Prozess

Schrebergarten-Streit: Angeklagter stellt sich als Opfer dar

| Lesedauer: 4 Minuten
Bettina Mittelacher
Ein 64-jähriger Schrebergärtner steht wegen gefährlicher Körperveletzung vor Gericht (Symbolbild).

Ein 64-jähriger Schrebergärtner steht wegen gefährlicher Körperveletzung vor Gericht (Symbolbild).

Foto: Michael Rauhe

Der Mann soll seinen Nachbarn mit Steinen angegriffen haben. Der 64-Jährige erzählt eine andere Version.

Hamburg. Panik. Ängste. Verwirrung. Wenn Manuel S. heute von seinem letzten Zusammentreffen mit seinem Schrebergarten-Nachbarn Bernd H. spricht, klingt es, als müsse er ein Trauma verarbeiten. Er selber sei das Opfer, ist der Tenor der Erzählung des 64-Jährigen. Und seinen Widersacher schildert er als unleidlichen, widerborstigen Aggressor, der ihm und anderen das Leben schwer gemacht habe. Es wäre schön, auch die andere Seite der Geschichte zu hören, die Version des Bernd H. Doch Manuel S. weiß, dass seine Story unwidersprochen bleiben wird; sein Kontrahent ist mittlerweile verstorben. Der 57-Jährige kann sich nicht mehr wehren.

Laut Staatsanwaltschaft sind die Rollen anders verteilt, als der Angeklagte Manuel S. es im Prozess vor dem Amtsgericht darlegt. Sie wirf ihm gefährliche Körperverletzung vor. Demnach ist der 64-Jährige nicht das Opfer, sondern der Täter in einer Auseinandersetzung, die bereits am 3. Juni 2019 stattfand. Damals habe er seinen Parzellennachbarn Bernd H. im Kleingartenverein Hamburg-Moorfleet nach einem Streit mit Steinen attackiert. Ein erster Brocken flog demnach in eine Fensterscheibe eines Autos, in das sich der jüngere der beiden Kontrahenten zurückzog. Ein zweiter Stein habe den 57-Jährigen dann im Gesicht getroffen, heißt es in der Anklage weiter. Außerdem soll S. seinen Nachbarn mit einer Eisenstange angegriffen und ihm damit auf die Hände geschlagen haben.

Schrebergarten-Streit: Angeklagter will sich nur zur Wehr gesetzt haben

„Das stimmt überhaupt nicht so!“ verwahrt sich Manuel S., ein schmaler Mann mit Brille, gegen die Vorwürfe. Sein Bekannter aus dem Schrebergarten sei vielmehr „laut schreiend“ auf sein Grundstück gekommen und habe ihn des Diebstahls beschuldigt. Dann habe der 57-Jährige ihn auch noch gegen die Brust getreten, sich anschließend in sein Auto zurückgezogen. „Nun schrie er mich an. ,Ich schwör es dir: Eines Tages bringe ich dich um“, habe Bernd H. ihm gedroht. „Er sagte das mehrfach. Das war wie eine Platte, die springt.“

Als nächstes sei der Nachbar mit dem Auto auf ihn zugefahren und habe versucht, ihn zwischen Fahrzeug und Zaun einzuklemmen. „Ich konnte schnell wegspringen.“ Um dem Angriff mit dem Wagen etwas entgegenzusetzen, habe er die Steine geworfen, schildert der Angeklagte nun weiter.

Aussage deckt sich nicht mit früheren Aussagen

Amtsrichter und Staatsanwältin haben viele Fragen an Manuel S. In seiner Aussage sind vor allem erhebliche Diskrepanzen zu einer früheren Darstellung, die er bei der Polizei abgegeben hatte. Damals hatte Manuel S. laut Akten noch geschildert, er habe sich vor das Auto seines Nachbarn gestellt, um ihn am Wegfahren zu hindern. Heute will der Angeklagte das nie gesagt haben. „Das kann ich nicht sein. Es gab keine Grund für mich, ihn daran zu hindern. Er ist hinter mir hergefahren.“ Auch dass sein Nachbar Bernd H. ihn mit dem Tode bedroht habe, ist in früheren Aussagen noch nie aufgetaucht. Er habe das damals wohl deshalb nicht erwähnt, weil er seinerzeit zu sehr durch den Wind gewesen sei, meint der Angeklagte nun.

„Ich war noch in Panik. Das war ja gerade erst passiert.“ Andererseits holte er laut seiner früheren Aussage Schaufel und Besen, um nach seinem Steinwurf Glassplitter wegzufegen. All diese Unterschiede, meint der Amtsrichter, seien „schwierig zu verstehen. Wieso haben Sie die Schaufel geholt, wenn Sie in Panik waren?“, fragt der Vorsitzende. Der Angeklagte verweist erneut auf die „Panik“, in der er gewesen sei. „Da macht man auch mal Dinge, die nicht logisch sind.“

Auch ein Zeuge weicht von früherer Aussage ab

Schützenhilfe bekommt Manuel S. von einem Bekannten. Dieser will zwar eine verbale Auseinandersetzung zwischen den Kontrahenten mitbekommen haben und ein „Gerangel“. Aber irgendwelche Tätlichkeiten des Angeklagten gegen das vermeintliche Opfer habe er nicht wahrgenommen, beteuert der 31-Jährige. Bei der Polizei hatte er noch erzählt, dass er einen Stein gegen das Fahrzeug von Bernd H. habe fliegen sehen. Und: „Manuel schlug mit einer Eisenstange gegen das Fahrzeug.“ Daran, so der Zeuge, könne er sich „heute nicht mehr erinnern“. Der Prozess wird fortgesetzt.

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