Wissenschaft und Kunst

Eine Herberge im Norden für Forscher aus aller Welt

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Alexandra Schrader
Prof. Robert Feidenhans'l (v. l.) und Nicole Elleuche von der European-XFEL-Geschäftsführung, Friederike Kampschulte aus dem schleswig-holsteinischen Bildungsministerium und Hamburgs Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank vor dem neuen Gästehaus.

Prof. Robert Feidenhans'l (v. l.) und Nicole Elleuche von der European-XFEL-Geschäftsführung, Friederike Kampschulte aus dem schleswig-holsteinischen Bildungsministerium und Hamburgs Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank vor dem neuen Gästehaus.

Foto: Alexandra Schrader

Gästehaus mit 58 Betten auf dem European-XFEL-Campus in Schenefeld eröffnet. Was auf dem Gelände künftig noch geplant ist.

Schleswig-Holstein.  Scheibenartige Lampen hängen an der Decke der Empfangshalle. Die Sofas sind hell und schlicht. Es gibt eine Kaffeebar, daneben steht eine Schließfachwand. Das neue Gästehaus der internationalen Forschungsanlage European XFEL in Schenefeld, das am Montag eröffnet wurde, wirkt schnörkellos, ja fast minimalistisch. Eine Art Hotel für Forscherinnen und Forscher aus aller Welt mit 58 Betten in 55 Zimmern. Ende Juli sollen die ersten hier übernachten und sich direkt neben ihrem Arbeitsplatz ausruhen können.

Hamburgs Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) ist begeistert: „Das Gästehaus zeichnet European XFEL künftig noch stärker als Ort der Begegnungen aus, von dem die gesamte Metropolregion profitieren wird“, sagte sie. Der Ort sei wahrscheinlich „einer der internationalsten“ Norddeutschlands, an dem deutlich werde, dass Wissenschaft Brücken bauen könne. Im Jahr 2019, vor der Pandemie, haben 900 Forschende von 255 Institutionen in 28 Ländern den European XFEL besucht. „Hinter European XFEL steht nicht nur exzellente Forschung auf Weltniveau, sondern auch die europäische Idee der guten Nachbarschaft und Partnerschaft“, so Fegebank.

Eingangshalle in Schenefeld enthüllt

Gemeinsam mit Friederike Kampschulte, Abteilungsleiterin für Wissenschaft im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Schleswig-Holstein, enthüllte sie in der Eingangshalle des Gästehauses eines der 16 Kunstwerke im Gebäude, auf denen unter anderem Details des Herzstücks der European-XFEL-Anlage zu sehen sind – jenes Röntgenlasers, der 27.000 Blitze pro Sekunde abfeuern kann und eine milliardenfach höhere Leuchtkraft hat als herkömmliche Röntgenlaser. Mithilfe der 2017 in Betrieb genommenen Anlage entschlüsseln zum Beispiel internationale Forschergruppen atomare Details von Viren und Zellen oder filmen chemische Reaktionen.

„Bei der Gestaltung des Hauses war es uns sehr wichtig, Wissenschaft und Kunst miteinander zu verbinden“, sagte Prof. Robert Feidenhans’l, Vorsitzender der Geschäftsführung von European XFEL. Er hoffe, dass der gesamte Campus durch das Gästehaus noch mehr belebt werde. „Es wäre toll, wenn wir spätestens Weihnachten sagen könnten, dass einmal alle Betten gleichzeitig belegt waren.“ Die Kunstwerke im Gebäude basieren auf echten Fotos, die von einem Künstler nachbearbeitet und verändert wurden.

„Für mich steht Wissenschaft auch für Kreativität“

Doch nicht nur die Innenräume sind künstlerisch dekoriert: An der weißen Fassade des Gebäudes ist das Gesicht der Chemikerin Rosalind Franklin (1920-1958) zu sehen. Es erinnert an ihren wichtigen Beitrag zur DNA-Forschung. Die Britin legte mit Hilfe der Röntgenkristallografie den Grundstein für die Entdeckung der DNA-Doppelhelixstruktur.

Geschäftsführerin Nicole Elleuche lobte die Gestaltung: „Für mich steht Wissenschaft auch für Kreativität.“ Umso mehr freue sie sich über die künstlerischen Aspekte und darüber, dass die Pandemie langsam etwas mehr in den Hintergrund rücke. Schließlich seien auch der Wissenschaft durch das digitale Format Grenzen gesetzt.

Russische Forscherin: Herberge eine „Erleichterung"

Maria Naumova aus Russland sah sich die neuen Zimmer gleich mit Interesse an. Sie arbeitet zurzeit am benachbarten Forschungszentrum Desy in Hamburg-Bahrenfeld – und weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig ein gutes Bett in Reichweite des Arbeitsplatzes ist: „Wenn die Grundbedürfnisse gedeckt sind und man nach langen Experimenten nicht noch ewig mit der Bahn fahren muss, um nach Hause zu kommen, ist das in diesem Beruf schon eine extreme Erleichterung.“

Sie habe während ihrer Berufslaufbahn gemerkt, dass unter den Forschenden am häufigsten über die Kantinen diskutiert werde, so Naumova lachend.

Neues Gästehaus macht Schenefeld internationaler

Das neue Gästehaus dürfte auch für Hamburgs Nachbarin Schenefeld mehr Internationalität bedeuten. So könnten zum Beispiel die örtliche Gastronomie oder das Einkaufszentrum Stadtzentrum Schenefeld von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern profitieren, die sich in Zukunft vermehrt in der Gegend aufhielten. „Schenefeld wird durch die vielen internationalen Gäste natürlich wichtiger auf der Weltkarte“, so European XFEL-Pressesprecher Bernd Ebeling.

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Bereits jetzt komme die Hälfte der Wissenschaftler aus anderen Ländern, viele von ihnen wohnten auch in Schenefeld. Durch die wachsende Bedeutung von European XFEL zögen mehr Menschen zu, die auch mehr Kaufkraft brächten. Allerdings geht Ebeling davon aus, dass das Gästehaus nicht für alle Forschenden ausreichen werde. „Kooperationen mit Schenefelder Hotels wird es also trotzdem noch geben.“

Schenefeld soll auch Besucherzentrum bekommen

Auf der anderen Seite ist angedacht, im Gästehaus auch Schülerinnen und Schüler aus dem Ausland einzuquartieren – natürlich nur in den Zeiten, in denen gerade nicht so viele Wissenschaftler vor Ort seien.

Bald beginnt der Bau eines Besucherzentrums mit 350 Quadratmetern Ausstellungsfläche, das der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen solle. Insbesondere Schülerinnen und Schülern könne die Wissenschaft in dem geplanten Schülerlabor näher gebracht werden, sagt Sprecher Bernd Ebeling. Nach Plan soll das Gebäude – es wird seinen Besuchern auch eine interaktive Ausstellung bieten – Ende 2023 fertig sein. Elf Millionen Euro Baukosten sind angesetzt, von denen die Gesellschafter des European XFEL den Großteil tragen werden. Außerdem soll auf dem Forschungs-Campus bald eine sogenannte Undulatorhalle eröffnen, in der lichterzeugende Strukturen vermessen werden.

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