Stadtentwicklung

Rothenburgsort: Was wird aus diesem Fabrikensemble?

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Friederike Ulrich
Zusätzlich zur Wasserlage punktet das Areal mit der unmittelbaren Nähe zum Elbpark Entenwerder, dem  in 250 Meter Entfernung entstehenden Elbtower und der HafenCity

Zusätzlich zur Wasserlage punktet das Areal mit der unmittelbaren Nähe zum Elbpark Entenwerder, dem in 250 Meter Entfernung entstehenden Elbtower und der HafenCity

Foto: Mark Sandten / FUNKE FOTO SERVICES / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Für die ehemalige Branntweinmonopolverwaltung am Entenwerder Elbpark haben Stadtteil, Denkmalverein und Stadt unterschiedliche Visionen.

Hamburg.  Eine historische Backsteinhalle mit großen Fenstern, ein kopfsteingepflasterter Hof und eine von Grün umwachsene, überdachte Freifläche – hinter mit Stacheldraht bewehrten Zäunen liegt die ehemalige Verwaltungsstelle der Hamburger Reichsmonopolverwaltung für Branntwein im Dornröschenschlaf. Um die Bürger vor gesundheitlichen Gefahren durch gepanschten Fusel zu schützen, wurde hier ab 1936 landwirtschaftlicher Restalkohol übernommen, aufbereitet und an Spirituosenhändler weitergegeben. Die Lage zwischen den Vier- und Marschlanden und der Innenstadt, unmittelbar an einem Seitenbecken der Elbe, war dafür prädestiniert.

Heute liegt der 2013 aufgegebene Lager- und Fabrikkomplex noch deutlich attraktiver: Zusätzlich zur Wasserlage kann er mit der unmittelbaren Nähe zum Elbpark Entenwerder, dem in 250 Meter Entfernung entstehenden Elbtower und der HafenCity punkten. Über die beliebte Veloroute 9, die von der Innenstadt über den Oberhafenradweg Richtung Vierlande und Elbe-Radweg führt, ist er bestens an den Radverkehr angebunden. Und über die Station „Elbbrücken“ ist er auch mit U- und S-Bahn gut zu erreichen.

Entenwerder Elbpark: Verschiedene Visionen

Zwischen den denkmalgeschützten Gebäuden – der Abfertigungshalle, dem überdachten Fasslager, den Werkstätten und dem Verwaltungsgebäude – drängt sich einem die Vision eines lebendigen Stadtteilzentrums förmlich auf: mit sozialen und kulturellen Nutzungen in der backsteinernen Halle, einem Foodmarket auf der überdachten Freifläche, und Tischen auf dem kopfsteingepflasterten Hof, an denen man essen und trinken kann.

Diese Vision hat auch Ingo Böttcher. Der Journalist und bekennende Rothenburgsorter engagiert sich seit Jahrzehnten in und für den Stadtteil – unter anderem in der Initiative „Hamburgs wilder Osten“. Diese wiederum hat sich dem Verband „Monopol für alle“ angeschlossen, der sich bereits ausführlich mit einer gemeinwohlorientierten Umnutzung der ehemaligen Branntweinmonopolverwaltung beschäftigt hat. In einer Broschüre hat die Gruppe beschrieben, wie aus dem Gelände an der Schnittstelle zwischen Rothenburgsort, HafenCity und Veddel „ein belebter und einladender Ort für Menschen, die in der Umgebung leben, arbeiten oder unterwegs sind“ werden kann. Ein solches Projekt am „Stadteingang Elbbrücken“ – so heißt ein für den Bereich aufgelegtes Stadtentwicklungsprogramm – würde das Symbol des Elbtowers um einen facettenreichen Ort ergänzen.

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Entsteht hier das Stadtteilzentrum für Ro­thenburgsort?

Was aber tatsächlich auf dem Grundstück geschehen soll, bleibt deutlich hinter den Visionen der Rothen­burgsorter und den Nutzungsmöglichkeiten der historischen Gebäude zurück. Die Abfertigungshalle, unter der sich in fünf Meter hohen Räumen noch immer die alten Edelstahltanks befinden, soll tatsächlich als Stadtteilzentrum für Ro­thenburgsort hergerichtet werden. Um das zu ermöglichen, will Hamburg die Halle von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) kaufen. Das teilte die Stadt im März mit. Die übrigen Gebäude aber sollen, obwohl sie unter Denkmalschutz stehen, abgerissen werden. An ihrer Stelle will die Zollverwaltung eine Aus- und Weiterbildungseinrichtung bauen: mit Schulungsräumen und 400 Einzelzimmern.

Das wiederum ruft den Denkmalverein auf den Plan. „Dieses Ensemble aus den späten 1930er-Jahren, das in der Nachkriegszeit ergänzt wurde, ist in vielen Details erstaunlich gut erhalten“, sagt Geschäftsführerin Kristina Sassenscheidt. Mit seinen unterschiedlichen Funktionsbauten zeige der Komplex anschaulich, wie der Staat früher Alkohol aufbereitet und umgeschlagen hat – vom An- und Abtransport per Schiff oder Lkw über die Mengenbestimmung bis zur Reinigung. Dabei wäre insbesondere in den 1930er-Jahren eine sehr unterschiedliche architektonische Formensprache verwendet worden. „Während die beiden Wohn- und Verwaltungsgebäude mit ihren Walmdächern, Natursteinsockeln und gerahmten Fenstern eher traditionalistisch daherkommen, sind etwa die Halle, das Fasslager und die Garagen für ihre Zeit sehr moderne Industriebauten.“

Sie abzureißen, zerstöre das Denkmal. „Die Gebäude können nur in der Gesamtheit die Geschichte der Reichsmonopolverwaltung für Branntwein erzählen“, so Sassenscheidt. „Daher sollte auch unbedingt das vollständige Ensemble erhalten bleiben.“

Vollständiges Ensemble sollte erhalten bleiben

Ihrer Ansicht nach würde sich die aufgegebene Schule Neuhof für die Unterbringung der Zollakademie eignen. Tatsächlich steht das denkmalgeschützte Gebäude im Hafengebiet schon lange leer. Das Bundesfinanzministerium teilt auf Nachfrage jedoch mit, im Rahmen der Überprüfung mehrerer Liegenschaften im Großraum Hamburg habe sich das Gelände der ehemaligen Monopolverwaltung für die Zwecke der Zollverwaltung als „die bedarfsgerechteste und wirtschaftlichste Variante“ herausgestellt. Ob auch die Schule Neuhof geprüft wurde, bestätigte die Sprecherin nicht.

Die Gruppe „Monopol für alle“ und Ingo Böttcher freuen sich zwar darüber, dass die Stadt dem lange vernachlässigten Rothenburgsort jetzt ein neues Stadtteilzentrum zubilligt – zumal das Geld dafür (fünf Millionen Euro aus Bundesmitteln) bereits im Juni 2020 zugesagt wurde. Doch bis die Abfertigungshalle umgebaut und genutzt werden könne, würden noch viele Jahre vergehen, so Böttcher. „Und wir brauchen unser Stadtteilzentrum dringend.“ Derzeit wären die sozialen und kulturellen Gruppen, die sich in Rothenburgsort entwickelt hätten, über den gesamten Stadtteil verteilt – viele könnten ihre Standorte zudem nur temporär nutzen.

Ihm schwebt daher der Neubau eines Stadtteilzentrums vor, das rückwärtig an die überdachte (und noch eingezäunte) Fasslager-Fläche anschließt. Die Umweltbehörde hat dafür bereits ein rund 200 Quadratmeter großes Stück einer Grünfläche zugesagt. Dennoch plädiert auch er für den Erhalt des gesamten Ensembles. „Das Branntweinmonopol als Ganzes wäre nicht nur für die Menschen in Rothenburgsort ein idealer Ort für soziale Angebote und Treffpunkte, Werkstätten, Ateliers und Gemeinschaftsbüros. Von einem Marktplatz für frische Produkte aus den Vierlanden über ein Veranstaltungs- und Theaterzentrum bis zur Gläsernen Manufaktur sind hier viele Nutzungen denkbar, die die ganze Stadt zusammenbringen.“ Schließlich liege das historische Ensemble zwischen der inneren Stadt und dem Hamburger Osten. Und diesen wolle die Stadt schließlich mit dem Konzept „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ weiter voranbringen.

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