrohe wie nachdenkliche Frau nach Frankreich und Spanien. Im nordspanischen Dorf Clavijo in der Provinz La Rioja besitzt sie mit ihren Brüdern ein uraltes Haus. Auch dieses Gebäude musste dringend renoviert werden. Sabrina Ascacibar hat Spaß an solchen Arbeiten. Wenn aus Altem etwas Neues entsteht. Der Dorfplatz trägt nach wie vor den Namen ihres Großvaters: Hipolito Ascacibar. Der Familie gehören Teile des Berges Monte Laturce, des Wahrzeichens von La Rioja. Eines ihrer vielen Zukunftsprojekte soll sich dem Wein widmen.

Ihre Wurzeln, ihre Vergangenheit und ihre Aktivitäten führten jüngst zu der Frage, ob sie nicht Bürgermeisterin von Clavijo werden wolle. „Eine Überlegung ist es wert“, entgegnet Sabrina Ascacibar an diesem Morgen am Elbufer. Andererseits sei Hamburg aktuell der Heimathafen ihres Herzens. Hier wolle sie weiterhin vor Anker bleiben. Bis sie irgendwann wieder keimt, diese Sehnsucht nach der Fremde. Nach Abenteuern. Nach dem besonderen Leben.

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