Hochbahn-Chef im Interview

Einchecken per App: Neues HVV-Angebot startet im Oktober

| Lesedauer: 10 Minuten
Ulrich Gaßdorf
Hochbahn-Chef Henrik Falk beim Interview in der Lounge der Engel & Völkers Work Edition.

Hochbahn-Chef Henrik Falk beim Interview in der Lounge der Engel & Völkers Work Edition.

Foto: Marcelo Hernandez

Henrik Falk spricht über den Baustart der U5 und erklärt, wie der ÖPNV zum Teil des Hamburger Lifestyles werden soll.

Hamburg.  Entspannt erscheint Hochbahn-Chef Henrik Falk, der vor Kurzem aus dem Italienurlaub zurückgekehrt ist, zum Abendblatt-Interview in der Lounge der Engel & Völkers Work Edition an der Stadthausbrücke. Der Vorstandsvorsitzende des Verkehrsunternehmens spricht über die aktuelle Fahrgastentwicklung, über das neue Check-in/Be-out-System, Maskenpflicht und den Startschuss für die Linie U 5.

Hamburger Abendblatt: Im Zuge der Pandemie waren die Fahrgastzahlen bei der Hochbahn bis auf 35 Prozent eingebrochen. Wie hoch ist aktuell die Auslastung von Bussen und Bahnen?

Henrik Falk: Wir liegen bei knapp 70 Prozent im Vergleich zum Juli 2019. Im vergangenen Jahr lagen wir im Spätsommer nach dem ersten Lockdown bei rund 75 Prozent. In den vergangenen Wochen sind die Fahrgastzahlen sukzessive angestiegen. Unser Ziel ist es, dass wir uns in den nächsten Monaten bei 75 bis 80 Prozent einpendeln.

Die Hochbahn verzeichnete vor Corona jedes Jahr Fahrgastrekorde, dann der Einbruch. Wann wird wieder das Fahrgastaufkommen von 2019 erreicht werden?

Falk: Das wird sicherlich zumindest zwei Jahre dauern. Es ist eine Herausforderung, wieder all die Kunden an Bord zu holen, die wir vor der Pandemie hatten. Und dann wollen wir ja im Zuge der Mobilitätswende bis 2030 noch viel mehr Menschen für den Umstieg auf Bus und Bahn begeistern. Nachdem 2020 das Jahr der Pandemie war, wird 2021 ein entscheidendes Jahr für die Mobilität der Zukunft werden, weil im Herbst die ganze Welt nach Hamburg schaut. Der ITS-Weltkongress stellt die Weichen für eine Reihe von Innovationen, die den ÖPNV auf neue Beine stellen wird.

Lesen Sie auch:

Wie hat die Hochbahn die Pandemie bewältigt?

Falk: Wir haben nahezu unser gesamtes Angebot aufrechterhalten. Und unser Hygienekonzept hat sich bewährt, wir haben zum Beispiel immer noch mobile Teams im Einsatz, die zusätzlich im laufenden Betrieb die Fahrzeuge desinfizieren. Auch dass wir gemeinsam mit dem VHH 1500 Busse mit Schutzscheiben für die Fahrer ausgestattet haben, war eine wichtige Maßnahme, um unsere Beschäftigten zu schützen. Damit konnten wir auch schon im Sommer vergangenen Jahres die vordere Tür beim Bus wieder öffnen. Das hilft, den Fahrgaststrom zu lenken. Allerdings haben wir die Pflicht zum Vorneeinstieg mit Beginn der Pandemie ausgesetzt, um den Fahrgaststrom zu entzerren.

Hat sich diese Maßnahme bewährt?

Falk: Ja, die Fahrgäste haben sich schnell umgestellt. Wir werden auf absehbare Zeit – zumindest für dieses Jahr – nicht zum Vorneeinstieg zurückkehren. Ehrlich gesagt wird dadurch auch Zeit gewonnen, weil Busfahrerinnen und Busfahrer sich ganz auf die Fahrt konzentrieren. Wir werden prüfen, ob wir auch über dieses Jahr hinaus den Einstieg vorn im Bus abschaffen.

Seit April 2020 gilt eine Maskenpflicht im HVV. Stellen Sie da langsam eine gewisse Maskenmüdigkeit bei den Fahrgästen fest?

Falk: Im Gegenteil. Die Maske ist inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit für die Fahrgäste geworden. Die Akzeptanz liegt bei rund 95 Prozent, natürlich gibt es immer ein paar Menschen, die sich verweigern.

Würden Sie auch über die Pandemie hinaus eine Maskenpflicht in Bus und Bahn befürworten?

Falk: Nein. Wenn die Pandemie überstanden ist, dann ist eine generelle Maskenpflicht aus meiner Sicht nicht mehr verhältnismäßig. Aber ich denke, es wird viele geben, die weiterhin freiwillig eine Maske tragen – zumindest zu typischen Erkältungszeiten.

Auf der Ringlinie U 3 wird seit Anfang Fe­bruar gebaut. Die Strecke ist zwischen dem Baumwall und Hauptbahnhof in beiden Richtungen gesperrt. Hat Corona, wie auf vielen anderen Baustellen in der Stadt, für Verzögerungen gesorgt?

Falk: Nein. Wir sind im Zeitplan, und die Bauarbeiten auf der U 3 sollen planmäßig bis Ende März 2022 beendet sein und dann kann die Strecke wieder genutzt werden. Auch der Ausbau der U 4 Horner Geest, auf dem neuen Abschnitt werden zwei Haltestellen gebaut, verläuft absolut planmäßig.

Die Hochbahn hat auch rund 1500 Mitarbeiter, die in Büros arbeiten und während der Pandemie ins Homeoffice umgezogen sind. Seit dem 1. Juli hat die Regierung diese Homeofficepflicht wieder aufgehoben. Wie ist die aktuelle Situation bei der Hochbahn?

Falk: Zunächst einmal funktioniert das mit dem Homeoffice wirklich gut. Die einzelnen Abteilungen regeln das selber, wer ins Büro kommt. Generell ist unsere Linie derzeit „homeoffice first“.

Setzen Sie denn weiterhin auf Homeoffice oder müssen die Mitarbeiter nach und nach zurück an ihre Schreibtische?

Falk: Natürlich wird es bei uns weiterhin Homeoffice geben. Wir haben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehrfach zu diesem Thema befragt, und die arbeiten auch gerne von zu Hause, aber wünschen sich selber auch verbindliche Regelungen. Deshalb arbeiten wir jetzt gemeinsam mit dem Betriebsrat an einer Vereinbarung, in dem wir alles rund um das Homeoffice regeln. Es muss zum Beispiel klare Vereinbarungen geben, in welchem Zeitraum die Mitarbeiter erreichbar sind. Außerdem wollen wir auch bei der Nutzung unserer Büroflächen neue Wege gehen. Zum Beispiel wäre eine Option, dass sich künftig Kollegen Schreibtische teilen. Denn durch das Homeoffice werden weniger Arbeitsplätze in den Büros benötigt.

Wie gefällt Ihnen Homeoffice?

Falk: Das war für mich erst einmal eine ganz schöne Umstellung. Denn vor der Pandemie habe ich im Büro gearbeitet, und zu Hause wollte ich einfach nur abschalten. Aber inzwischen funktioniert das gut. Ich habe mir das erste Mal in meinem Leben zu Hause ein Arbeitszimmer eingerichtet. Ich genieße jetzt die Flexibilität. Zum Beispiel, dass ich morgens zu Hause arbeite und dann gegen mittags ins Büro fahre oder Termine wahrnehme. Sicherlich sind Videokonferenzen sehr effizient, aber es ist auch wichtig, dass man sich wieder physisch begegnet und austauscht.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Im Oktober startet ein neues digitales Angebot, das die Nutzung von Bus und Bahn noch flexibler machen soll.

Falk: Ja, die ersten Fahrgäste im HVV sollen im Rahmen des ITS-Weltkongresses im Oktober das Check-in/Be-out-System mit dem Namen hvv ANY in Bussen und Bahnen nutzen. Die Fahrzeuge wurden entsprechend mit „bea- cons­“ ausgestattet. Das sind Signalgeber, die mit dem Smartphone korrespondieren. Bevor man dann in Bus oder Bahn einsteigt, loggt man sich in der hvv switch-App ein, und beim Aussteigen wird der Fahrgast automatisch wieder ausgeloggt. Nach 24 Stunden wird automatisch je nach Anzahl der Fahrten der günstigste Tarif berechnet und abgebucht. Das heißt, der Fahrgast muss sich nicht mehr mit den oft etwas unübersichtlichen Tarifen beschäftigen. Das läuft alles automatisch. Mit hvv ANY machen wir einen weiteren großen Schritt zur Digitalisierung im ÖPNV. Wir zeigen damit, dass Bus- und Bahnfahren völlig unkompliziert ist. Damit wollen wir auch neue Zielgruppen erreichen, die wir dadurch gewinnen, weil sie sehen, dass der ÖPNV zum Lifestyle gehört. Und das ist nur der Anfang. Ziel ist es, über diese App nach und nach alle möglichen Verkehrsmittel buchen zu können. Egal, ob nun Carsharing, ein StadtRad oder einen E-Scooter.

Hat im Zuge der Digitalisierung der Fahrkartenautomat nicht ausgedient?

Falk: Bis zum Spätsommer haben wir alle Haltestellen mit modernen Self Service Terminals ausgestattet, an denen man auch Fahrkarten kaufen kann. Aber auch diese Terminals werden wir auf mittlere Frist immer weniger brauchen, weil das jeder über eine App macht.

Wie ist der aktuelle Stand bei der geplanten neuen Linie U 5, die von Bramfeld bis zu den Arenen fahren soll?

Falk: Wir erwarten in Kürze von der Stadt den Planfeststellungsbeschluss für den ersten rund 6 Kilometer langen Abschnitt zwischen dem Bramfelder Dorfplatz und der City Nord. Auf der Strecke wird es fünf Haltestellen geben. Wie geplant, wollen wir Ende des Jahres mit dem ersten Spatenstich den Startschuss für den Bau der U 5 geben. Der Testbetrieb auf diesem Abschnitt soll dann 2027 starten. Die ersten Fahrgäste können, wenn alles gut läuft noch in diesem Jahrzehnt an Bord gehen. Der zweite Abschnitt wird dann von der City Nord bis in die Innenstadt führen. Bis Ende der 2030er Jahre dann die gesamte Strecke bis zu den Arenen fertiggestellt sein.

Auf der U 5 sollen die Züge vollautomatisch und ohne Fahrer unterwegs sein. Dafür brauchen Sie neue Fahrzeuge.

Falk: Wir starten im nächsten Jahr mit der europaweiten Ausschreibung für die neue Fahrzeuggeneration DT 6. Diese soll dann zum einen ohne Fahrer und vollautomatisch auf der U 5 fahren, aber auch auf dem übrigen Streckennetz und dann mit Fahrer eingesetzt werden. Die ersten DT 6, die nach und nach die Baureihe DT 4 ersetzen sollen, sollen 2026 ausgeliefert werden.

Und wann wird der erste Bus autonom durch Hamburg fahren?

Falk: Es läuft in der HafenCity bereits das Heat Projekt. Ab August können auch wieder Fahrgäste mit diesem autonom fahrenden Kleinbus, es ist allerdings zur Sicherheit noch ein Fahrer an Bord, mitfahren. Wenn die technische Entwicklung weiterhin so rasant vorangeht, dann könnten die ersten automatisierten Shuttles schon 2025 durch Hamburg fahren.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg