Corona-Pandemie

Impfstoff-Mangel: Das sind die Folgen für Hamburg

| Lesedauer: 6 Minuten
Vor dem Corona-Impfzentrum in  den Hamburger Messehallen stehen  Impfwillige in der Schlange.

Vor dem Corona-Impfzentrum in den Hamburger Messehallen stehen Impfwillige in der Schlange.

Foto: picture alliance

Weil die Hersteller weniger liefern, gibt es kaum neue Termine. Schulsenator: Keine Maskenpflicht mehr auf Schulhöfen.

Hamburg.  Die festen Termine wackeln noch nicht, doch beim Tempo schwächelt Hamburg im Impfzentrum, in den Arztpraxen und bei den Betriebsärzten. Mindestens einmal geimpft sind 46,0 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, im Bundesdurchschnitt beträgt die Impfquote 48,9 Prozent. Allerorten warten die Ärzte auf die Lieferungen von Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson. Wie Biontech gestern ankündigte, falle die Lieferung im Juli geringer aus. Das sei aber geplant gewesen, weil man spätere Lieferungen in den Juni vorgezogen habe.

Schlechte Nachrichten für Hamburger Ärzte kamen von Johnson & Johnson: Das Vakzin, das für eine vollständige Immunisierung nur einmal gespritzt werden muss, kann nun doch nicht wie erwartet unbegrenzt in die Praxen bestellt werden.

Viele Hamburger Ärzte haben Impfstoff bevorratet

In der kommenden Woche soll überhaupt keine J&J-Dosis geliefert werden, heißt es in einem Schreiben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Und: Die Ärzte sollen versuchen, exakt so wenig oder viel Impfstoff zu bestellen, wie sie für Zweitimpfungen brauchen. Termine für Erstimpfungen sollen sie danach ausrichten, wie viele Dosen überhaupt erst in ihrer Praxis ankommen.

Terminabsagen gibt es nach Auskunft des Impfzentrums nicht. Für die Praxen sagte KV-Sprecher Jochen Kriens: „Viele Ärzte haben Impfstoff derzeit in gewissem Umfang bevorratet, um die Schwankungen abfedern zu können. Insofern können die Termine bei zurückgehenden Impfstoffmengen zwar gehalten werden, allerdings wird das Tempo herausgenommen.“

Delta-Variante an Hamburger Grundschule?

Dabei droht eine Ausbreitung der sogenannten Delta-Variante auch in Hamburg. Wie der Spiegel berichtet, soll diese Variante – noch einmal deutlich ansteckender als der Corona-Wildtyp – in einer Grundschule in Lokstedt entdeckt worden sein. Alle ersten Klassen seien darauf nach Hause geschickt worden. Die Untersuchungen des Gesundheitsamtes zur Identifizierung der Kontaktpersonen liefen noch, so der Spiegel.

Wie das Abendblatt aus Kreisen der Hamburger Verwaltung erfuhr, seien bisher jedoch keine bestätigten Fälle bekannt. Jedoch wäre es nicht überraschend, wenn nun auch in Hamburg solche Fälle auftauchten, hieß es weiter. In der Hansestadt waren bis Dienstag 18 Fälle der Delta-Variante aus Indien erfasst worden.

Lesen Sie auch:

Auch in der Bürgerschaft war die schleppende Impfkampagne am Mittwoch erneut ein Thema. Dabei prallten höchst unterschiedliche Sichtweisen aufeinander: Die CDU warf dem rot-grünen Senat vor, dass Hamburg bei der Versorgung mit Impfstoff auf Platz elf der 16 Bundesländer liege, bei der Impfquote aber auf dem vorletzten Platz: „Hamburg hat das Impfen einfach schlecht organisiert“, kritisierte CDU-Fraktionschef Dennis Thering.

Freude über Rückkehr zur Normalität

SPD und Grüne wiesen das erbost zurück. Bekanntlich habe Hamburg deutlich weniger Impfstoff erhalten als andere Bundesländer, und auch der versprochene Ausgleich sei noch nicht erfolgt, sagte SPD-Fraktionsvizin Ksenija Bekeris. Ihr Fraktionskollege Hansjörg Schmitt sowie Peter Zamory und Michael Gwosdz (beide Grüne) belehrten Thering, dass er die Zahlen falsch wiedergebe. Hamburg liege in beiden Statistiken auf Platz 13, und was in der Hansestadt ankomme, werde prompt verimpft.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

In der letzten Sitzung vor der Sommerpause zeigten sich Redner fast aller Fraktionen über die schrittweise Rückkehr zur Normalität erfreut, mahnten aber zugleich, nicht übermütig zu werden. „Lassen Sie uns vorsichtig bleiben“, sagte etwa Lena Zagst (Grüne), „aber lassen Sie uns auch genießen, was wieder möglich ist und was bald wieder möglich sein wird – Tanzen zum Beispiel.“ Da stimmte sogar Oppositionsführer Thering ein: „Wenn wir nicht leichtsinnig werden, kann es ein großartiger Sommer werden.“

AfD forderte erneut, die Corona-Schutzmaßnahmen umgehend aufzuheben

Die AfD forderte erneut, die Corona-Schutzmaßnahmen umgehend aufzuheben. Sorge vor der noch ansteckenderen „indischen Variante“, wie sie die anderen Fraktionen zum Ausdruck gebracht hatten, müsse man nicht haben, so ihr Abgeordneter Krzysztof Walczak: Ihr Anteil liege in Deutschland laut RKI stabil bei drei Prozent. Auch Anna von Treuenfels-Frowein (FDP) monierte, dass etliche Freiheitsrechte nicht länger beschränkt werden dürfen, und nannte als Beispiel die Sperrstunde in der Gastronomie.

Diese Corona-Impfstoffe sind in Deutschland zugelassen

  • Biontech/Pfizer: Der erste weltweit zugelassene Impfstoff gegen das Coronavirus wurde maßgeblich in Deutschland entwickelt. Der mRNA-Impfstoff, der unter dem Namen Comirnaty vertrieben wird, entwickelt den vollen Impfschutz nach zwei Dosen und ist für Menschen ab zwölf Jahren zugelassen. Laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat er eine Wirksamkeit von etwa 90 Prozent – das heißt, die Wahrscheinlichkeit, schwer an Covid-19 zu erkranken, sinkt bei Geimpften um den genannten Wert. Ebenfalls von Biontech stammt der erste für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren zugelassene Impfstoff in Deutschland.
  • Astrazeneca: Der Vektorimpfstoff des britischen Pharmaunternehmens wird unter dem Namen Vaxzevria vertrieben. Aufgrund von seltenen schweren Nebenwirkungen empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko), den Impfstoff nur für Patienten zu verwenden, die älter als 60 Jahre sind. Offiziell zugelassen ist der Impfstoff aber für Menschen ab 18 Jahren. Vaxzevria weist laut BMG nach zwei Impfdosen eine Wirksamkeit von bis zu 90 Prozent in Bezug auf schwere Erkrankungen auf.
  • Moderna: Der von dem US-Unternehmen entwickelte mRNA-Impfstoff mit dem Vertriebsnamen Spikevax ist für alle ab 12 Jahren zugelassen, die Stiko empfiehlt aufgrund eines erhöhten Risikos schwerer Nebenwirkungen aber, ihn auf die Altersgruppe der über 30-Jährigen zu beschränken. Der Moderna-Impfstoff hat laut BMG eine Wirksamkeit von bis zu 90 Prozent in Bezug auf schwere Erkrankungen, wenn der volle Impfschutz nach zwei Impfdosen erreicht worden ist.
  • Johnson&Johnson: Das US-Unternehmen hat einen Vektorimpfstoff entwickelt, der bereits nach einer Impfdosis Schutz vor dem Coronavirus entwickelt. Er wird unter dem Namen Covid-19 Vaccine Janssen vertrieben. Das Präparat hat laut BMG eine Wirksamkeit von bis zu 70 Prozent bezogen auf schwere Erkrankungen – zudem ist die Zahl der Impfdurchbrüche im Vergleich zu den anderen Impfstoffen erhöht, daher empfiehlt die Stiko für mit Johnson&Johnson Geimpfte schon nach vier Wochen eine zusätzliche Impfdosis mit Comirnaty oder Spikevax, um den vollständigen Impfschutz zu gewährleisten.
  • Novavax: Das US-Unternehmen hat den Impfstoff Nuvaxovid entwickelt. der mitunter zu den sogenannten Totimpfstoffen gezählt wird. Er enthält das Spike-Protein des Covid-19-Erregers Sars-CoV-2. Dabei handelt es sich aber genau genommen nicht um abgetötete Virusbestandteile, die direkt aus dem Coronavirus gewonnen werden. Das Protein wird stattdessen künstlich hergestellt. Das menschliche Immunsystem bildet nach der Impfung Antikörper gegen das Protein. Der Impfstoff wird vermutlich ab Ende Februar in Deutschland eingesetzt und soll laut BMG in bis zu 90 Prozent der Fälle vor Erkrankung schützen.
  • Weitere Impfstoffe sind in der Entwicklung: Weltweit befinden sich diverse Vakzine in verschiedenen Phasen der Zulassung. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA prüft derzeit das umstrittene russische Präparat Sputnik V sowie die Impfstoffe der Hersteller Sinovac, Sanofi und Valneva. Der deutsche Hersteller CureVac hat seinen Impfstoff vorerst aus dem Zulassungsverfahren zurückgezogen.

Für den Senat fasste es Schulsenator Ties Rabe (SPD) so zusammen: „Wir sind optimistisch, aber wir sind vorsichtig. Nicht alles auf einmal – das ist ein Hamburger Motto, das sich bewährt hat.“ Mit seinem Hinweis, dass der am Dienstag verkündete Wegfall der Maskenpflicht im Freien auch für die Schulhöfe gelte, löste er eine kleine schulpolitische Auseinandersetzung aus.

Sieben-Tage-Inzidenz sank leicht

Treuenfels-Frowein und Birgit Stöver (CDU) forderten, die Maskenpflicht auch im Unterricht aufzuheben, und zwar umgehend. Rabe entgegnete, dass die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) – ehemals Schulpolitikerin in der Bürgerschaft – es genauso halte wie Hamburg.

Stöver forderte Rabe zudem auf, rechtzeitig ein Konzept für die Zeit nach den Sommerferien, also ab 5. August, vorzulegen. „Spätestens am 26. Juli müssen die Schulleitungen wissen, was passiert“, so die CDU-Abgeordnete. Ob Präsenzunterricht stattfinde, ob mit Test- und Maskenpflicht – das wollten auch Eltern und Schüler rechtzeitig wissen.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Am Mittwoch wurden 52 Neu-Infektionen vermeldet, das waren zwar 15 mehr als am Vortag, aber neun weniger als eine Woche zuvor. Die Sieben-Tage-Inzidenz sank leicht von 15,1 auf 14,6 – so niedrig war der Wert zuletzt am 9. September 2020. Indes: Am 16. Juni des Vorjahres lag die Inzidenz nur bei 1,5. Auch in den Krankenhäusern entspannt sich die Lage. 51 Covid-19-Patienten werden dort noch behandelt – zwei weniger als am Vortag. 29 von ihn liegen auf einer Intensivstation, das sind vier weniger. Die Zahl der Todesfälle infolge von Corona-Infektionen stieg um einen auf 1581.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg