Dem Tod auf der Spur

Das Oktoberfest, ein Messerstich und dramatische Folgen

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Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel und Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher lassen spektakuläre Hamburger Kriminalfälle Revue passieren.

Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel und Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher lassen spektakuläre Hamburger Kriminalfälle Revue passieren.

Foto: HA

Die Partnerin eines Hamburger Millionärs verletzte einen Lkw-Fahrer schwer. Sie sprach von Notwehr, der Staatsanwalt sah das anders.

Hamburg. O’zapft is! Auf eine friedliche Wiesn! Friedlich! Das darf man hoffen auf dem Oktoberfest, diesem größten Volksfest der Welt mit seiner mehr als 200 Jahre alten Tradition. Doch friedlich geht es leider nicht immer zu auf dieser Riesen-Party in München. Tatsächlich kann sich die Stimmung schnell in Aggressivität ändern, auch wenn Menschen eigentlich nur feiern wollen.

Oktoberfest 2015: Dreifache Mutter zückt ein Messer und sticht zu

Für die dreifache Mutter Michaela S. (Name geändert) markiert das Oktoberfest im Jahr 2015 sogar einen dramatischen Scheidepunkt in ihrem Leben. Denn die 34-Jährige, damals Lebensgefährtin eines Hamburger Multimillionärs, hat im legendären Käfer-Zeit ein Springmesser gezückt und damit jemanden schwer verletzt. Die Hamburgerin sagt, es sei Notwehr gewesen. Und sie sagt auch, sie wünschte, sie könne die Tat ungeschehen machen. Doch das hilft ihr nichts. Sie kommt monatelang in Untersuchungshaft. Später in der Anklage heißt es, es sei versuchter Mord.

Immerhin hat der Stich die Milz des Opfers getroffen, sodass eine Notoperation durchgeführt und das Organ entfernt werden musste. „Zwischen Leben und Tod liegen oft nur wenige Sekunden und wenige Millimeter“, sagt Rechtsmediziner Klaus Püschel im Abendblatt-Crime-Podcast „Dem Tod auf der Spur“ mit Gerichtsreporterin Bettina Mittel­acher. „Manchmal reicht sogar ein Bruchteil eines Millimeters aus, den ein Schuss oder ein Stich haarscharf an einem lebenswichtigen Organ oder einer Schlagader vorbeigeführt oder mit dem sie getroffen wird.“

Angeklagte: In "totaler Panik" nach Messer in der Handtasche gegriffen

Es ist der erste Tag des Oktoberfests, der 19. September 2015. Mit dabei ist eine erlauchte Runde im legendären Käfer-Zelt. Der Verlobte von Michaela S., der Hamburger Multimillionär, hat zu dieser Sause eingeladen. Prominente Gäste sind eingeladen, darunter der frühere Nationaltorhüter Jens Lehmann und Ex-Fußballnationalspieler Patrick Owomoyela. Doch dann kommt es zum Streit. Owomoyela, Hamburger mit afrikanischen Wurzeln, wird verbal angefeindet. Die Äußerungen gipfeln in rassistischen Äußerungen eines Lkw-Fahrers.

Die Angeklagte selbst erzählt, dass der Lkw-Fahrer auch sie obszön beleidigt habe. Sie habe gedacht: „Der bringt mich um“, als er sie schließlich derbe an der Schulter gepackt und geschrien habe: „Jetzt bist du dran, Schlampe, jetzt bist du fällig.“ Sie habe versucht, sich dem Griff zu entwinden. „Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte. Ich hatte nur noch Angst!“ Sie habe die „totale Panik bekommen“ und ihr Messer gegriffen, das sie zufällig in ihrer Handtasche bei sich trug.

Zeuge entlastet die Angeklagte – aber er hat gelogen

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat sich die 34-Jährige eines versuchten Tötungsdelikts schuldig gemacht, weil ihr Messerstich die Milz des Opfers schwer verletzte. „Meine Interpretation hierzu war ganz anders“, erklärt Rechtsmediziner Püschel. „Wenn man den Ausklappmechanismus des Messers mittels Knopfdruck betätigt, springt die Klinge sofort heraus. Es ist dann keinerlei Ausholbewegung erforderlich, um die beim Zeugen festgestellte Stichverletzung hervorzurufen. Es genügt eine kurze Stichbewegung, sozusagen aus dem Handgelenk, um die Haut zu perforieren. Wir haben Experimente vorgenommen, um das zu rekonstruieren.“

Zudem geht es im Prozess darum, ob das Opfer psychedelische Pilze konsumiert hatte, sogenannte „Magic Mush­rooms“. „Sie haben eine berauschende, halluzinogene Wirkung“, so Püschel. „Als Folgen werden unter anderem verdrehte Rauschwirkung und eine Realitätsverkennung beschrieben. Die Schilderung von Zeugen, laut derer der Lkw-Fahrer ,irr‘ gewirkt habe, sind auffällige Beobachtungen, die mit der Wirkung der Pilze sehr wohl in Einklang zu bringen sind.“ Und dann taucht im Prozess überraschend ein Zeuge auf, der die Angeklagte entlastet, indem er einen massiven Angriff des späteren Geschädigten schildert. Allerdings wird der Zeuge wenig später verhaftet. Der Verdacht: Er hat gelogen, womöglich für Geld. Was sich später bestätigt.

Messerstich: Angeklagte muss viereinhalb Jahre in Haft

Deshalb müssen der falsche Zeuge, der Hamburger Multimillionär und zwei weitere Männer später Geldstrafen bezahlen. Die Angeklagte hat indes offenbar mit diesem Komplott um die falsche Aussage „nichts zu tun“. Sie hat glaubhaft beteuert: „Es tut mir furchtbar leid, was mein Mann gemacht hat. Ich wusste nichts davon.“ Entsetzt ist die 34-Jährige später auch über das Urteil, mit dem sie zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wird. Das Schwurgericht am Landgericht München ist überzeugt, dass sich Michaela S. wegen versuchten Totschlags in einem minderschweren Fall und gefährlicher Körperverletzung schuldig gemacht hat. Da bricht die Angeklagte in Tränen aus.

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