Misshandelte Kinder

Schlimme Kinderschicksale lassen sie nicht los

| Lesedauer: 12 Minuten
Bettina Mittelacher
Dragana Seifert hat im Untersuchungszimmer eine kindgerechte Atmosphäre geschaffen.

Dragana Seifert hat im Untersuchungszimmer eine kindgerechte Atmosphäre geschaffen.

Foto: Michael Rauhe

Misshandelt, vernachlässigt, missbraucht: Dragana Seifert untersucht Jungen und Mädchen im Kinderkompetenzzentrum des UKE.

Hamburg.  Dieser starre Blick. Ein Körper wie in der Bewegung eingefroren. Vollkommen reglos sitzt das Kind da, wie angewurzelt, die Augen ohne Glanz. Diesem Mädchen ist etwas Schlimmes widerfahren, dass es sich so in sich selber zurückgezogen hat und auf nichts mehr reagiert. Spuren von Verletzungen oder von sexuellem Missbrauch gibt es keine – jedenfalls nicht am Körper. Aber die Seele ist wund. Das ist offensichtlich.

Solche Kinder erlebt Prof. Dragana Seifert viel zu oft. Zutiefst verstörte kleine Menschen, misshandelt, vernachlässigt, missbraucht. Kinder, die innerlich wie tot wirken. Oder auch solche, die auf ein Trauma mit extremer Unruhe reagieren. „Manche sind ununterbrochen in Bewegung und ergehen sich in einem Redefluss, den man nicht verstehen kann“, erzählt die Expertin am Institut für Rechtsmedizin am UKE. „Man merkt, da ist so viel kaputtgegangen. Wir fragen uns, ob die Kinder ihre schlimmen Erlebnisse jemals verarbeiten können.“

UKE-Rechtsmedizinerin macht sich große Sorgen um die verstörten Kinder

Die Rechtsmedizinerin macht sich große Sorgen um diese sehr jungen, sehr verstörten Mädchen und Jungen. Seifert leitet das Kinderkompetenzzentrum im UKE, in dem geschundene, verletzte und missbrauchte Kinder Hilfe finden. Rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr werden hier Fälle von Patienten im Alter bis zu 18 Jahren untersucht, die meisten von ihnen sind unter 14. Es sind jedes Jahr rund 950 Untersuchungen.

Die Räume im Kinderkompetenzzentrum ähneln denen einer gewöhnlichen Kinderarztpraxis. Im Wartezimmer liegen Bilderbücher, im Untersuchungsraum sorgen ein riesiger Teddy, ein Mobile und einige Spielsachen für eine kindgerechte Atmosphäre. Aber die Mädchen und Jungen, die Seifert und ihre Kollegen untersuchen, leiden nicht an Husten, sondern an Hunger.

Gewalt gegen Kinder gibt es auch in Hamburg

Sie haben sich ihren Arm nicht beim Rollerfahren gebrochen, sondern weil ihnen jemand Gewalt angetan hat. Sie haben Striemen von Schlägen oder Verletzungen, weil eine Zigarette auf ihrem Arm ausgedrückt wurde. Die Misshandlungen gehen durch alle Bevölkerungsschichten, haben Seifert und die anderen Rechtsmediziner beobachtet. „Es ist ein Problem, das auch in einer wohlhabenden Stadt wie Hamburg immer wieder vorkommt.“

Seifert arbeitet seit mehr als 20 Jahren im Kinderkompetenzzentrum. Und man könnte annehmen, dass sie so viel Leid gesehen hat, dass sie ein emotionales Schutzschild entwickelt haben müsste. Doch sie empfindet Betroffenheit, sie spürt Wut und Fassungslosigkeit. Immer wieder von Neuem, wenn die Rechtsmedizinerin sieht, was manche Menschen Kindern antun.

Schreckliche Momente für Dragana Seifert

„Es gibt Momente, die wirklich ganz schrecklich für mich persönlich sind“, erzählt Seifert: „Es ist schon passiert, dass ein Kind sich nach der Untersuchung auf meinen Schoß setzt, mich umarmt, mir ein Küsschen gibt. Und dann fragt es: ,Kann ich bitte für immer bei dir bleiben?‘ Das sind schon Erfahrungen, die einen echt mitnehmen. Oder das Kind sagt: ,Hier ist es so kuschelig. Muss ich jetzt wirklich weg? Kann ich nicht bei euch bleiben?‘“

Ja, es gibt Kinder, die am liebsten sofort aus ihrem bisherigen Leben fliehen und sich in ein neues stürzen würden. Weil sie die Aufmerksamkeit, die Zuwendung und die freundliche Stimme, mit denen die Ärztin den kleinen Patienten begegnet, in ihrem häuslichen Umfeld so nicht kennen. Bevor die Rechtsmedizinerin die Kinder eingehend untersucht, kümmert, redet und spielt sie mit ihnen, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

Fast jeden Tag erfährt Seifert von Tragödien

Fast jeden Tag erfährt Seifert so von Tragödien. Sie untersucht die kleinen Patienten, die die Schattenseite des Lebens kennengelernt haben, Schmerzen, Angst und Leid. Kinder, die von ihren Eltern keine Geborgenheit bekommen, sondern Schläge. Die es kaum kennen, dass sie jemand einfach nur so in den Arm nimmt. Die sich nur ganz selten satt essen dürfen, die nicht ruhig schlafen können. Es sind Kinder, die übersät sind mit blauen Flecken, die ängstlich zurückzucken, wenn ihnen jemand auch nur die Hand auf den Arm legt oder die in einem Zustand erstarrt sind, den Fachleute „Frozen Watchfulness“ nennen, eingefrorene Wachsamkeit. Jedem muss klar sein: Diese Kinder haben Schreckliches durchlebt.

„Wieso ist niemandem aufgefallen, was los ist mit diesen Kindern?“, fragt Prof. Seifert. „Ich würde mir wünschen, die Leute würden mit offenen Augen und gesundem Menschenverstand rangehen! Wenn Kinder sich so auffällig benehmen, sollten Leute sich fragen: Warum ist das so? Mir wird zu oft zu lange gewartet, bis Hilfe geholt wird.“ Die Rechtsmedizinerin treibt um, dass es Fälle gibt, in denen in der Kita oder in der Schule teilweise über Wochen beobachtet wird, dass ein Kind Hämatome und Verletzungen hat – und niemand reagiert.

Kinder, übersät mit Blutunterlaufungen am ganzen Körper

„Es gibt Kinder, die sind übersät mit Blutunterlaufungen am ganzen Körper. Es stimmt mich nachdenklich, dass es Menschen gibt, die sich durch die Wahl ihres Berufes verpflichtet haben, nicht nur Wissen beizubringen, sondern Kinder auch zu schützen. Und die dann doch nicht handeln.“

Dabei komme es auch in Hamburg jeden Tag zu Misshandlungen. „Es muss eine einheitliche Handhabung geben. Es muss jedem klar sein, dass nicht zwei Tage, nicht einmal einen Tag geduldet werden kann, dass ein Kind geschlagen oder vernachlässigt wird – geschweige denn zwei Wochen“, sagt Seifert. Die Zahl der Fälle, die nicht gut gelaufen sind, werde nicht kleiner, hat sie beobachtet. „Sondern sie bleibt konstant. Das ist das, was einen so traurig stimmt.“

Eltern schen für Verletzungen häufig harmlose Erklärungen

Wenn die kleinen Patienten im Kinderkompetenzzentrum vorgestellt werden, suchen die Eltern für deren Verletzungen häufig harmlose Erklärungen. Das Mädchen sei mit dem Fahrrad gestürzt, heißt es dann beispielsweise. Doch bei manchen Frakturen können die Rechtsmediziner sicher feststellen, dass sie nicht beim Hinfallen entstanden sind, sondern weil jemand den Arm des Kindes in festem Griff gepackt und verdreht hat. Oder die Verletzung ist „geformt“, wie die Experten das nennen. Es ist beispielsweise der Abdruck einer Fliegenklatsche, einer Faust oder einer Schuhsohle zu erkennen.

Verdächtig sind ebenso Verletzungen, die wegen ihrer Lokalisation eher nicht durch einen Unfall entstanden sind, wie Risswunden oder Hämatome hinter den Ohren oder Schürfungen am Bauch oder Rücken — also an Regionen, wo Kinder üblicherweise nicht drauffallen.

Alle Untersuchungsergebnisse werden von den Rechtsmedizinern dokumentiert

Alle Untersuchungsergebnisse werden von den Rechtsmedizinern dokumentiert, auch durch Fotos, und in einem Gutachten zusammengefasst. Ob die Kinder in Betreuung kommen, ob sie regelmäßig wieder in der Rechtsmedizin vorgestellt werden müssen, wie es weitergeht, entscheidet in der Regel das Jugendamt.

An manchen kleinen Patienten zeigt schon ihr ängstliches Verhalten, dass sie Opfer von Gewalt geworden sind. „Wenn ich meine Kamera auspacke und auf ein Kind zugehe und es erschrocken zurückfährt“, erzählt Seifert. „Es ist angespannt, ängstlich und schaut mit weit aufgerissenen Augen in die Umgebung, um zu prüfen, von wo Gefahr droht.

Ein anderer Hinweis ist, wenn ein Kind überhaupt nicht mit mir redet, obwohl es sprechen kann, nur mit den Augen alles beobachtet und wie eine Wachsfigur alles über sich ergehen lässt. So unbeteiligt, als ob es neben sich steht. Sein Körper ist da, aber seine Seele ist leer.“ Die Rechtsmedizinerin weiß auch von einem Fall, in dem eine Jugendgang einen Mitschüler abgepasst und verschleppt hat. „Und dann treten sie ihn zusammen, filmen das und stellen das ins Netz.“ Ähnliches passiere bei sexualisierter Gewalt an Mädchen von etwa Gleichaltrigen oder Gewalt gegen andere Jungen. „Das zu filmen und ins Netz zu stellen, finde ich empörend.“

Wenn Zehnjährige für ihre kleinen Geschwister sorgen

Besonders erschütternd sind für Dragana Seifert auch Fälle von Vernachlässigung. „Was wir immer wieder sehen, sind Zehn-, Elf- oder Zwölfjährige, die für ihre kleinen Geschwister sorgen.“ Nicht aus dem Kopf geht ihr das Schicksal zweier Kinder, die vom Kinder- und Jugendnotdienst in Obhut genommen wurden. Seifert hat sie untersucht, und danach nahm der Achtjährige seine kleine Schwester an der Hand. „Ich sehe noch vor mir, wie er sie hält, in der anderen Hand hat er eine simple Tüte. Da drin waren Pantoffeln von beiden Kindern und ein Teddy, den sie von der Polizei bekommen haben. Und der Junge sagt zu seiner Schwester: ,Jetzt sind wir in Sicherheit.‘“

Seifert kennt viele solcher traurigen, schlimmen Schicksale. Da ist die allein erziehende Mutter mit dem Kind im Grundschulalter. „Sie waren mittellos. Am ersten Tag nach den Herbstferien wandte sich der Lehrer an uns, weil das Kind eine entzündete Verletzung am Unterarm hatte.“ Der Junge habe ihnen dann anvertraut, dass andere Kinder ihn misshandelt hatten. Sie hatten ihn fixiert und ihm eine Art Lack über seine Haut gestrichen, diese Schicht mit dem Feuerzeug angezündet. „Als der Junge das seiner Mutter erzählte, sagte sie, er solle sich nicht so anstellen. So etwas passiert mitten in Hamburg“, empört sich Seifert. „Man fragt sich: Was geht in den Jugendlichen vor, was ist mit der Mutter?“ Es erfolgte eine Anzeige gegen die Frau.

Seifert spricht von einer Parallelgesellschaft

Es gebe auch Kinder, die sagen, dass sie zu Hause nur Reste bekommen, weil die Eltern alles andere essen. Wenn Seifert ihnen im Untersuchungszimmer aus einem extra Fach, den sie den „Zauberschrank“ nennt, beispielsweise einen Corny-Riegel gibt, ist das manchmal das Erste, was die kleinen Jungen oder Mädchen an dem Tag zu essen bekommen haben.

Oder sie kriegen ein kleines Buch geschenkt, und diese Gabe erscheint dem Kind wie ein kleines Wunder. „Spielzeug hat nichts mit Kindesmisshandlung zu tun, aber: Wir leben in einer Parallelgesellschaft“, betont Seifert. „Wir haben eine der reichsten Gesellschaften Europas, und gleichzeitig gibt es in Hamburg Kinder, die zu kleine Schuhe haben und auf Essen aus der Arche angewiesen sind. Das macht einen nachdenklich und traurig. Es empört mich. Obwohl die Kinder von Natur aus gesund sind und mit allen Fähigkeiten ausgestattet, gibt es immer noch viele Fälle, in denen diese Kinder nie eine reale Chance haben. Es tut einem im Herzen weh. Ich frage mich, ob wir das als Gesellschaft in den Griff bekommt. Es geht um Teilhabe am Leben.“

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