Prozess in Hamburg

Wattwagenunfall vor Neuwerk: Fahrgast schildert Todesangst

| Lesedauer: 6 Minuten
Bettina Mittelacher
Vor der Hamburger Insel Neuwerk kam es im Februar 2019 zu einem folgenschweren Unfall mit einem Wattwagen.

Vor der Hamburger Insel Neuwerk kam es im Februar 2019 zu einem folgenschweren Unfall mit einem Wattwagen.

Foto: dpa

Der Unglückskutscher sieht die Ursache nicht bei der gebrochenen Deichsel, sondern bei den Pferden. Zeugen erzählen es ganz anders.

Hamburg. „Nichts Unübliches“. „Kein Provisorium“. Wenn Landwirt Hendrik B. davon erzählt, wie er im Bereich Neuwerk auf einer Pferdekutsche mit schadhafter Deichsel unterwegs war, hört sich das beinahe nach Routine an. „So wird öfter verfahren“, kommentiert der 27-Jährige vor dem Amtsgericht Hamburg die Vorwürfe, er habe sich etwas zuschulden kommen lassen.

Die Folgen eines Unfalls mit seinem Wattwagen klingen indes kaum nach einer Petitesse. Drei Fahrgäste wurden verletzt, als die Kutsche umkippte. Einer von ihnen umschreibt seine Gefühle, die er im Augenblick des Unglücks hatte, sogar so: Er habe seinerzeit „mit dem Leben abgeschlossen“.

Reden Hendrik B., dem die Staatsanwaltschaft im Prozess um den Wattwagenunfall bei Neuwerk fahrlässige Körperverletzung vorwirft, und der frühere Insel-Postbote Michael S. wirklich von demselben Erlebnis? Er habe ein „Trauma“ erlebt und früher pensioniert werden müssen, sagt der Fahrgast, der nach dem Unfall im Krankenhaus landete.

Wattwagenunfall vor Hamburg-Neuwerk: Kustcher rechtfertigt sich

Für Hendrik B. aber, der die Kutsche mit den beiden Pferden lenkte, scheint es keine große Sache gewesen zu sein, als an seinem Wattwagen die Deichsel brach. „So wie ich das gerichtet habe, wird das häufiger gemacht“, bilanziert der schmale Brillenträger seinen Reparaturversuch, und seine aufrechte Körperhaltung und die fast schon zackig klingende Stimme verraten unerschütterliches Selbstbewusstsein.

Den Vorhalt, er habe sich darauf verlassen, es werde „schon alles gutgehen“, will der Angeklagte so nicht gelten lassen. Er habe „alles unternommen unter Sicherheitsaspekten. Aber ein Pferd ist ja immer noch ein Fluchttier“.

Zweieinhalb Jahre liegt das Kutschunglück mittlerweile zurück. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten im Einzelnen vor, an jenem 7. Februar 2019 einen Wattwagen mit zwei Zugpferden und einer kurz zuvor gebrochenen Deichsel in Betrieb genommen zu haben, um mit drei Fahrgästen die Rückfahrt von Neuwerk in Richtung Cuxhaven anzutreten (Az. 255 Ds 276/19). Nach nur 200 Metern Fahrstrecke, so die Vorwürfe weiter, verlor Hendrik B. wegen der schadhaften Deichsel die Kontrolle über das Gespann. Dieses kam von der befestigten Fahrbahn ab und stürzte um.

Amtsrichter hakt kritisch nach

Schon vor Beginn der Tour seien die Pferde unruhig gewesen, erzählt der Angeklagte. Der von ihnen gezogene Wattwagen sei „wohl irgendwo gegengefahren“ und dabei sei die Deichsel gebrochen. „Ich habe mich um eine andere bemüht, aber die passte nicht.“ Also habe er das schadhafte Teil notdürftig repariert. „Deichselloses Fahren habe ich vorher schon als Beifahrer erlebt“, rechtfertigt sich Hendrik B. „Der Wagen hätte auch mit Deichsel kippen können. Sie ist ja nur eine Hilfe zur Übertragung auf die Pferde.“

Der Amtsrichter hakt kritisch nach. Laut Aktenlage seien bei der Wattwagenfahrt, die so verhängnisvoll endete, neben dem Insel-Postboten zwei Touristen dabei gewesen, sagt der Vorsitzende. Und demnach habe einer dieser Fahrgäste den Angeklagten darauf hingewiesen, „dass die Deichsel fehlt. Kann es sein, dass der Mann gesagt hat: ,Ich kenne mich mit Pferden aus. Ich halte das für gefährlich?’“

Hendrik B. bleibt unerschütterlich. „Ich sagte: Es geht auch so“, beharrt der Cuxhavener. Warum die Fahrt schon nach 200 Metern endete und Kutsche umkippte, könne er nicht wirklich erklären. „Die Pferde rannten auf einmal los. Die haben sich erschrocken.“ Gegen so ein Verhalten der Tiere könne man sich nicht hundertprozentig schützen. „Ich habe mich dann entschlossen, das Gespann aus dem Betrieb zu nehmen. Die Pferde sind zwei Tage später zum Schlachter gekommen.“

Fahrgast berichtet von Todesangst

Vielleicht, gibt der Angeklagte nach Einwand des Richters zu bedenken, hätte man „im Nachhinein“ lieber die Fahrgäste mit einem Schiff nach Hause bringen lassen sollen. „Aber ich habe mir halt so beholfen. Es ist eine gängige Praxis, dass man so weiterfährt.“

Insel-Postbote Michael S. erinnert sich mit Schrecken an die Ereignisse jenes Februartages. Die Deichsel sei gebrochen gewesen, ein Reparaturversuch gescheitert, erzählt der 65-Jährige. „Dann gingen die Pferde los, ohne Halt auf den Deich zu. Der Wattwagen kippte um. Ich bin aus dem Gefährt katapultiert worden. Mir tat alles weh. Ich stand unter Schock.“

Seine Angst sei gewesen, dass er tödlich verletzt werden könne, wenn die Pferde vielleicht über ihn herüberlaufen. Er hätte „erwartet“, so der Zeuge, dass Hendrik B. sich „um mich und die anderen Verletzten kümmert, nicht nur um die Pferde.“

Nächster Prozesstermin auf Neuwerk

Das Trauma des Wattwagenunfalls habe er nicht verkraften können. Nicht einen Tag konnte der heute 65-Jährige nach dem Unglück seinen Dienst wiederaufnehmen, wurde dann vorzeitig pensioniert. „Dabei habe ich meinen Beruf bis dahin mit Herzblut ausgeübt“, versichert der ehemalige Insel-Postbote. Er habe früher in seiner Dienstzeit auf Neuwerk nie einen Wattwagen ohne Deichsel gesehen, beteuert der Zeuge.

Auch ein Polizist, der seit mehreren Jahren in Cuxhaven Dienst tut und vorher schon Wattwagenunfälle bearbeiten musste, verweist auf die Notwendigkeit einer Deichsel bei Pferdekutschen. „Jeder hat so ’n Ding da dran. Die hat ja eine Funktion.“

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Am nächsten Verhandlungstag wird es einen Ortstermin auf Neuwerk geben, um sich die Gegebenheiten genauer anzusehen. „Das Gericht hat einen Wattwagen gemietet“, klärt der Vorsitzende den Angeklagten auf. „Es steht Ihnen frei, dann zu zeigen, wie man ohne Deichsel fährt.“

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