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E-Scooter im Hamburger Verkehr – Fluch oder Segen?

| Lesedauer: 9 Minuten
Juliane Lauterbach
E-Scooter sind für die Betreiber ein „wesentlicher Baustein zur Mobilitätswende“, für viele Hamburger sind sie ein Ärgernis.

E-Scooter sind für die Betreiber ein „wesentlicher Baustein zur Mobilitätswende“, für viele Hamburger sind sie ein Ärgernis.

Foto: picture alliance / dpa Themendienst

Der Ärger über wild abgestellte Elektroroller ist gewaltig. Hochbahn und einige Anbieter haben ein neues System entwickelt.

Hamburg. Ein „wesentlicher Baustein zur Mobilitätswende“ sollten sie sein. Die „Lösung für die letzten Meter“ zwischen U-Bahn-Station und Haustür. Die perfekte Lösung für den modernen Großstädter, der lässig zwischen den Verkehrsmitteln hin- und herwechselt.

Die Erwartungen waren groß, als die ersten E-Scooter vor rund zwei Jahren in Hamburg auf die Straße gekommen sind. Was hat sich seitdem getan? Welche Rolle spielen sie im Verkehrsalltag? Und welchen Platz werden sie perspektivisch einnehmen? Klar ist: In den vergangenen zwei Jahren sind die Roller auch dadurch aufgefallen, dass sie plötzlich überall da waren, wo sie niemand haben wollte: mitten auf Gehwegen, im Gebüsch oder achtlos auf Verkehrsinseln abgestellt.

Strikte Regeln für E-Scooter auf Hamburgs Straßen

Der Sozialverband Deutschland fordert deshalb nun striktere Regeln und auch die Hamburger Verkehrsbehörde sagt, dass die E-Scooter als „wirklich nachhaltiger Beitrag“ zur Mobilitätswende „noch nicht vollends“ hätten überzeugen können und ihren „Platz in einer nachhaltigen Mobilitätskette“ erst noch finden müssten. Heißt das zwischen den Zeilen: Projekt gescheitert? Oder einfach nur, dass der neue Mobilitätsbaustein einfach etwas Zeit braucht?

Wenn man allein die Zahl der Anbieter und die der verfügbaren Roller betrachtet, gab es in den vergangenen zwei Jahren nur eine Richtung: aufwärts. Sechs Unternehmen – Bird, Dialog-Scooter, Lime, Bolt, Tier und Voi – bieten inzwischen zusammen rund 8000 Roller im gesamten Stadtgebiet an. Zu Beginn der Einführung vor zwei Jahren waren es knapp 4000 Roller von vier Firmen.

E-Scooter am Hamburger Hauptbahnhof beliebt

Die Anbieter zeigen sich jedenfalls zufrieden. So spricht etwa „Tier“ von einer „ungebrochenen Nachfrage“, ins-besondere jetzt im Sommer. Besonders gefragt als Start und Endpunkt sei der Hauptbahnhof, ebenso die Parkflächen am Jungfernstieg und in Altona, aber auch in den Randgebieten des Geschäftsgebietes.

Von „Voi“, der 2019 als erster E-Scooter-Verleiher in Hamburg gestartet ist, heißt es: „Hamburg ist seit jeher einer unserer besten und stärksten Standorte in ganz Deutschland.“ Das Potenzial schätze man als „sehr hoch“ ein. „Insbesondere die Innenstadt lädt sehr zum Abkürzen mit dem E-Scooter ein.“

E-Scooter bei jungen Hamburgern beliebt

Und auch in Sachen Lifestyle können die E-Roller offenbar bestimmte Zielgruppen gut erreichen. „E-Scooter bedienen vorwiegend das Lebensgefühl junger Menschen in einer Großstadt. Sie sind daher vorwiegend bei jungen Menschen beliebt, was uns die Anbieter zur Nutzung zurückmelden“, heißt es von der Verkehrsbehörde.

Genutzt würden sie vorwiegend im innerstädtischen Bereich. Gerade für die „erste und letzte Meile“ könnten E-Scooter einen sinnvollen Beitrag leisten. „Aber auch außerhalb der Innenstadt, wo die Wege zu den Bahnstationen häufig etwas länger sind und der Verkehr weniger verdichtet, ist die Mikromobilität ein geeignetes Instrument, um die Anbindung an die Bahn zu verbessern und Anreize zu schaffen, das eigene Auto stehen zu lassen“, so Behördensprecher Dennis Krämer.

UKE-Ärzte fordern Helmpflicht

Doch während die einen lässig die erste und letzte Meile durch die Gegend scootern, betrachten andere die neuen Kleinstfahrzeuge mit Skepsis. So sorgte etwa eine UKE-Studie für Aufsehen, nach der sich die meisten Unfälle mit E-Scootern vor allen Dingen abends, nachts und am Wochenende ereigneten, was – so die Deutung – eher den Spaß- und Hobbyfaktor unterstreiche.

Ebenso fanden die UKE-Ärzte heraus, dass fast jeder dritte Unfallfahrer alkoholisiert war. Im Unterschied zu Menschen, die mit dem Fahrrad verunglückten, verletzten sich Scooter-Fahrer zudem häufiger am Kopf. Die Ärzte schlussfolgerten, dass eine Helmpflicht und der Verzicht auf Alkohol verpflichtend sein müssten. Weiteres interessantes Detail der Studie: Ein Teil der E-Scooter-Patienten war gar nicht mit den Geräten gefahren, sondern nur über sie gestürzt.

Viele umgekippte E-Scooter in Hamburg

Dass E-Scooter immer wieder zu Stolperfallen werden, sorgt bei vielen für Ärger. Auch bei dem 82-jährigen Hamburger Erich Fischer. Seit einer ganzen Weile schon beobachtet er das aus seiner Sicht zunehmend rücksichtslose Verhalten vieler E-Scooter-Fahrer. Nicht selten hält er umgekippte oder im Weg stehende Roller mit der Handykamera fest. Er glaubt: „Zum einen ist es Unwissenheit, weil die Nutzer nicht richtig informiert sind darüber, wie sie die Geräte abzustellen haben. Zum anderen ist es aber auch einfach Ignoranz.“

Er fragt sich: Wer übernimmt eigentlich die Haftung, wenn die Roller falsch abgestellt werden und dann für Ärger oder gar Unfälle sorgen?

Anzahl der Roller wurde begrenzt

Auch die Verkehrsbehörde bestätigt: „Es kommt leider vor, dass Fahrzeuge etwa in Gebüschen nicht ordnungsgemäß abgestellt werden. Sie werden dann von den jeweiligen Anbietern im Zuge der Wartung und um wieder im Betrieb zur Verfügung zu stehen, entsprechend auf deren Kosten abgeholt.“ Anders sehe es aus, wenn Nutzerinnen und Nutzer bei fehlerhaftem Verhalten ertappt werden. Dann müssten sie die Kosten selbst tragen.

Um die Gesamtzahl der Roller nicht ausufern zu lassen, ist die Behörde aktiv geworden. So wurde mit den Anbietern vereinbart, die Zahl der Roller pro Anbieter innerhalb des Rings 2 auf 1000 zu begrenzen – allerdings auf freiwilliger Basis. Außerdem sind an sensiblen und hoch frequentieren Orten Parkverbotszonen eingerichtet worden, etwa auf dem Rathausmarkt. Weiter seien die Anbieter nach wie vor aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die E-Scooter ordnungsgemäß abgestellt werden und keine Wege versperren.

Pilotprojekte in Altona und Mitte

Inzwischen gibt es zwei Pilotprojekte in den Bezirken Altona und Mitte, bei denen es nun extra ausgewiesene Parkflächen für E-Scooter gibt, wo die Geräte gezielt abgestellt werden können. „Diese werden auch entsprechend angenommen und genutzt, wie uns die Bezirke zurückmelden“, heißt es von der Verkehrsbehörde. Bei beiden Projekten werde derzeit aber noch evaluiert, wie sich das E-Scooter-Aufkommen auf den Abstellflächen und im Umfeld der jeweiligen „No-Parking-Zones“ entwickeln würde. Weitere feste Abstellplätze haben zudem Pilotprojekte von Elektroroller-Anbietern und der Hochbahn möglich gemacht. Zuletzt an den U-Bahnhöfen Langenhorn Nord, Kiwittsmoor, Hagenbecks Tierpark und Hagendeel.

Dort stehen seit Anfang Juni auf den Parkflächen nach Angaben der Hochbahn ab sofort insgesamt 200 E-Scooter des Anbieters Tier Mobility zur Verfügung. Das Prinzip: Wenn Nutzer ihre Fahrzeuge innerhalb der Parkzonen abstellen, werden sie mit Freiminuten belohnt. Der Betrieb mit dem Kooperationspartner Tier läuft seit rund sechs Wochen und die Hochbahn zieht schon jetzt eine positive Zwischenbilanz. „Die Kundinnen und Kunden nehmen die Stellflächen gut an“, heißt es von der Hochbahn. Mit dem Auftakt sei man zu-frieden. Das gleiche Modell gibt es bereits in Berne und Poppenbüttel mit dem Elektroroller-Anbieter Voi.

Feste Flächen in Hamburg für E-Roller?

Für den Hamburger Landesvorsitzenden des Sozialverbandes Deutschland (SoVD), Klaus Wicher, ist die Situation dennoch nicht zufriedenstellend. Er fordert: „Die Stadt sollte feste Flächen zur Verfügung stellen, auf denen E-Roller abgestellt werden müssen. Zum anderen sollten die Verleihenden ihre Kundschaft besser erziehen und ihnen in Zukunft eine Strafgebühr berechnen, wenn sie ihren Roller nach Fahrtende einfach in die Gegend stellen.“

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Laut Verkehrsbehörde könne man die Forderungen durchaus nachvollziehen, eins zu eins umsetzbar seien sie mit Verweis auf die geltende Rechtsgrundlage allerdings nicht. Denn: „Anders als etwa in anderen Städten kann Hamburg im Rahmen einer Sondernutzungsgenehmigung keine festen Parkzonen verfügen oder etwa ein nächtliches Fahrverbot einführen. Das geht auf einen Beschluss des Oberverwaltungsgerichtes Hamburg zurück, das verfügt hat, dass E-Scooter – ähnlich wie Leihräder – zum Gemeingebrauch gehören. An dieses Urteil sind wir gebunden“, so Behördensprecher Dennis Krämer.

Kameras könnten die Lösung sein

Gleichwohl sensibilisiere man die Anbieter und die Nutzer durch Kampagnen und Aktionen, darauf zu achten, ihre Roller ordnungsgemäß abzustellen.

Eine mögliche Antwort darauf, wie sich diese Themen in Zukunft weiterentwickeln könnten, kommt in diesen Tagen aus England Dort testet der Anbieter „Voi“ derzeit E-Scooter mit eingebauten Kameras, die erkennen sollen, wenn ein Roller falsch abgestellt wurde. Und das ist noch nicht alles: „Zukünftig könnte die KI unseres Partners Luna sogar erkennen, ob und wenn NutzerInnen auf dem Bürgersteig fahren“, teilte das Unternehmen mit.

E-Scooter: Analyse von Fahrverhalten

Und weiter: „Darüber hinaus werden die von Luna generierten Daten gespeichert (…) und können von Voi abgerufen werden, um zum Beispiel das Verhalten der Fahrer zu analysieren, vorschriftsmäßige Fahrer zu belohnen und die Ursachen von Unfällen zu untersuchen.“ Die nächste Stufe der technischen Entwicklung könnte es möglich machen, den Roller bei Gefahr aus der Ferne zu verlangsamen.

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