Impfstoff

Warum Johnson & Johnson jetzt in Hamburg so gefragt ist

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Anders als geplant, sind im zentralen Impfzentrum nun doch noch 20.000 Erstimpfungen möglich.

Anders als geplant, sind im zentralen Impfzentrum nun doch noch 20.000 Erstimpfungen möglich.

Foto: Christian Charisius / dpa

Sogar das Impfzentrum öffnet überraschend wieder für Erstimpfungen. Außerdem Verwirrung um Impfquote in der Hansestadt.

Hamburg.  Anders als bislang kommuniziert, sind im zentralen Impfzen­trum der Stadt doch noch Erstimpfungen gegen Corona möglich. Allerdings ausschließlich mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson, bei dem keine Zweitimpfung nötig ist, weil er bereits nach dem ersten Piks die volle Schutzwirkung entfaltet. Kurzentschlossene können sich noch mindestens bis zum 22. August täglich von 8 bis 20 Uhr in den Messehallen impfen lassen.

Eigentlich waren die Erstimpfungen dort am 10. August eingestellt worden. Von Mittwoch an bis zur Schließung am 31. August sollten nur noch Zweitimpfungen durchgeführt werden. Was hat den Sinneswandel bewirkt? „Bei unseren mobilen Impfangeboten gab es eine große Nachfrage nach Johnson & Johnson“, sagte Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde, dem Abendblatt. Wenn mehrere Impfstoffe zur Auswahl standen, hätten sich viele Bürger für den des US-Unternehmens entschieden, weil bei diesem keine Zweitimpfung nötig ist.

Impfzentrum Hamburg: Impfungen mit Johnson & Johnson

„Unser Lagerbestand ermöglicht es, nun im großen Umfang Impfungen mit diesem Impfstoff anzubieten“, so Helfrich. Rund 20.000 Dosen seien noch auf Lager. Ob sie nur bis zum 22. August im Impfzentrum angeboten werden oder sogar bis Ende des Monats, hänge von der Nachfrage ab.

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Aus der Kassenärztlichen Vereinigung hieß es, Johnson & Johnson für Nachzügler im Impfzentrum sorge dafür, dass man keine Zweitimpfungen brauche, die wiederum die Arztpraxen belasteten. Dort ist das Impfmanagement schwieriger geworden. Viele Praxen haben ihre Patienten durchgeimpft und sind unsicher, wie ihre Impfsprechstunden überhaupt noch angenommen werden. Überdies hätten sich Terminschummler ihre Zweitimpfungen ohne Absagen anderweitig geholt.

Johnson & Johnson für über 60-Jährige empfohlen

Der Impfstoff von Johnson & Johnson ist zwar zugelassen für Menschen über 18 Jahren. Die Ständige Impfkommission empfiehlt ihn jedoch für über 60-Jährige. Im Aufklärungsgespräch zwischen Arzt und Impfkandidat muss über die abweichende Empfehlung gesprochen werden – so läuft es auch im Impfzentrum. Im Allgemeinen spricht zumeist nichts gegen eine Verwendung für jüngere Erwachsene. Bei Aktionen in Hamburger Jobcentern und für Obdachlose wurde Johnson & Johnson eingesetzt, weil das Terminieren von Zweitimpfungen schwierig war. Auch bei Hamburger Betriebsärzten kam dieses „Einmal-Vakzin“ für Unternehmensmitarbeiter zum Einsatz.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Unterdessen ist noch offen, wie Hamburg auf die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) vom Dienstag reagieren wird. Klar ist, dass die aktuelle Corona-Verordnung leicht angepasst werden muss. So wird spätestens vom 23. August an gelten, dass zu bestimmten Einrichtungen und Veranstaltungen der Zutritt nur für Geimpfte, Genesene oder Getestete möglich ist.

Geänderte Fristen bei Corona-Tests

Das gilt zwar weitgehend jetzt schon, aber einige Fristen ändern sich: So müssen diejenigen, die weder geimpft noch genesen sind, einen negativen Antigen-Schnelltests, der nicht älter ist als 24 Stunden ist (bisher: 48 Stunden) oder einen negativen PCR-Test, der nicht älter ist als 48 Stunden (bisher: 72), vorlegen.

Nachdem der Vorstoß von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), nur den sicheren PCR-Test auf eine Stufe mit Impfung und Genesung zu stellen, auf der MPK keine Mehrheit fand, ist nach wie vor offen, ob Hamburg an dieser Stelle einen Alleingang unternimmt. „Das wird zu diskutieren sein“, sagte Senatssprecher Marcel Schweitzer dem Abendblatt am Mittwoch. „Da gibt es noch keine Festlegung.“

Hamburgs Bürgermeister legt Wert auf einheitliche Regeln

Bekannt ist, dass der Bürgermeister Wert auf möglichst einheitliche Regeln in Deutschland legt – was gegen eine „Insel-Lösung“ spricht. Auf der anderen Seite hatte Tschentscher seine Haltung im Anschluss an die MPK klar bekräftigt: Wenn es um den Zugang zu bestimmten Veranstaltungen oder die Befreiung von einer Quarantäne-Auflage gehe, reichten die vergleichsweise unsicheren Schnelltests nicht aus, so der Bürgermeister.

Bund und Länder erhöhen den Druck auf Ungeimpfte
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Für Reihentests an Schulen werde man sie dennoch weiter verwenden, da sie zumindest ein Mehr an Sicherheit böten. Auch die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) hatte zuvor gesagt, sie finde es „plausibel“, nur PCR-Tests auf eine Stufe mit Impfung oder Genesung zu stellen.

Robert-Koch-Institut: Zahl der Impfungen könnte höher liegen als gedacht

Die Zahl der Impfungen könnte nach einem Report des Robert-Koch-Institutes aber höher liegen als gedacht. Wenn die Impfquote in Zukunft mit der Inzidenz und der Belegung der Intensivstationen eine Rolle bei politischen Entscheidungen über Lockdown-Maßnahmen spielen soll, dürften die RKI-Daten noch genauer angeschaut werden. Zur „Dunkelziffer“ der bereits Geimpften trägt der Meldeprozess an das RKI bei.

Bei den Haus- und Fachärzten ist es so: In einem ersten Schritt melden sie die Zahl der Geimpften nach Erst- und Zweitimpfung an das RKI sowie den Impfstoff und das Alter der Patienten (über 60 oder darunter). Erst mit der Abrechnung fließen in diese Daten das genaue Alter, das Geschlecht und Vorerkrankungen ein, soweit sie bekannt sind. Zwei Monate nach Ende eines Quartals liegt diese Zusammenfassung aus den Praxen vor.

Sozialbehörde hält offizielle Impfquote für plausibel

In der Sozialbehörde hält man größere Abweichungen zwischen offizieller Impfquote und Realität für „eher nicht plausibel“. Das Impfzentrum und seine mobilen Teams könnten stets tagesaktuell die exakte Zahl der Geimpften angeben, so Sprecher Martin Helfrich. Bei Arztpraxen und Betriebsärzten könnte es dagegen zwar einen gewissen Meldeverzug geben. Aber im Gegenzug sei ebenso denkbar, dass in den Umfragen des RKI, die auf eine höhere Impfquote hindeuten, nicht alle Befragten korrekte Angaben gemacht haben.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 830 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 112.307), 212 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 52), 1885 Todesfälle (+3). Sieben-Tage-Wert: 252,1 (Stand: Freitag)
  • Schleswig-Holstein: 711 neue Corona-Fälle (94.393), 173 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 42). 1787 Todesfälle (+4). Sieben-Tage-Wert: 150,2; Hospitalisierungsinzidenz: 4,36 (Stand: Freitag).
  • Niedersachsen: 3415 neue Corona-Fälle (366.887), 190 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung in Krankenhäusern, 6304 Todesfälle (+11). Sieben-Tage-Wert: 201,2; Hospitalisierungsinzidenz: 6,7 (Stand: Freitag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 1195 neue Corona-Fälle (70.905), 352 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 77), 1354 (+5) Todesfälle, Sieben-Tage-Wert: 382,6; Hospitalisierungsinzidenz: 8,4 (Stand: Freitag).
  • Bremen: 366 neue Corona-Fälle (39.177), 71 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 22), 540 Todesfälle (+1). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 220,6; Bremerhaven: 237,8; Hospitalisierungsinzidenz Bremen: 6,53, Bremerhaven: 9,69 (Stand: Freitag; Bremen gibt die Inzidenz getrennt nach beiden Städten an).

Unterdessen steigen die Infektionszahlen in Hamburg weiter an: Am Mittwoch wurden 230 neue Corona-Fälle registriert, 69 mehr als eine Woche zuvor. Die Inzidenz, die die Zahl der Infektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen angibt, stieg von 69,1 auf 72,7 und hat sich somit innerhalb einer Woche verdoppelt. Hielte dieser Trend an, würde Hamburg schon im Laufe des Septembers eine Inzidenz von mehr als 1000 aufweisen. Der bisherige Höchstwert war 179,6 Heiligabend 2020.

Zahl schwerer Corona-Verläufe nimmt zu

Auch die Zahl schwerer Verläufe nimmt zu: In den Krankenhäusern werden 61 Covid-19-Patienten behandelt – fünf mehr als zuletzt gemeldet und 29 mehr als am 27. Juli. Die Klinikauslastung hat sich also binnen zwei Wochen nahezu verdoppelt. Dabei blieb die Zahl der Intensivpatienten (derzeit 18, am Vortag 19) aber die ganze Zeit stabil, und das ist aus Senatssicht der wichtigere Wert. Allerdings starben in diesen zwei Wochen 23 Hamburger infolge einer Corona-Infektion. Die Zahl der Todesfälle liegt nun bei 1630.

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