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Streik: Fast alle Fernzüge und viele S-Bahnen fallen aus

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Vor dem DB-Reisenzentrum im Hamburger Hauptbahnhof bildeten sich schon am Mittwochvormittag lange Schlangen.

Vor dem DB-Reisenzentrum im Hamburger Hauptbahnhof bildeten sich schon am Mittwochvormittag lange Schlangen.

Foto: Maybrit Nolte / HA

Bis Freitag fahren nur 75 Prozent der Fernzüge, S-Bahnen alle 20 Minuten. Sylt-Züge stark eingeschränkt. Das sagen Betroffene.

Hamburg. Am frühen Mittwochmorgen sind nach Angaben der Deutschen Bahn auch in Hamburg und Schleswig-Holstein zahlreiche Lokführer im Personenverkehr in den Streik getreten. Der Ausstand habe um 2.00 Uhr begonnen, bestätigte eine Bahnsprecherin dem Abendblatt. „Erste Auswirkungen sind bereits spürbar“, sagte sie. Ein Ersatzfahrplan sei angelaufen, dennoch werden zahlreiche Bahnen ausfallen.

"Wir haben eine sehr hohe Streikbeteiligung", sagte der GDL-Bezirksvorsitzende Nord, Hartmut Petersen dem Abendblatt, "75 Prozent der Züge fahren nicht. Die S-Bahn in Hamburg verkehrt nur noch im 20-Minuten Takt auf den drei Hauptlinien S1, S3 und S21. Die Verstärkerlinien fallen alle aus." Die GDL hat einen Organisationsgrad von 80 Prozent.

Bahn rät von Bahnfahrten ab

Ein Bahnsprecher bestätigte die Angaben Petersens. Die Verbindung Hamburg Lübeck laufe noch relativ gut, die Züge führen stündlich. Die Verbindungen Hamburg-Kiel und Hamburg-Flensburg würden aber nur "ziemlich stabil" im Zwei-Stunden-Takt fahren, die Querverbindungen in Schleswig-Holstein "laufen alle nicht", sagte der Sprecher. Der Autoladeverkehr nach Sylt funktioniere, normale Züge nach Sylt führen aber nur "vereinzelt".

Die Bahn riet den Kunden, individuell zu reisen. "Wer unbedingt fahren muss, sollte sich vorher informieren", sagte der Sprecher. Die Lage ändere sich halbstündlich. "Wir werden alles dafür tun, um die Einschränkungen für unsere Fahrgäste so gering wie möglich zu halten." Fahrscheine für die Zeit des Streiks werden auf Wunsch erstattet. Alternativ können Kunden damit bis zum 20. August flexibel reisen. Die Zugbindung von Spar- und Supersparpreisen ist während des Streiks aufgehoben.

Hamburger S-Bahnen stark betroffen

Metronom-Züge sind derzeit nicht betroffen, sagte ein Unternehmenssprecher. Da die meisten Stellwerke nicht bestreikt werden, können die nicht von der Deutschen Bahn betriebenen Züge fahren. "Aber es ist schon sehr wenig los", sagte eine Metronom-Mitarbeiterin mit Blick auf den Hamburger Hauptbahnhof. Viele Reisende nutzen offenbar andere Verkehrsmittel. Kurios: Auf der Kurzstrecke Harburg-Hamburg fährt der Metronom jetzt häufiger als sonst: Die Baustelle, die bei Vollauslastung der Strecke den Metronom stark einschränkt, wirkt sich derzeit nicht aus und Metronom kann die Gleise nutzen, die sonst die DB befährt.

Drei junge Frauen sitzen mit Rucksäcken an der Rolltreppe, die zum Gleis 7 hinunterführt. Sie waren am Diebsteich gestartet, dort hatte die S21 rund zehn Minuten Verspätung, weil die S-Bahn auf eine andere Bahn gewartet hatte. Ihren Zug Richtung Rostock haben die drei deshalb verpasst.

Streik-Auswirkungen in Hamburg: Das sagen Betroffene


Fahrgäste der Hamburger S-Bahn müssen sich wegen des Ausstands der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) auf erhebliche Behinderungen einstellen. Es ist davon auszugehen, dass auch am Donnerstag nur ein eingeschränkter Betrieb möglich ist.



Eine Familie mit Mutter, Vater und kleinem Sohn waren in Hamburg, um die Oma zu besuchen. Nun sind sie am Hauptbahnhof und wollen nach Bremerhaven. Wegen des Streiks hatten die Eltern zunächst überlegt, ein Auto zu mieten, dann jedoch erfahren, dass ihr Metronom fährt. Sie haben Verständnis für die Streikenden. Es sei der einzige Weg für die Lokführer, Aufmerksamkeit zu erlangen und ihre Ziele zu erreichen,

Ein Paar mittleren Alters sitzt im Hauptbahnhof auf einem leeren Bahnsteig. Vom Streik haben sie am Dienstag erfahren, als sie ihre Bahnverbindung prüften. Die beiden wollen heute nach Schwerin fahren. Sie haben "mehr oder weniger Verständnis" für den Streik. Es sei verständlich, dass die Bahnmitarbeiter Geld haben möchten, aber es sei trotzdem nicht fair.

Ein junges Pärchen aus Stuttgart war ein langes Wochenende in Hamburg und will jetzt nach Hause. "Als wir die Züge gebucht haben, gab es fast 30 Verbindungen zur Auswahl", sagen sie. Jetzt gebe es nur noch drei potentielle Züge, die für beide zusammen fast 300 Euro kosten und bei denen es noch nicht einmal klar sei, ob da überhaupt noch Platz für Sie sei. Sie müssen fahren: In Hamburg haben sie kein Quartier mehr.

S-Bahn in Hamburg: Streik soll bis Freitag andauern

Da der Streik bis Freitag, 2 Uhr, geplant sei, rechnet die Bahn erst gegen Mittag mit einer Normalisierung des S-Bahnverkehrs, „weil zum Beispiel Rangierfahrten in der Nacht zum Freitag nicht stattfinden können“. Vor der Corona-Pandemie zählte die S-Bahn Hamburg täglich etwa 750.000 Fahrgäste.

Deutschlands größter Autovermieter Sixt erwartet in den kommenden Tagen eine größere Nachfrage. Der einwöchige Lokführerstreik im Mai 2015 hatte Sixt eine Rekordnachfrage und eine 100prozentige Auslastung beschert. Der Autovermieter werde seine Flotte flexibel an Standorte mit erhöhter Nachfrage verschieben. Der Daimler und BMW gehörende Dienstleister Free Now vermietet Carsharing-Autos, E-Scooter und -Mopeds bis Freitag mit Rabatt. Kunden könnten einen Aktionscode in der App hinterlegen und so fünfmal von einem Zuschuss von zehn Euro profitieren, teilte das Unternehmen in Hamburg mit.

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Tarifstreit ist ein Wettbewerb zweier Gewerkschaften

Der Tarifstreit ist vor allem deshalb so heftig, weil bei der Bahn jetzt das neue „Tarifeinheitsgesetz“ angewendet werden soll. Es sieht vor, dass im Falle konkurrierender Gewerkschaften in einem Unternehmen immer nur ein Tarifvertrag gelten darf, und zwar der, den die mitgliederstärkere Gewerkschaft ausgehandelt hat. Bei der Bahn konkurrieren GDL und EVG. Letztere ist in den meisten Betrieben der Bahn die größere Gewerkschaft.

Und die EVG hat bereits einen Tarifvertrag abgeschlossen, der den Beschäftigten laut Deutschlandfunk „auf Jahre hinaus sinkende Realeinkommen“ beschert. Schließt die GDL für ihre Leute aber jetzt deutlich bessere Verträge ab, könnten sich die Mehrheitsverhältnisse schnell verschieben, woran weder EVG noch der Bahn-Vorstand ein Interesse haben.

Die EVG hatte 1,5 Prozent mehr Gehalt herausgeholt und Vereinbarungen zum Kündigungsschutz getroffen, die jedoch laut GDL-Mann Petersen "vollkommen überflüssig" seien: Im operativen Bahngeschäft gebe es zahllose Mangelberufe, die keinerlei Kündigungschutz bräuchten. Lokführer, Zugbegleiter, Wagenmeister, Fahrdienstleiter und Handwerker werden zum Teil händeringend gesucht.

Die GDL hat 3,2 Prozent mehr Gehalt und eine Corona-Einmalzahlung von 600 Euro verlangt. Die Bahn hat im Gegenzug 3,2 Prozent angeboten, will aber statt 28 lieber 40 Monate Laufzeit vereinbaren. Der Bahn-Vorstand hat damit laut GDL sein Angebot gegenüber der Offerte in der Schlichtung verschlechtert.

U-Bahnen und Busse nicht vom Streik betroffen

Nicht von dem Streik betroffen sind die U-Bahnen, Busse und die AKN-Bahn. Auch die Metronom-, Enno- und Erixx-Züge fahren den Angaben zufolge weitgehend planmäßig. Das Unternehmen Metronom wies aber darauf hin, dass es zu Einschränkungen kommen könne, „sollten sich die Mitarbeiter auf den Stellwerken der DB, den DB-Leitstellen, Bahnhöfen und anderen Einrichtungen der Infrastruktur (...) an dem Streik beteiligen“.

In Schleswig-Holstein sei der Regionalverkehr laut einer Bahnsprecherin massiv beeinträchtigt. „Wir versuchen, ein Mindestangebot aufrecht zu erhalten und bestimmte Strecken zu fahren“, sagte sie am Mittwochmorgen. Da jedoch auch Stellwerke bestreikt werden, könne es auch im Ersatzfahrplan zu Ausfällen kommen.

Sylt-Shuttle soll weiterhin fahren

Das Sylt-Shuttle ist laut der Deutschen Bahn nicht von Streikmaßnahmen betroffen, hier wird Regelfahrplan gefahren. Zwischen Westerland (Sylt) und Niebüll sollte überwiegend ein Zweistundentakt mit einer Verdichtung zu den Hauptverkehrszeiten angeboten werden, was jedoch nur eingeschränkt gelang. Der Zug um 6.31 Uhr ab Niebüll kam schon "sehr gut gefüllt aus Husum" an, sagte der Sprecher der Pendlerinitiative, Achim Bonnichsen. In Klanxbüll, dem letzten Festlandhalt, konnten noch einige Pendler zusteigen, andere sind nicht mehr mitgekommen. "Abstand halten war absolut nicht möglich im Zug", sagte Bonnichsen, der den Streik als "unverhältnismäßig" kritisierte. Sylt hat die meisten Positivfälle Kreis.

Die GDL hatte zuvor bundesweit einen Streik beim Fern-, Regional- und Nahverkehr angekündigt. Im Güterverkehr rief die GDL bereits von Dienstagabend (19 Uhr) an zum Streik auf. Am frühen Mittwochmorgen sollten dann von 2 Uhr an bundesweite Arbeitsniederlegungen im Personenverkehr und in der Bahn-Infrastruktur folgen, sagte Gewerkschaftschef Claus Weselsky – diese dauerten bis Freitagmorgen, 2 Uhr.

Strecke Hamburg-Frankfurt soll bedient werden

95 Prozent der teilnehmenden GDL-Mitglieder hatten sich in einer Urabstimmung für den Ausstand ausgesprochen. Die Deutsche Bahn hat deshalb bereits für Mittwoch und Donnerstag 75 Prozent ihrer Fernzüge gestrichen. Priorität haben besonders stark genutzte Verbindungen zwischen Berlin und dem Rhein-Ruhr-Gebiet, zwischen Hamburg und Frankfurt sowie die Anbindung wichtiger Bahnhöfe und Flughäfen. Ziel sei ein zweistündliches Angebot mit besonders langen Zügen auf den Hauptachsen, kündigte der Staatskonzern an.

Weselsky wiegelt Corona-Einwände ab

Die Tarifverhandlungen seien festgefahren, sagte Weselsky. Man habe keine andere Möglichkeit mehr als Streik. Einwände, der Ausstand treffe Deutschland wegen der Corona-Situation und der Flutkatastrophe zur Unzeit, ließ Weselsky nicht gelten: „Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt für einen Streik bei der Eisenbahn. Bitte wenden sie sich an das DB-Management.“

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Die Bahn kritisierte den Streik scharf: „Gerade jetzt, wenn die Menschen wieder mehr reisen und die Bahn nutzen, macht die GDL-Spitze den Aufschwung zunichte, den wir in Anbetracht der massiven Corona-Schäden dringend brauchen“, teilte Personalchef Martin Seiler mit. Er kritisierte, die GDL habe sich nicht an ihre Ankündigung gehalten, den Kunden ausreichend Vorlauf vor dem Streikbeginn zu lassen. Der Fahrgastverband Pro Bahn nannte die Streikankündigung „deutlich zu kurzfristig“.

Hamburger Linksfraktion unterstützt den Streik

Die Linksfraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft unterstützt den Streik. „Es ist vollkommen legitim, wenn Gewerkschaften für die Durchsetzung ihrer Forderungen zum Mittel des Streiks greifen“, sagte deren gewerkschaftlicher Sprecher, David Stoop.

Die Inflationsrate in Deutschland habe im Juni bei 2,3 Prozent, im Juli aufgrund von Sonderfaktoren sogar bei 3,8 Prozent gelegen. „Die Argumentation der Bahn und anderer Arbeitgeber, es sei derzeit Lohnzurückhaltung gefordert, geht daher in die völlig falsche Richtung.“

( dpa/HA )

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